Donnerstag, 6. September 2018

Verantwortung übernehmen

Meine Lieben,

Es war ein politischer Entscheid, die Swiss DRG einzuführen, dies trotz Warnungen des Berufsverbandes SBK. In den Swiss DRG wird die Pflege ungenügend abgebildet. Die Folge, um entsprechend dem Aufwand entschädigt zu werden, dokumentieren sich die Pflegenden dumm und dämlich. Ebenfalls ist mit den DRGs ein neues Anreizsystem geschaffen worden. Je kürzer der Patient hospitalisiert ist, desto mehr Geld für die Institution. Dies zieht die sogenannt «blutigen» Austritte nach sich. Für SPITEX aber auch für die Heime stellt dies zum Teil eine absolute Überforderung dar. Um diesem entgegen zu treten, wurde bestimmt, dass ein Wiedereintritt nach kurzer Zeit (ich weiss gerade nicht nach wie vielen Tagen) unter dem selben DRG läuft, sprich, es gibt nicht mehr Geld dafür. Was tun nun findige Spitäler? Sie überweisen solche Patienten wegen ihrer Komplexität in die Universitätsspitäler, welche diese aufnehmen müssen, weil sie einen Leistungsauftrag haben. Das Universitätsspital erhält jedoch nur noch das «Restgeld» des DRGs. Bei einer Operation wird es noch perfider. Ein Grossteil des DRG wird für die Operation bezahlt. Wenn ein Spital nun eine Operation durchführt, der Patient dann jedoch Komplikationen erleidet, die dieses Spital nicht mehr bewältigen kann, erhält das übernehmende Universitätsspital nur noch den Restbetrag (also DRG minus OP). In beiden Fällen ist der Patient für das Universitätsspital vom ersten Tag an defizitär. Diese «Rosinenpickerei» gehört schlicht unterbunden. Die Macht dazu hat das Parlament.
Die meisten Privatspitäler funktionieren über das Belegarztsystem. Machen diese Ärzte Ferien fahren die Spitäler ihre Bettenzahl herunter. Dies ist auch völlig logisch, leere Betten verursachen Kosten. Dadurch können sie auch weniger Notfälle aufnehmen, was dazu führt, dass die Notfälle der öffentlichen Spitäler überlaufen, die Bettenhäuser ebenso überfüllt sind. Dadurch kommt das Pflegepersonal an den Rand eines Kollapses. Den Pflegedirektionen ist es gar nicht möglich, so kurzfristig ausreichend Personal zu rekrutieren. Das, meine Lieben, ist nicht nur unfair, sondern schlicht gefährlich. Auch das gehört abgestellt. Wenn die Privatspitäler auch Gelder von der öffentlichen Hand erhalten, sollen sie auch denselben Leistungsauftrag wie die öffentlichen Spitäler erfüllen.
Der Bundesgerichtsentscheid, dass Pflegematerialien den Krankenkassen nicht mehr verrechnet werden dürfen, konnte nur zustande kommen, weil die Gesetzeslage so ist. Und so ist die Pflege meines Wissens, der einzige Berufsstand, der sein benötigtes Material nicht verrechnen darf.
Jedes Jahr kommt es in beinahe jedem Kanton zu Sparmassnahmen. Ausgetragen werden diese mit Vorliebe auf dem Buckel des Gesundheitswesens. Daneben sind Bund, Kantone und Gemeinde Meister darin, sich gegenseitig den finanziellen schwarzen Peter zu zuschieben. Verantwortung übernehmen geht anders.
Es ist die fixe Idee der Politiker, dass Gesundheitsinstitutionen Gewinn bringend sein sollen. Der Kapitalismus lässt grüssen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass dies ohne Rücksicht auf Verluste erreicht werden soll. Diese Bestrebungen gehen auf Kosten der Menschlichkeit. Inne halten, umdenken? Fehlanzeige.
Ganz konkret gesagt:
Ich werfe der SP vor, dass die Gesundheitspolitik in ihrem Parteiprogramm schlicht inexistent ist. Das weiss ich, weil ich dieses gelesen habe. Vieles über eine menschliche Wirtschaft steht da drin. Aber nichts, was Pflegenden in ihrer Not helfen würde. Es gibt in den Kantonen sehr gute Programme zum Thema Gesundheitswesen. Ebenfalls gibt es Politikerinnen und Politiker der SP, welche sich engagieren. Um wirklich etwas erreichen zu können, braucht es jedoch mehr als Einzelaktionen.
Die Juso konzentriert sich auf Freiräume der Jugend, Polizeigewalt oder und im Moment sehr darauf, zu beurteilen was nun sexistisch ist oder nicht. Alles Themen, die irgendwo wichtig sein können. Dabei verpassen sie die Tatsache, dass vor ihrer Nase die Menschenrechte von Patienten und Pflegenden tagtäglich verletzt werden. Eine Beteiligung dieser jungen, mitunter auch kreativen Partei, ist für mich ein Muss.
Für die FDP scheint das Gesundheitswesen ausschliesslich aus den Krankenkassen zu bestehen. Mehr gibt es über diese Partei nicht zu sagen. Und zu erwarten hat die Pflege von der FDP grundsätzlich nichts. Aber gerade von dieser Partei erwarte ich, dass sie an Lösungen konkret mitarbeitet.
Im Parteiprogramm der SVP ist das Gesundheitswesen durchaus präsent. Die Ansätze sind zwar sehr konservativ, aber durchaus zu diskutieren. Leider fokussiert sich die SVP lieber auf die Masseneinwanderung oder die Frage des Kopftuchs. Aus meiner Sicht, ein Armutszeugnis für die Partei. Lässt sie doch dadurch einen Teil der Bevölkerung kläglich im Stich.
Die CVP hat das «Christlich» in ihrem Namen, müsste sich also mit ethisch- moralischen Fragen auseinandersetzen. Solche Fragen gibt es beim Thema Gesundheitspolitik mehr als genug. Doch auch sie bleibt weitgehend stumm.
Das Gesundheitswesen ist hochkomplex. Als Politikerin oder Politiker braucht es durchaus Mut sich ernsthaft damit zu befassen. Doch jeder einzelne, der in einem Rat sitzt, hat sich bewusst dafür entschieden. Als Bürgerin, als Wählerin, als Pflegehexe erwarte ich, dass sie nun ihre Verantwortung wahrnehmen.
Eure Madame Malevizia

