Mittwoch, 30. Dezember 2020

Die Würde des Menschen als Priorität


 

Meine Lieben,

Eindrücklich und schmerzvoll erleben Pflegende gerade, wie Politikerinnen und Politiker auf kantonaler und Bundesebene versagen. Es gibt kein anderes Wort mehr dafür. Während es immer noch darum geht ob Skigebiete geöffnet oder geschlossen werden sollen, müssen sich Pflegende die Frage stellen: Was, wenn ich plötzlich alleine auf der Station stehe, weil alle anderen krank sind? Führungspersonen fragen sich, was mache ich, wenn ich keine einsatzfähigen Mitarbeiter mehr habe und alle anderen Möglichkeiten auch ausgeschöpft sind? Weder die Kantone noch der Bund scheinen darauf eine Antwort zu haben.

Diese Szenarien sind realistisch. Denn die Ressourcen sind tatsächlich so gering. Und bevor jetzt jemand kommt mit, «dann muss man halt…», soll jetzt bitte einfach kurz inne halten, die Augen schliessen und sich vorstellen, was wäre wenn… Diese Gefühle die jetzt aufkommen einfach mal 5 Sekunden fühlen und dann weiter lesen. Ist Ihnen dies nicht möglich, bitte ich Sie, diesen Text nicht weiter zu lesen, es ist Zeitverschwendung.

Ich bin nicht verantwortlich für diese Situation und es liegt nicht in meiner Macht, diese zu verändern. Und so setze ich nun Prioritäten, wie es eine solche Krisensituation auch verlangt. Meine oberste Maxime ist:

Ein würdiges Leben und Sterben ermöglichen.

1.     Für mich selbst

2.     Für meine Berufskolleginnen und – Kollegen

3.     Für die Menschen, die meine Pflege benötigen

Und zwar genau in dieser Reihenfolge. Denn wenn ich und meine Kolleginnen und Kollegen jetzt nicht alles tun um stark und gesund unseren Dienst tun zu können, wird es zappenduster. Doch gehen wir diese Punkte doch mal der Reihe nach durch. Im Wissen, dass dies meine Strategien und meine Haltung ist. Auch in der Hoffnung, Inspiration für andere sein zu können.

 

Für mich selbst

Ich bin mir selbst unendlich dankbar, dass ich in den letzten Jahren so viel in meine Persönlichkeitsentwicklung investiert habe. Ich weiss, was mir gut tut und jetzt wende ich es konsequent an.

An Freien Tagen/ vor dem Dienst

Alles was mich physisch und psychisch nährt, hat jetzt Vorrang. Ich sammle bewusst kleine «Kraftmomente». Gerade während ich schreibe, verströmt feine Räucherung ihren Duft. Eine Kerze brennt.

Einmal täglich nehme ich mir 30min. Zeit, um zu lesen, es hilf mir wunderbar, mir eine gedankliche Pause zu verschaffen.

Ich übe mich in Achtsamkeit und im Moment sein. Mit Vorliebe während meiner Gesichtspflege. Es hilf, mich selbst zu spüren und zu wissen, wie es mir geht.

Ich sorge dafür, dass ich die Möglichkeit zur emotionalen Entlastung habe. Entweder im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, im Kontakt zu meiner Coach oder im aufschreiben meiner Gedanken.

Während dem Dienst

Es gibt gewisse Bonbons, die ich mitnehme, die mir helfen, mich wieder zu spüren, wenn ich zu sehr ins rotieren komme.

Auch da halte ich den Fokus möglichst auf dem, was ich gerade tue.

Ich atme immer wieder bewusst ein und aus, lächle halte kurz inne und mit einem «Let’s go» geht es weiter im Text.

 

Nach dem Dienst

In Gedanken schliesse ich ganz bewusst die Türen der Patientenzimmer.

Auf dem Nachhauseweg höre ich meist eine geführte Meditation (ich benutze ÖV), die mir hilft abzuschliessen.

Zuhause schreibe ich noch kurz auf, was hängen geblieben ist.

Ich gönne mir was feines. Etwas Schokolade zum Beispiel oder auch mal ein gutes Glas Wein.

 

Dies sind meine persönlichen Prioritäten. Haushalt, Wäsche und was es sonst noch so gibt, was «frau» sollte, ist auf das absolute Minimum, sprich auf die Erfüllung meiner Grundbedürfnisse reduziert.

