Mittwoch, 8. August 2018

Der Insider- Naturschutzbericht Pflegende, verfasst von Madame Malevizia, Pflegehexe




Finanzielles
Der eine oder die andere rümpft bestimmt schon die Nase und meint «War ja klar, die wollen einfach mehr Geld.» Geld ist tatsächlich ein Faktor. Sollen nämlich Familienfrauen und –männer im Beruf bleiben, oder diesen neu erlernen, muss es möglich sein, mit dem erarbeiteten Lohn eine Familie durchzubringen. Und das mit einem Pensum, in dem die Kinder Mami und Papi auch noch zu Gesicht bekommen. Geld kann auch ein Anreiz sein, an einem Ort zu arbeiten, an dem der Arbeitsaufwand und der Anspruch an die Pflegenden hoch ist. Ganz ehrlich, wenn ich schon geistigen sowie körperlichen Höchstleistungssport betreibe, will ich auch etwas dafür bekommen. Christiano Ronaldo würde für den Lohn, welchen Pflegefachpersonen verdienen, nicht einmal seine Fussballschuhe anziehen, geschweige denn auf den Platz gehen.
Verbindlichkeit statt unendlicher Verfügbarkeit
Die Idee, dass Pflegende weiterhin 24Stunden und 365 Tage pro Jahr verfügbar sein müssen, ist absurd. Auch Pflegende werden mal krank, auch sie haben das Bedürfnis nach Ausgleich. Und gerade sie haben jedes Recht darauf. Das Gesundheitswesen krankt vor allem daran, dass alle Pflegenden in allen Schichten arbeiten müssen, die überhaupt nicht ihrem Biorhythmus entsprechen. Es ist schlicht «Tierliquälerei», wenn Pflegende Nachtwache machen müssen, sie tagsüber aber nicht schlafen können und umgekehrt genauso. Ebenso muss es möglich sein, sich in einem Verein zu engagieren oder einem Hobby zu frönen. Dies bedingt eine gewisse Regelmässigkeit im Einsatzplan. Ebenfalls muss dieser Einsatzplan verbindlich sein. Frei ist frei und da klingelt kein Telefon mit der dringenden Bitte, der je nach Betrieb gar zum Befehl ausarten kann, wegen eines Krankheitsausfalls einzuspringen.
Ich wüsste gerne, wie manche Pflegedienst- oder Heimleitung jetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlägt und ruft: «Aber das geht doch gar nicht!» Bis jetzt hat es aber auch niemand ernsthaft versucht. Ich bin der Auffassung, die Betriebe müssen dies ebenso lange umzusetzen versuchen, wie sie von der ständigen Verfügbarkeit der Pflegenden profitiert haben. Das dürften so um die hundert Jahre oder mehr sein.
In genau in dieser Verfügbarkeit, die zu einer Verbindlichkeit werden soll, liegt so viel Potenzial. Viele Pflegende verlassen ihren Beruf genau deswegen. Viele Pflegende kehren nicht zurück, weil sie nicht so verfügbar sein können, wie die Betriebe es erwarten. Kinder kann man halt nicht eben mal schnell in die Gefriertruhe packen, wenn Mami oder Papi arbeiten sollten.
Unterstützung
Allzu oft werden Pflegende mit ihren Alltagsproblemen alleine gelassen. Ich meine das jetzt ganz praktisch. Es braucht Experten vor Ort, die in komplexen Situationen beratend und unterstützend beistehen. Das bedingt jedoch, dass diese Experten neben theoretischem auch über ebenso hohes praktisches Fachwissen verfügen. Pflegende wollen sich in dem was sie tun sicher fühlen. Ist dies nicht der Fall, verlassen sie irgendwann frustriert die Berufswelt. Pflegende sind an Wissen interessiert, vor allem die jungen Pflegenden sind hungrig und wollen sich weiterbilden. Solche Pflegende brauchen Perspektiven. Werden sie gefördert, bleiben sie dem Gesundheitswesen erhalten.
Kompetente Vorgesetzte
Ein unendlich wichtiger Faktor sind die Vorgesetzten. Pflegende brauchen keine lieben Vorgesetzten, die mit Säuselstimmchen unbestimmte Weisheiten von sich geben. Klarheit ist hier gefragt. Klarheit, Kompetenz und Kraft. Sie brauchen Vorgesetzte, die zum einen ganz genau wissen was sie selbst tun, aber ebenso genau, was ihre Mitarbeiter tun. Nötig sind Vorgesetzte, die zu ihrem Wort stehen und für die Mitarbeiter verlässliche Partner sind.
Wertschätzung
Es ist keine Imagekampagne nötig. Nein, ich muss es anders formulieren. Eine Imagekampagne ist zum heutigen Zeitpunkt nicht möglich. Sie ist nicht realisierbar, weil sie gelogen wäre. Für mich ist Pflegefachfrau der schönste Beruf, den es gibt. Durch den ständig wachsenden Spar- und Zeitdruck wird es uns aber schier unmöglich, diesen adäquat auszuüben. Das bekommt jeder mit, der jemals einen Fuss in eine Gesundheitseinrichtung gesetzt hat. Irgendwelche Friede- Freude- Eierkuchen Aktionen entsprechen im Moment einfach nicht der Realität.
Für Pflegende hilfreich wäre eine Wertschätzungskampagne. Ein öffentliches «Dankeschön, dass ihr an Weihnachten, Neujahr, Ostern, Pfingsten etc. da seid. Dankeschön, dass ihr tut, was ihr tut.» Es braucht keine Plakate mit strahlenden Pflegenden, die betonen, wie schön, spannend, vielseitig der Beruf ist. Viel wichtiger ist es, dass die Menschen in diesem Land, den Pflegenden Anerkennung für ihr Tun geben. Und da musss mehr kommen als: «Ich könnte das nicht.» Wertschätzung heisst, Pflegenden zu zuhören, was sie in ihrem Alltag erleben. Da ist nämlich nicht nur Leid, Schmerz und Ekel. Da ist auch ganz viel Freude, da sind Wunder, da ist Demut, da ist Leben. Indem unsere Gesellschaft dieses Erleben von Pflegenden, die Schatten wie die Lichter, in ihre Mitte holt, kann es auch wieder  mehr kleine Mädchen und Jungen geben, die sagen: «Ich will Pflegefachperson werden.»
In der Hoffnung einige Denkanstösse bewirkt zu haben, schliesse ich diesen Bericht
Eure
Madame Malevizia

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