Mittwoch, 8. August 2018

Der Insider- Naturschutzbericht Pflegende, verfasst von Madame Malevizia, Pflegehexe




Finanzielles
Der eine oder die andere rümpft bestimmt schon die Nase und meint «War ja klar, die wollen einfach mehr Geld.» Geld ist tatsächlich ein Faktor. Sollen nämlich Familienfrauen und –männer im Beruf bleiben, oder diesen neu erlernen, muss es möglich sein, mit dem erarbeiteten Lohn eine Familie durchzubringen. Und das mit einem Pensum, in dem die Kinder Mami und Papi auch noch zu Gesicht bekommen. Geld kann auch ein Anreiz sein, an einem Ort zu arbeiten, an dem der Arbeitsaufwand und der Anspruch an die Pflegenden hoch ist. Ganz ehrlich, wenn ich schon geistigen sowie körperlichen Höchstleistungssport betreibe, will ich auch etwas dafür bekommen. Christiano Ronaldo würde für den Lohn, welchen Pflegefachpersonen verdienen, nicht einmal seine Fussballschuhe anziehen, geschweige denn auf den Platz gehen.
Verbindlichkeit statt unendlicher Verfügbarkeit
Die Idee, dass Pflegende weiterhin 24Stunden und 365 Tage pro Jahr verfügbar sein müssen, ist absurd. Auch Pflegende werden mal krank, auch sie haben das Bedürfnis nach Ausgleich. Und gerade sie haben jedes Recht darauf. Das Gesundheitswesen krankt vor allem daran, dass alle Pflegenden in allen Schichten arbeiten müssen, die überhaupt nicht ihrem Biorhythmus entsprechen. Es ist schlicht «Tierliquälerei», wenn Pflegende Nachtwache machen müssen, sie tagsüber aber nicht schlafen können und umgekehrt genauso. Ebenso muss es möglich sein, sich in einem Verein zu engagieren oder einem Hobby zu frönen. Dies bedingt eine gewisse Regelmässigkeit im Einsatzplan. Ebenfalls muss dieser Einsatzplan verbindlich sein. Frei ist frei und da klingelt kein Telefon mit der dringenden Bitte, der je nach Betrieb gar zum Befehl ausarten kann, wegen eines Krankheitsausfalls einzuspringen.
Ich wüsste gerne, wie manche Pflegedienst- oder Heimleitung jetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlägt und ruft: «Aber das geht doch gar nicht!» Bis jetzt hat es aber auch niemand ernsthaft versucht. Ich bin der Auffassung, die Betriebe müssen dies ebenso lange umzusetzen versuchen, wie sie von der ständigen Verfügbarkeit der Pflegenden profitiert haben. Das dürften so um die hundert Jahre oder mehr sein.
In genau in dieser Verfügbarkeit, die zu einer Verbindlichkeit werden soll, liegt so viel Potenzial. Viele Pflegende verlassen ihren Beruf genau deswegen. Viele Pflegende kehren nicht zurück, weil sie nicht so verfügbar sein können, wie die Betriebe es erwarten. Kinder kann man halt nicht eben mal schnell in die Gefriertruhe packen, wenn Mami oder Papi arbeiten sollten.
Unterstützung
Allzu oft werden Pflegende mit ihren Alltagsproblemen alleine gelassen. Ich meine das jetzt ganz praktisch. Es braucht Experten vor Ort, die in komplexen Situationen beratend und unterstützend beistehen. Das bedingt jedoch, dass diese Experten neben theoretischem auch über ebenso hohes praktisches Fachwissen verfügen. Pflegende wollen sich in dem was sie tun sicher fühlen. Ist dies nicht der Fall, verlassen sie irgendwann frustriert die Berufswelt. Pflegende sind an Wissen interessiert, vor allem die jungen Pflegenden sind hungrig und wollen sich weiterbilden. Solche Pflegende brauchen Perspektiven. Werden sie gefördert, bleiben sie dem Gesundheitswesen erhalten.