Für meine Berufskolleginnen und Kollegen

Pflegende kennen das Leid. Wir alle haben es schon gesehen und ausgehalten. Darum gibt es eine Verbindung zwischen uns. Egal, ob wir uns kennen oder nicht. Klingt vielleicht etwas übersinnlich. Doch ich bin Pflegehexe, ich darf das. Ich spüre diese Verbindung und nähre sie bewusst mit positiver Energie. Pflegende jetzt zu stärken, hat deshalb für mich ebenfalls Priorität.

Darum gibt es seit Beginn der 2. Welle das Mutkraftlicht auf meiner Facebook – Seite. Immer morgens poste ich ein Bild, ein Lied einen Gedanken, der Mut, Kraft und Licht geben soll. Aktuell bin ich bei Mutkraftlicht Nr. 66. Ich werde bis 100 machen und dann etwas neues, dass Pflegende unterstützt beginnen.

Ich bin auch da, um emotionale Entlastung zu ermöglichen. Zum einen in der Gruppe «Lagerfeuer für die Pflege Schweiz», zum anderen aber auch in meinem Umfeld. Ich höre zu, tausche aus, halte mit aus.

Ebenfalls ist meine bloggerische Tätigkeit für meine Kolleginnen und Kollegen. Ich versuche, für sie Stimme zu sein in der Öffentlichkeit. Ich bin überzeugt, nur wenn der öffentliche Druck gross genug ist, wird sich kurz – sowie langfristig etwas an unserer Situation ändern. Diese zu verändern, liegt nicht in meiner Macht, aber ich kann weiterhin sagen, was ich erlebe und fühle. Und ich lasse mir auch von keinem dem Mund verbieten!

 

Die Menschen, die meine Pflege benötigen

Sie kommen keineswegs unter fernerliefen. Denn Priorität 1 und 2 sind die Bedingung, dass ich Priorität 3 gewährleisten kann.

Es geht jetzt darum diesen Menschen ein würdiges Leben und Sterben zu ermöglichen. Das ist die Maxime, daran orientiere ich mich. Alles, was nicht in diese Maxime gehört, ist zur Zeit einfach nicht wichtig.

Und genau das kommuniziere ich, den Betroffenen selbst, ihren Angehörigen, den intersdisziplinären Diensten.

 

Zum Schluss möchte ich an alle Menschen appellieren. Egal wo Ihr gerade stehen. Bitte, setzt jetzt für Euch Eure Prioritäten und lebt sie. Vielleicht mögt Ihr diese auch nach Aussen kommunizieren und andere mit Euren Ideen inspirieren. So kann jeder von uns diese Krise zur Chance werden lassen.

In Verbundenheit

 

Madame Malevizia

Dienstag, 8. Dezember 2020

Werte Damen und Herren Bundesräte - Werte Damen und Herren Ständeräte - Werte Damen und Herren Nationalräte


 

Ich schreibe Ihnen, weil ich der Meinung bin, dass dies als Bürgerin und Pflegefachfrau dieses Landes meine Pflicht ist. Es ist meine Pflicht, Ihnen mitzuteilen, dass etwas in unserem Land gerade schiefläuft und Sie dafür verantwortlich sind.

Während Sie sich in Schutzmassnahmen versteigen, die längst nicht mehr nachvollziehbar sind (aktuell sind wir bei: „Bleiben Sie zuhause“ und „wir öffnen die Skigebiete“) verschliessen Sie aktiv die Augen vor dem eigentlichen Problem: Unser Gesundheitswesen fliegt uns immer mehr um die Ohren. Denn genau das tut es und es lässt sich auch nicht mehr wegdiskutieren. Dass positiv getestete Pflegende weiterarbeiten (müssen) und so die ohnehin schon vulnerablen Personen gefährdet werden, ist ein eindrücklicher Beweis des schon vor der Pandemie bestehenden Fachkräftemangels. Ich habe darum auch absolut kein Verständnis mehr für jene unter Ihnen, die jetzt noch die Stirn (ich könnte auch sagen, die Frechheit) haben, in eine Kamera hineinzusprechen und zu erklären: «Die Pflegenden sollen mal nicht so tun, die haben ja einen sicheren Job und genügend Lohn». Darum geht es jetzt gerade nicht. Es geht darum, dass der Personalmangel so gross ist, dass wir die uns anvertrauten Personen nicht mehr ausreichend versorgen können. Damit meine ich nicht, dass sie zu spät ihrem bestellten Tee bekommen. Damit meine ich, dass ich und meine Kolleginnen nicht mehr für physische und psychische Unversehrtheit garantieren können. Um es ganz deutlich zu machen: Während sie sich auf der Nebenbühne austoben, sterben auf der Hauptbühne Menschen. Dem hilflos zusehen zu müssen, tut weh und ist mehr als das, was wir alle in unserer Ausbildung gelernt und von uns erwartet werden kann. Der eine oder die andere von Ihnen wird jetzt wieder mit dem Argument kommen, dass es dieser oder jener Branche doch auch schlecht geht. Ja, das ist so. Das spricht Sie jedoch nicht von Ihrer Verantwortung gegenüber den Menschen, die auf unser Gesundheitswesen angewiesen oder in diesem tätig sind, frei.