Kompetente Vorgesetzte
Ein unendlich wichtiger Faktor sind die Vorgesetzten. Pflegende brauchen keine lieben Vorgesetzten, die mit Säuselstimmchen unbestimmte Weisheiten von sich geben. Klarheit ist hier gefragt. Klarheit, Kompetenz und Kraft. Sie brauchen Vorgesetzte, die zum einen ganz genau wissen was sie selbst tun, aber ebenso genau, was ihre Mitarbeiter tun. Nötig sind Vorgesetzte, die zu ihrem Wort stehen und für die Mitarbeiter verlässliche Partner sind.
Wertschätzung
Es ist keine Imagekampagne nötig. Nein, ich muss es anders formulieren. Eine Imagekampagne ist zum heutigen Zeitpunkt nicht möglich. Sie ist nicht realisierbar, weil sie gelogen wäre. Für mich ist Pflegefachfrau der schönste Beruf, den es gibt. Durch den ständig wachsenden Spar- und Zeitdruck wird es uns aber schier unmöglich, diesen adäquat auszuüben. Das bekommt jeder mit, der jemals einen Fuss in eine Gesundheitseinrichtung gesetzt hat. Irgendwelche Friede- Freude- Eierkuchen Aktionen entsprechen im Moment einfach nicht der Realität.
Für Pflegende hilfreich wäre eine Wertschätzungskampagne. Ein öffentliches «Dankeschön, dass ihr an Weihnachten, Neujahr, Ostern, Pfingsten etc. da seid. Dankeschön, dass ihr tut, was ihr tut.» Es braucht keine Plakate mit strahlenden Pflegenden, die betonen, wie schön, spannend, vielseitig der Beruf ist. Viel wichtiger ist es, dass die Menschen in diesem Land, den Pflegenden Anerkennung für ihr Tun geben. Und da musss mehr kommen als: «Ich könnte das nicht.» Wertschätzung heisst, Pflegenden zu zuhören, was sie in ihrem Alltag erleben. Da ist nämlich nicht nur Leid, Schmerz und Ekel. Da ist auch ganz viel Freude, da sind Wunder, da ist Demut, da ist Leben. Indem unsere Gesellschaft dieses Erleben von Pflegenden, die Schatten wie die Lichter, in ihre Mitte holt, kann es auch wieder  mehr kleine Mädchen und Jungen geben, die sagen: «Ich will Pflegefachperson werden.»
In der Hoffnung einige Denkanstösse bewirkt zu haben, schliesse ich diesen Bericht
Eure
Madame Malevizia

Montag, 30. Juli 2018

Kolumne Schrittmacherin 5 - Ä Liebi si...


«Ä Liebi si»

Es ist ein Mythos, der sich hartnäckig hält. Pflegende müssen «Liebi si.». Doch ä «Liebi si» reicht für diesen Beruf einfach nicht aus. «Für Pflegende ist doch vor allem das Herz wichtig.» hat mal ein Angehöriger zu mir gesagt. Mich hat dieser Ausspruch sehr beschäftigt, denn er hat mich verärgert. Was mich dabei verärgert hat? Weil «ä Liebi si», die Pflegenden auf einen uralten und schlicht falschen Streotypen reduziert: Den der barmherzigen Schwester. Ich bezweifle ernsthaft, dass es diese mystische barmherzige Schwester jemals gab.

Mit «ä Liebi si» lässt sich in unserem Beruf kein Blumentopf gewinnen. Nicht für die Pflegenden selbst. «Ä Liebi si» würde nämlich bedeuten, dass sich die Pflegenden weiterhin zu everybodies Depp machen lassen. In der momentanen kritischen Situation was die Ressourcen betrifft, müssen Pflegende klar und differenziert kommunizieren, welche Aufgaben sie wie übernimmt. In der Zusammenarbeit mit den interdiszipliniären Diensten ist Fachkompetenz gefragt. Offene Auseinandersetzungen und auch Hinterfragen sind nötig.

Aber auch und vor allem die Patientinnen und Patienten haben nichts von Pflegenden, die nur «ä Liebi» sind. Denn nur mit «lieb si», werden keine lebensgefährlichen Komplikationen wahrgenommen und auch keine entsprechenden Massnahmen ergriffen. Nur mit «Lieb si» kommt nach Operationen kein Kreislauf in Gang, machen ängstliche Patientinnen und Patienten keinen Versuch zur Erstmobilisation mit. Mit «Lieb si» finden depressive Menschen nicht in eine Struktur zurück. Mit «Lieb si» kann kein Mensch in der akuten Krise vom Suizid abgehalten werden.

Ich meine damit nicht, dass Pflegende alle ganz böse Hexen sein müssen. Aber manchmal braucht es Konsequenz, damit Patientinnen und Patienten ihren Weg finden können. Manchmal braucht es ein bestimmtes Auftreten, dass in Behandlungen Bewegung kommt. Und manchmal braucht es das klare «Nein», damit die Pflegende Raum für ihre Aufgaben bekommt. Und alle diese Eigenschaften lassen sich nicht mit «ä Liebi si» vereinbaren.

Pflegende brauchen nicht vor allem ein Herz. Sie brauchen Kopf, Hand und Herz. Oder anders gesagt:

Pflegende müssen wissen was sie tun.

Pflegende müssen ihr Handwerk beherrschen.

Und Pflegende müssen lieben, was sie tun.



Eure Madame Malevizia.

Donnerstag, 5. Juli 2018

Werte Damen und Herren Politiker,





Ein Maler benötigt um eine Wand zu streichen Farbe und Pinsel.

Ein Maurer benötigt Steine und Mörtel um eine Wand zu machen.

Ein Bäcker benötigt Mehl, Hefe, Wasser und einige andere Dinge um einen Teig zu machen.

Und Pflegende benötigen Verbandsmaterial, um Wunden fachgerecht zu versorgen.

Während Maler, Maurer, Bäcker völlig selbstverständlich ihren Materialverbrauch in die Rechnung miteinbeziehen, wird genau das den Pflegenden verwehrt.

Mit dem Bundesgerichtsentscheid werden Materialkosten nicht mehr von den Krankenkassen übernommen. Für dieses Problem fühlt sich aber offenbar niemand zuständig. Die Verantwortung wird mal wieder hin und her geschoben. Im aktuellen «Krankenpflege» ist ein sehr guter Artikel darüber zu finden. Darin zeigt Pierre - André Wagner auf, wie sehr die Politik gerade bei dieser Problematik schlicht geschlafen hat. Ebenfalls wird deutlich, ohne geeignete Lösung steht das Gesundheitswesen vor dem absoluten Super  -GAU. (Ich hoffe, dass ich diesen Artikel noch irgendwie verlinken kann)

Und während die Spitexbetriebe, Langzeitinstitutionen und freiberufliche Pflegefachpersonen sich darum bemühen eben eine Lösung zu finden, letztendlich wird es wohl darauf hinauslaufen, die Materialkosten den Klienten direkt zu verrechnen, kommt der nächste Hammer. Der Bundesrat will die Beiträge der Kassen um weitere 3.6% senken. Und wieder herrscht politisch absolute Stille. Ausser dem SBK reagiert keine einzige Politikerin, kein einziger Politiker auf diesen krassen Fehlentscheid.

Es ist, wie ich schon mehrmals gesagt habe: Die Politik hat den Gong nicht gehört. Und so frage ich nun ganz direkt: Was müssen wir Pflegenden tun, damit Ihr uns endlich ernst nehmt? Müssen wir streiken, wie es in Deutschland bereits der Fall ist? Ich weiss es kommt kaum in den Medien, aber wer auf sich Socialmedia mit Gesundheitspolitik befasst, bekommt das sehr schnell mit.

Müssen wir Pflegenden auf die Strassen und anfangen Häuser zu demolieren, damit ihr uns zuhört?

Oder soll ich ganz Medienwirksam «Free Pflege» ans Bundeshaus schmieren?

Ich selbst möchte nicht, dass es soweit kommt. Denn wenn gestreikt wird, geht das immer auf Kosten der Patientinnen und Patienten. Und anderen zu schaden, ist gegen meine Pflegehexenehre. Doch muss sich die Politik bewusst sein, die rote Linie ist überschritten. Schon lange. Und nur weil Ihr nicht hinseht, wird sich diese nicht einfach verschieben.