Immer mehr meiner Kolleginnen und Kollegen äussern sich in der Öffentlichkeit und machen deutlich, in welcher Notlage sich unser Berufsstand befindet. Und anstatt, ihnen zuzuhören, tun Mitglieder Ihrer Räte sie als «Jammeris» ab oder machen sie lächerlich. Ich frage Sie, ist das einer Regierung unseres Landes würdig? Ist das alles, was Sie können?  

Ich persönlich trete täglich an, um für die Menschen da zu sein. Und genau das ist auch meine Motivation diesen Brief zu schreiben. Ich bin sicher, auch Sie treten täglich für etwas an und ich kann mir nicht vorstellen, dass dieses etwas «möglichst wieder gewählt zu werden und mich darum ja nicht exponieren» heisst. Ich rufe Sie deshalb auf, endlich mutig «grosse» Entscheidungen zu treffen, zum Wohle unseres Landes.

Im Gesundheitswesen sind das:

1.     Eine grossangelegte Hilfsaktion mit Armee und Zivilschutz, um diese Krise zu überstehen. Dabei ist es zentral, dass alle Betriebe, die Bedarf haben, diesen auch erhalten. Um das herauszufinden, muss mit den Leuten der Basis gesprochen werden. Nämlich mit den Stationsleitungen oder zumindest den Pflegedienstleitungen. Mit ihnen kann dann auch festgestellt werden, wo und wie diese Hilfe geleistet wird. Die zentrale Frage muss sein, wie können wir die Fachkräfte entlasten, dass sie ihren Dienst tun können?. Das könnte auch die Kinderbetreuung von Fachkräften beinhalten, oder die Beschaffung von Nahrung für jene.

 

2.     Eine langfristige Strategie, um ausreichend Fachkräfte auszubilden und im Beruf zu halten. Mit der Pflegeinitiative liegen dazu griffige Massnahmen bereits auf Ihrem Tisch.

Was das kostet? Einiges an Geld ja, aber deutlich weniger Menschenleben und Existenzen, als Ihr momentanes Vorgehen. Das ich beim besten Willen nicht Strategie nennen kann.

Hiermit habe ich Ihnen nun mitgeteilt, wozu ich mich verpflichtet fühle. Was Sie damit machen, ist nun in Ihrer Verantwortung. Ich möchte aber noch einmal ganz deutlich sagen: Unser Gesundheitswesen ist kurz vor dem Zusammenbruch. Ich lehne ab sofort jegliche Verantwortung für diesen Umstand ab.

Ich bitte Sie, keine Zeit mit Antworten im Sinne von «wir schauen ja schon, ist alles nicht so schlimm» oder ähnlich zu verschwenden. Nutzen sie diese Zeit, um Ihren Job zu tun. Ich werde ganz bestimmt merken, wenn Sie dies endlich tun. Für Verständnisfragen stehe ich selbstverständlich gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüssen

 

Madame Malevizia.

Samstag, 31. Oktober 2020

Es geht um Ethik und Moral

 


Der nachfolgende Text ist 3 Jahre alt. Eigentlich wollte ich ihn für heute mit der aktuellen Situation, sprich Covid 19 ergänzen. Doch ich lasse es. So wie er ist, bleibt er nach wie vor gültig. Mit diesen Dilemmas sind Pflegende tagtäglich konfrontiert. Geändert hat sich in den letzten Jahren kaum etwas. Und da wundern sich die Menschen dieses Landes, dass wir Pflegenden sagen, «Wir können bald nicht mehr?»

Ich bin nicht mehr bereit, diese Dilemmas alleine zu tragen. Dies geht alle an! Also setzt Euch damit auseinander.