Was braucht Ihr noch, damit Ihr endlich in die Gänge kommt? Die Zahlen sind auf dem Tisch. Der Fachkräftemangel bereits bestehend und in den nächsten Jahren eskalierend ist mit mehreren Studien und Hochrechnungen belegt. Es braucht keine weiteren zu diesem Thema. Es braucht jetzt Massnahmen. Und dafür seid Ihr verantwortlich. Ihr habt Euch dem Dienst für dieses Land verschrieben. Dazu gehört e auch, für eine ausreichende Versorgung der Alten, Kranken und Verletzten zu sorgen.

Wir Pflegenden wollen, sollen und können bei diesem Thema mitreden. Ebenso stark, wie es die Krankenkassen seit je her tun. Denn auf unserm Buckel sind unzählige Sparübungen durchgeführt worden, gerade wieder im letzten Jahr.

Ich weiss, es gibt Politikerinnen und Politiker, die glauben, wir würden halt ä «chli chrankeschwösterle». Und was wir tun das könne jeder. Wer so denkt, ist schlicht fehlinformiert und sollte dringend eine Pflegende in ihrer Arbeit begleiten. Sie dürfen sich ruhig bei mir melden. Ich bin sicher, es lässt sich was machen.

Es gibt auch die andere Gruppe von Politikerinnen und Politikern, die glauben, die Pflegenden weiterhin mit ihren Phrasen abspeisen zu können. Als die Pflegeinitiative lanciert wurde, waren sie es, die erklärten: «Wir verstehen die Anliegen der Pflegenden. Aber die Initiative ist unnötig, wir schauen ja jetzt.» In den letzten Wochen habe ich mich gefragt, wen sie mit diesen Aussagen eigentlich mehr verarscht haben. Sich selbst oder die Pflegenden?

Immer wieder höre ich auch, die Pflegeinitiative ist überladen. Zu viele gewerkschaftliche Forderungen seien darin. Darüber könnte man tatsächlich diskutieren. Hätte das Parlament sich wirklich ernsthaft mit der Initiative Joder befasst und nicht gewisse Kreise dafür gesorgt, dass gar nicht erst über die Initiative diskutiert wurde. Das war ein Schlag ins Gesicht aller Pflegenden, der heute noch nachhallt. Eines hat vor allem der SBK damals kapiert: Wir werden nichts bekommen, wenn wir jetzt nicht fordern. Also liebe Politikerinnen und Politiker, fasst Euch an der eigenen Nase und eines kann ich Euch versprechen: Wenn ihr in der Debatte keinen gescheiten Gegenvorschlag bringt, wird die Pflegeinitiative vom Volk angenommen. Denn im Gegensatz zu Euch hat dieses den Gong schon lange gehört.

Ich möchte es hier noch einmal deutlich machen: Liebe Politikerinnen und Politiker übernehmen Sie die Verantwortung für unser Gesundheitswesen und sorgen Sie endlich dafür, dass die Pflegenden ihre Arbeit tun können.

 Madame Malevizia.


Mittwoch, 13. Juni 2018

Was darf ein Leben kosten? – Ein pflegehexerisches Plädoyer für die Menschlichkeit


Meine Lieben

Die explodierenden Kosten im Gesundheitswesen. Wieder einmal sind sie Thema. Diesmal im Schweizer Fernsehen in der Sendung „Club“. Eine Diskussion ohne Tabu soll es sein. So wird denn auch gefragt, was ein Menschenleben kosten darf. Mir wird schon bei der Frage leicht übel. Moderatorin Barbara Lüthi findet, dass man diese Frage stellen darf, da man ja sparen müsse. Ich bin mir da nicht so sicher, ob diese Frage zum jetzigen Zeitpunkt berechtigt ist. Ich bin der Überzeugung, dass vieles noch vorher getan werden muss.

-          Zuerst muss genau und wie in der Sendung gefordert tabulos hingeschaut werden, wo das Geld im Gesundheitswesen versickert.

-          Zuerst muss das sich gegenseitig Kosten zuschieben (es erinnert mich immer an das Spiel Schwarzer Peter) zwischen Krankenkassen, Bund, Kantonen und Gemeinden aufhören.

-          Zuerst müssen die Fehlanreize im System bereinigt werden. So sollte es alle Beteiligten sehr nachdenklich stimmen, dass sich Palliative Care, die Betreuung am Lebensende, für eine Institution nicht rechnet, sämtliche chirurgischen Eingriffe jedoch sehr lukrativ sind.

Bevor diese, ich nenne es jetzt mal provokativ, Hausaufgaben nicht gemacht sind, erachte ich es als ethisch nicht vertretbar, Behandlungen zu rationieren.

Meine Abneigung gegenüber Zahlen ist allgemein bekannt. Schon alleine deshalb werden Herr Stefan Felder, Professor für Gesundheitsökonomie und ich uns wohl nie einig werden. Seine Ausführungen kann ich nicht, wie er es fordert, abstrakt betrachten. Denn eine Rationierung, und nichts anderes strebt er mit seinen Aussagen an, werde ich direkt ausbaden. Nicht er oder seine Kollegen stehen dann am Krankenbett, wenn eine Behandlung aus Kostengründen abgebrochen werden soll, es sind die Pflegenden. Im Gesundheitswesen geht es selten bis nie nur um Zahlen, es geht immer um Menschen. Und das, was Her Felder fast etwas abfällig als „Romantik“ bezeichnet, nenne ich Menschlichkeit.

Die Entscheidung für oder gegen eine Behandlung kann nicht und darf nicht aus ökonomischen Gesichtspunkten getroffen werden. Diese Entscheidung gehört in die Hände von Ärzten, wie Herrn Roland Kunz (Chefarzt Intensivmedizin) oder Herrn Peter Steiger (Chefarzt Universitäre Klinik für Akutgeriatrie und Zentrum Palliativ Medizin). Dazu gehören aber auch der Patient selbst und seine Angehörigen. Diese Entscheidung muss mit dem Blick auf den Patienten getroffen werden.

-          Wie hoch sind die Chancen auf vollständige Genesung?

-          Wie viel Schaden/Einschränkung wird voraussichtlich zurück bleiben und was bedeutet das für den Patienten?

-          Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

-          Was wünscht sich der Patient?

Dies sind die Fragen, welche in einer Situation gestellt und beantwortet werden müssen.

Sich die Zeit und den Raum zu nehmen, diese Fragen zu bearbeiten, sowie dafür zu sorgen, dass alle Beteiligten über die benötigten Informationen verfügen, das bedeutet für mich Menschlichkeit.

Und Menschlichkeit kommt für mich vor Zahlen. Immer.



Eure Madame Malevizia

Donnerstag, 7. Juni 2018

Ausflug in meine pflegehexerische Welt - Teil I



Tod und Sterben sind schwierige und emotionale Themen. Auch in den Medien tauchen sie immer wieder auf. Das letzte Mal vor einige Wochen, als ein 104 jähriger Mann aus Australien in der Schweiz in den begleiteten Freitod ging.

Pflegende sind mit dem Tod und dem Sterben in einem besonderen Masse konfrontiert. Es gehört zu ihrem Berufsleben, wie für den Bäcker das Brot. Und so ist es für Pflegende unerlässlich, eine eigene persönliche Haltung zum Sterben und zum Tod zu entwickeln und sich dieser auch bewusst zu sein. Keine Ethikkomission, keine Gesundheitsorganisation, keine politische Partei, kein Verein und auch nicht die Medien können Pflegenden diese Auseinandersetzung abnehmen. Nur wenn sie sich ihrer persönlichen Haltung bewusst sind, können Pflegende ihre Arbeit machen, ohne dabei sich selbst zu verlieren.

Doch nicht nur die Pflegenden müssen sich mit Sterben und Tod auseinandersetzen und sich ihre Meinung bilden und daraus ihre persönliche Haltung entwickeln. Es liegt in der Natur des Lebens, dass jeder Mensch einmal stirbt. Und so, muss und soll sich jeder Mensch damit auseinandersetzen. Und so ist es gut und richtig, dass diese Themen in der Öffentlichkeit zur Sprache kommen.

Jedoch fehlt mir in der öffentlichen Diskussion um Sterben und Tod die persönliche Stimme der Pflegenden. Es sind aber die Pflegenden, die direkt mit Sterben und dem Tod konfrontiert sind. Aus diesem Grund exponiere ich mich einmal mehr und lege hier meine persönliche Haltung zu Sterben und Tod dar. Es handelt sich hier gewissermassen um meine Ethik und mein persönliches Erleben. So gibt es hier kein richtig oder falsch. Ich kann es jedoch nicht in einem einzelnen Blogbeitrag abhandeln. Dazu ist das Thema schlicht zu komplex. So erlaube ich mir, in den nächsten Wochen immer wieder einen Aspekt zu Sterben und Tod zu beleuchten. Beginnen möchte ich mit kurzen Blitzlichtern auf meine ganz persönliche Ethik.


Ausflug in meine pflegehexerische Welt Teil I – Meine Sicht auf Sterben und Tod

Der Tod – Ende und Anfang.

Ich glaube an Zyklen. Und so ist der Tod für mich ein Teil des Zyklus von Werden – Sein und Vergehen. Für mich ist der Tod die Vollendung eines Kreises. Ich bin der festen Überzeugung, dass es nach dem Tod weiter geht. Wo und wie, ich weiss es nicht. Aber ich weiss, dass es keinen tieferen Frieden gibt, als jener, den Verstorbene ausstrahlen, kurz bevor, während und kurz nachdem sie diese Welt verlassen haben.

Sterben – der Weg, der steinig sein kann.