Ich stütze mich bei diesem Beitrag auf die ethischen Prinzipien: Autonomie, Gutes tun, nicht schaden wollen, Gerechtigkeit. Als Denkanstoss nutze ich die Broschüre „Ethik und Pflegepraxis“ des SBK 2013.

Ich beginne mit der Autonomie. Ein Wort, welches mir immer wieder begegnet. Mir scheint, die Autonomie ist in der Schweiz ein wichtiges zentrales Gut. Schauen wir uns nur die Diskussion über die Billateralen Verträge oder den EU – Beitritt an. Fremde Richter? Kommt nicht in Frage! Ebenfalls in das Prinzip der Autonomie gehört die offenbar riesige Angst vor Abhängigkeit. Immer wieder höre und lese ich Statements wie: „Wenn ich mal nicht mehr selbst kann, mache ich Schluss.“ Gerade dies zeigt eines deutlich: Die Autonomie von Kranken ist in Gefahr. Sie ist in Gefahr, weil der Personalmangel dafür sorgt, dass es nicht der körperlich stark eingeschränkte Mensch ist, der bestimmt, wann er aufsteht, sondern der Zeitplan der Pflegenden. Es ist dem Personalmangel zu verdanken, dass Essen einfach eingegeben wird, weil es schneller geht, als den Betroffenen zu führen und ihn so zumindest das Tempo bestimmen zu lassen. Solche Förderungen sind jedoch schlicht unmöglich, weil sonst der/die Letzte erst um 14.00 Uhr sein/ihr Mittagessen bekommen würde. Es braucht Zeit, Angehörigen zu erklären, dass die Autonomie eines hochdementen Menschen bedeuten kann, ihn selbst herum gehen zu lassen, auch wenn man dadurch Stürze in Kauf nimmt. Zeit, die häufig nicht da ist, weil solche Gespräche nicht abgerechnet werden können. Das Selbe gilt für Beratungen, die meist spontan entstehen, wenn es um den Umgang mit bestimmten Krankheitssymptomen geht. Einfach die Reservemedikation verabreichen, geht schneller. Der Betroffene bleibt jedoch hilflos, kann seine Genesung nicht selbst beeinflussen.

Es braucht Zeit, gebrechliche alte Menschen nachts auf die Toilette zu begleiten, der Topf geht viel schneller. Und gerade in der Nacht, in der Pflegende oft alleine sind, zählt jede Minute. Autonomie wird als so wichtig betrachtet, kann jedoch nicht gemessen und auch nicht bezahlt werden, und deshalb kommt sie in den strategischen Überlegungen von Politik und Wirtschaft nicht vor.

Gutes tun, ist jenes Prinzip, welches so deutlich zeigt, weshalb jedes noch so ausgeklügelte Computersystem, jeder noch so menschlich aussehende Roboter niemals Pflegende ersetzen kann. Leider ist es auch das Prinzip, welches nicht in Zahlen ausgedrückt werden kann. Somit ist es unbezahlbar. Gutes tun ist dann gefragt, wenn Menschen eine lebensbedrohliche Diagnose erhalten. Es sind jene Minuten, die sich Pflegende nehmen, um eine Hand zu halten. Es ist die Anteilnahme gegenüber Angehörigen, für die gerade in diesem Moment die Welt stehen geblieben ist, weil ein ihnen lieber Mensch verstorben ist. Gutes tun, ist das, was nicht gelernt werden kann und ein Teil dessen, was wir Berufung nennen.

Wenn Pflegende sich nicht mehr die Zeit nehmen können, um einen Patienten zum Essen zu motivieren, ist Gutes tun, weit weg. Es ist in Gefahr, wenn Pflegende nicht mehr die Kraft haben, sich für einen schmerzgeplagten Patienten einzusetzen, damit dieser eine angemessene Analgesie erhält.

 

So banal das Prinzip nicht schaden wollen daher kommt, so vielschichtig und gefährdet ist es. Es ist gefährdet, wenn Pflegende keine Chance mehr haben, Patientenrufe innert nützlicher Frist zu beantworten. Ein Ruf, heisst immer, jemand braucht etwas, etwas, das für sein Wohlbefinden wichtig ist. Manchmal ist sogar Leib und Leben davon abhängig, dass jetzt dieser Ruf beantwortet wird. Dem Ruf ist jedoch nicht anzusehen, wo welche Not herrscht.

Das Beispiel des Patienten in seinen Exkrementen, habe ich schon häufig benutzt. Dabei geht es nicht ausschliesslich um das Prinzip nicht schaden wollen, aber es ist bei diesem Beispiel von zentraler Bedeutung. Wie erniedrigend und würdelos es für einen Menschen sein muss, in seinen eigenen Körperflüssigkeiten zu liegen, brauche ich nicht zu erklären. Auch das richtet Schaden an. Ein weiterer Aspekt ist aber auch die Haut, die durch diese Körperflüssigkeiten aufgeweicht und beschädigt wird. Nicht schaden wollen heisst, demente Menschen nicht mit körperlicher Gewalt zur Körperpflege zu zwingen, sondern den richtigen Moment abzuwarten, oder sogar zu schaffen. Dies gelingt jedoch nur, wenn zeitliche und personelle Ressourcen vorhanden sind.

 

Gerechtigkeit. Wenn ich dieses Wort lese, kommt mir unweigerlich die französische Revolution in den Sinn. Aber darum geht es hier ja nicht. Obwohl, eine Revolution für die Gerechtigkeit, wäre im Gesundheitswesen durchaus angebracht.

Ich frage mich nämlich schon, wo diese Gerechtigkeit ist. Wo ist sie, wenn Einrichtungen um Geld zu sparen, Schutzhandschuhe und Inkontinenzeinlagen rationieren? Solche Zustände gibt es, in Deutschland sind sie öffentlich gemacht worden, aber ich bin überzeugt, dass es solche Dinge auch in der Schweiz gibt. Ich vermisse die Gerechtigkeit, wenn die Versicherung bestimmt, wer in einem Einzel – oder Mehrbettzimmer liegt und nicht der Gesundheitszustand. Ich weiss, wieviel Überzeugungsarbeit Bettendisponenten leisten müssen, wenn ein Patient aufgrund seines Zustandes in ein Einzelzimmer verlegt werden muss.

Ich vermisse die Gerechtigkeit, wenn Pflegende ihre wertvolle Zeit mit immer mehr administrativen Aufgaben verbringen müssen. Da gibt es teilweise echt absurdes zu sehen. Der Umstand, dass Pflegende in vielen Institutionen von anderen Disziplinen Aufgaben zugeschustert bekommen, ist nicht gerecht. Diese Aufgaben reichen von Frühstücksgeschirr abwaschen bis Abfallsäcke leeren. Frei nach dem Motto: Könnte die Pflege nicht noch…Dafür bekommen Pflegende nichts zurück, kein Geld, keine Zeit. Wo ist da die Gerechtigkeit?

 

Dies sind nur ein paar Gedanken einer Pflegehexe und nur ein Bruchteil dessen, was an ethischen und moralischen Konflikten auf dem Rücken der Pflegenden ausgetragen wird. Jede Sparrunde der Kantone und des Bundes hat dieses Problem noch verschärft und nun stehen wir kurz vor der ethisch moralischen Katastrophe. Von den Politikern verlange ich, dass sie sich dem stellen, sie haben diesen Beruf gewählt, sie müssen die Verantwortung übernehmen. Auch die Pflegenden haben diesen Beruf (für mich gibt es noch immer keinen schöneren) gewählt, es ist jetzt an ihnen, sich für die Wahrung der ethischen Prinzipien einzusetzen. Sei dies im Kleinen an ihrem Arbeitsplatz (alles muss nicht hingenommen werden), in Diskussionen im Familien – oder Freundeskreis oder im Grossen, durch zeitliches Engagement in Berufsverbänden, Parteien oder Gewerkschaften.

Aber auch alle Bürgerinnen und Bürger dieses Landes sind gefragt, wenn es darum geht, ob und wie die ethischen Prinzipien im Gesundheitswesen ihren Platz haben. Sie sind es nämlich, die wählen und abstimmen. Sie sind es, die bestimmen, wer bei den nächsten Sparrunden entscheidet, wo Geld eingespart wird.

In diesem Sinne wünsche ich unseren Politikern den Mut, sich diesen schwierigen und ebenso wichtigen Themen zu stellen, den Pflegenden die Kraft, weiterhin alles in ihrer Macht stehende zu tun, dass die ethischen Prinzipien in ihren Arbeitsbereichen gelebt werden können und den Bürgerinnen und Bürgern, die Weitsicht, Volksvertreter zu wählen, die bereit sind die Ethik über den Profit zu stellen.