Den Sterbeprozess, sehe ich als den Weg dorthin, der für jeden anders aussieht. Dieser Weg beginnt viel früher, als wir uns wahrscheinlich bewusst sind. Es sind nicht nur die letzten Tage im Leben eines Menschen, die ich als Sterbeprozess betrachte. Es sind zum einen jene flüchtigen Momente, in denen ein Mensch über sein eigenes Sterben nachdenkt oder sogar spricht. Zum anderen beginnt der Prozess auch, wenn der Verdacht auf oder die Diagnose einer lebensbedrohlichen Krankheit entsteht.

Und irgendwann kommt es, das letzte Wegstück. In diesem Stück muss der Sterbende, das irdische loslassen, seinen Körper, hört auf zu bestehen. Nicht jedem gelingt dies problemlos. Einige scheinen zu kämpfen, bis zum letzten Atemzug. Andere können die Tür (oder was auch immer es ist) ganz einfach öffnen.

Leiden

Leiden ist eng mit Sterben und Tod verknüpft. Viele Menschen äussern, keine Angst vor dem Tod zu haben, sondern vor dem Sterben und dem damit verbundenen Leiden. Auch ich, bin stets darauf bedacht, dass Leiden nicht verlängert wird. Dass Schmerzen und Ängste gelindert werden. Doch alles können wir dem Sterbenden nicht abnehmen. Manchmal müssen wir einfach aushalten.

Meine Berufserfahrung hat mich eines gelehrt: Es ist weniger der Sterbende, der leidet. In seinen letzten Stunden ist er nicht mehr so sehr in seinem Körper, dass er Schmerz und Atemnot wahrnimmt. Es sind seine Liebsten und auch die Pflegenden, die das Leiden aushalten müssen. Unendlich schwer ist es, einen geliebten Menschen nach Luft schnappen zu sehen, oder das Rasseln seiner Lunge zu hören, wahrzunehmen, dass sie die Hautfarbe verändert, die Hände und Füsse eiskalt werden. Als Pflegende ist es meine Aufgabe, mir meines eigenen Mit – Leidens sowie meiner Grenzen bewusst zu sein und diese transparent zu machen.

Ebenso sind es die Pflegenden, welche Angehörige in dieser schwierigen Zeit begleiten sollen. Die sachlich und behutsam erklären, was jetzt gerade im Körper des Sterbenden geschieht. Sterben sieht nicht hübsch aus. Es ist wichtig, die Angehörigen auf diesen Anblick vorzubereiten. In meiner gesamten Laufbahn habe ich keine Angehörigen in das Zimmer eines Sterbenden gelassen, ohne sie darauf vorzubereiten, was sie sehen werden. Ich biete immer, egal was für eine Hektik gerade ist, an, sie hinein zu begleiten. Der Weg ist schwer, vor allem für sie, und sie sollen sich nicht alleine fühlen.



Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Das ist sie auch im Tod und vor allem im Sterben. Konsequent stelle ich mich bei einem Sterbenden vor, spreche mit ihm, auch wenn er mich nicht mehr hören kann. Ich bin darum besorgt, dass sein Bett sauber ist, er selbst so gepflegt ist, wie er es sich wünschen würde. Die Wünsche des Sterbenden, stehen für mich an oberster Stelle. Wenn die Begleitung länger dauerte, weiss ich da meist viel, ist sie nur kurz, greife ich gerne auf Angehörige zurück. Ist der Tod eingetreten, ändert dies nichts an meiner Haltung. Weiterhin spreche ich mit dem Menschen. Erkläre, was ich tue.

Der letzte Dienst

Ist ein Mensch verstorben, machen ihn die Pflegenden bereit für den Bestatter. Habe ich einen Menschen in den Tod begleitet, ist es mir wichtig, ihm diesen letzten Dienst zu erweisen. Meist ist es mein Abschied.

Eure Madame Malevizia

Freitag, 18. Mai 2018

Wenn Exit das kleinere Übel ist


Herr Brunner war der jüngste auf der Wohngruppe. Auch er litt an einer unheilbaren Nervenerkrankung, die ihn zunehmend behinderte und einschränkte. Herrn Brunner wurde noch vor uns Pflegenden klar, dass er bald nicht einmal mehr annährend das Leben eines gesunden jungen Mannes führen würde.

Es kam deshalb für viele von uns wie aus heiterem Himmel, als Herr Brunner einen Suizidversuch machte. Nur mit viel Mühe konnte ein Pflegender ihn daran hindern, vor den Zug zu springen. Notfallmässig wurde Herr Brunner in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen. Allen war bewusst: das Problem war so nur verschoben, keinesfalls gelöst.

Herr Brunner war in seinen Äusserungen sehr klar. Er würde es wieder versuchen. „Wenn ich es jetzt nicht mache, wird es zu spät sein.“ Wir alle wussten, er hatte Recht.

Die Situation wurde besprochen.
In der Direktion, wo die Haltung klar war: Nicht im Heim.
Im Team. Die Haltungen waren zwar unterschiedlich, doch eines sahen wir alle gleich: Lieber ein geplanter Freitod, als Herrn Brunner und auch seinen Mitbewohnern den Stress eines Suizids zu zumuten.
Mit Herrn Brunner und seinen Angehörigen. Sie unterstützten Herrn Brunner in seinem Wunsch und nahmen es auch auf sich, mit ihm diesen Freitod mit Exit zu planen. Sie waren es auch, die Herrn Brunner zusammen mit Exit in den Freitod begleiteten.

Es dauerte einige Wochen, bis alles geklärt war und Herr Brunner sein Todesdatum nannte. Mit dem Wissen dieses Datums wurde für mich alles anders. Eine grosse graue Last legte sich auf mich.
Ich bin sicher, es ging auch anderen im Team so. So ein Sterben hatten wir alle noch nie erlebt und jeder reagierte anders.

Zusammen mit unserer Supervisorin besprachen wir die Situation. Es gab für uns mehrere Dinge zu klären: Wie können die anderen Bewohner von Herrn Brunner Abschied nehmen? Wie sollen wir dies kommunizieren? Sollen wir den Freitod transparent machen? Und wenn ja, vorher oder erst wenn es passiert ist?
Und wie können wir Herrn Brunner begleiten? Wer vom Team kann was geben?

Wir fragten Herrn Brunner, was er möchte. Auch da hatte Herr Brunner sehr klare Vorstellungen. Er würde seinen Mitbewohner seine Entscheidung mitteilen. Und er wünschte sich ein Abschiedsfest. Mit Kaffee und Kuchen.

Im Team beschlossen wir, unsere Lernenden zu schützen. Wir sprachen einzeln mit ihnen und boten ihnen an, an Herrn Brunners Todestag frei zu bekommen. Es war ein Angebot und uns ganz wichtig, dass sie selbst entschieden, was sie brauchten. Sie alle nahmen dieses Angebot an.
Ein Pflegender traute sich zu der Letzte zu sein, der Herrn Brunner bei der Körperpflege half.
Ich war an besagtem Tag auf den Spätdienst geplant. Ich wusste also, wenn ich komme, würde Herr Brunner schon nicht mehr leben. Für mich stimmte das. Ich wusste noch aus meiner Zeit in der Akutpsychiatrie, wie wichtig die Begleitung der anderen Patienten nach einem Suizid war. Für die Bewohner, die alle in einer ähnlichen Lage wie Herr Brunner waren da sein, das konnte ich.

Herr Brunner bekam wenige Tage vor seinem Todesdatum sein Abschiedsfest. Es war friedlich und erstaunlich entspannte Stimmung.

Die Tage vor dem Freitod gehören für mich zu den schwersten in meiner gesamten Laufbahn als Pflegende. Die Last, die ich fühlte war riesig. Ich akzeptierte Herrn Brunners Entscheid.
Daran lag es nicht. Aber die ganze Situation kam mir so widernatürlich vor. So lange im Voraus das Todesdatum eines Menschen zu wissen, war einfach grotesk.
Ihn nicht in seinen letzten Stunden begleiten zu können, schmerzte.

Als ich dann an jenem Tag (ich weiss das Datum beim besten Willen nicht mehr), zum Spätdienst kam, stand vor Herrn Brunners Zimmer bereits das dekorierte Tischli mit einer brennenden Kerze darauf.

Im Spätdienst nahm ich mir bewusst für jeden einzelnen Bewohner Zeit. Fragte, ob sie etwas brauchen, ob sie sprechen möchten. Aber auch Schweigen war in Ordnung.


Noch heute bin ich der Institution dankbar, dass sie uns Pflegende mit der Entscheidung, Exit nicht in seine Räume zu lassen geschützt hat. Ich weiss, einige sehen das bestimmt anders. Finden, man müsse auch diesen Wunsch eines Freitod – Willigen berücksichtigen. Ich finde aber: Es gibt auch eine Grenze. Auch Pflegende haben das Recht auf Schutz und müssen nicht alles tragen können. Meine Grenze beginnt da, wo ich Teil des „Selbstötungsaktes“ werden muss.
Die Sorgfalt im Team, zu schauen, wer kann was geben, hat uns auch einiges an Kritik eingebracht. Es gab Stimmen die fanden, das sei doch nichts anderes als wenn jemand sonst sterbe.
Ich sage: nein, es ist völlig anders. Sollte ich nochmals in so eine Situation kommen, werde ich alles dafür tun, dass sich niemand im Team überfordern muss.

Tragt Sorge zu Euch!
In Liebe
Madame Malevizia