 

Madame Malevizia

Freitag, 30. Oktober 2020

Proud to be a nurse


 

Diese Woche tragen wir Pflegenden unsere Anliegen auf die Strasse und ins Netz. Wir erhalten einiges an Zuspruch und doch gibt es da andere Stimmen. Jene, die finden anstatt auf die Strasse sollten wir in der jetzigen Situation besser arbeiten. Denken diese Menschen wirklich, wir seien innerhalb unserer Arbeitszeit da draussen? Oder denken sie, wir bräuchten keine Freizeit? Weil unsere Arbeit ja so «easy» ist. Ich weiss es nicht. Was ich jedoch immer noch beobachte, ist eine gewisse Ahnungslosigkeit, was Pflegende denn tun. Nun ich möchte es mit ein paar Sätzen erläutern. Sie entstammen dem Gedicht von Suzanne Gordon; «I’m just a nurse».

„Ich mache den Unterschied zwischen Leben und Tod.“

 

Denn genau das tun wir Pflegefachpersonen (so ist die offizielle Bezeichnung der Krankenschwester in der Schweiz. Darauf lege ich Wert, seit ich auf Google Bilder unter dem Schlagwort Krankenschwester gesucht habe).

Es ist die Pflegefachperson, die Frischoperierte überwachen.

Es sind die Pflegefachpersonen, die bei einem Volumenverlust und den damit zusammen hängenden Blutdruckabfall als erste reagieren

Es sind die Pflegefachpersonen, die den durchgebluteten Verband bemerken.

Es sind die Pflegefachpersonen, die allergische Reaktionen auf Medikamente oder Bluttransfusionen als erste registrieren.

Es sind die Pflegefachpersonen, die eine Atemnot bemerken und erste Schritte einleiten.

Es sind die Pflegefachpersonen, die um frühe Mobilisation, besorgt sind, um Thrombosen und ihre Folgenzu verhindern.

Es sind die Pflegefachpersonen, welche die Hautverhältnisse überwachen, damit Dekubiti vermeiden, sowie Hauterkrankungen wie Pilze oder ähnliches erkennen.

Es sind die Pflegefachpersonen, die an den heissen Tagen darum besorgt sind, dass alte Menschen genügend Flüssigkeit erhalten.

Es sind die Pflegefachpersonen, die bemerken, wenn aus einer Drainage nicht die Flüssigkeit herauskommt, die laut seiner Lage normal wäre.

Es sind die Pflegefachpersonen, welche die Suizidgefahr bei psychisch kranken Menschen einschätzen und sie, wenn nötig in Sicherheit bringen.

Es sind Pflegefachpersonen, die in der Psychiatrie akute Krisen auffangen. Und Menschen in solchen Krisen durch ihre persönliche Hölle begleiten.

Es sind die Pflegefachpersonen, die bei einem Herzkreislaufstillstand mit der Reanimation beginnen, bis das REA – Team da ist.

 

„Ich bin der Unterschied zwischen würdigem oder unwürdigem Leben und Sterben“

 

Es sind die Pflegefachpersonen, die Sterbende und ihre Angehörigen bis zum letzten Atemzug und darüber hinaus begleiten. Die dafür sorgen, dass Sterbende keine Angst, keine Schmerzen und keinen Durst leiden müssen.

Es sind die Pflegefachpersonen, die sich darum kümmern, dass volle Einlagen gewechselt werden, dass demente Menschen, die Toilette finden, dass von Kot und Urin verschmutzte Betten frisch bezogen werden.

Es sind die Pflegefachpersonen, die bei depressiven Menschen so lange dran bleiben, bis diese die Kraft aufbringen, ihre persönliche Körperpflege durchzuführen.

Es sind die Pflegefachpersonen, welche die Autonomie von pflegebedürftigen Menschen wahren.

Das alles und noch viel mehr tun Pflegefachpersonen. Sie tun es, unter massivem Zeit – und Kostendruck, der häufig ungefiltert an sie abgegeben wird.

Dies alles zu tun, erfordert nicht nur ein fundiertes Fachwissen und Können, es erfordert auch Herz und seelische Substanz.

 

Wenn Pflegende dann eine Protestwoche starten, um auf ihre Herausforderungen und die Probleme aufmerksam zu machen, haben sie von der Bevölkerung und vor allem von der Politik mehr verdient, als klein geredet und negiert zu werden.

Wir lassen uns aber nicht mehr klein machen, wenn diese Woche mir eines gezeigt hat, dann dass wir nicht nur «just a nurse» sind, sondern auch «proud to be a nurse».

 

Madame Malevizia

Donnerstag, 29. Oktober 2020

Auf die Hauptbühne kommen

 

Einigermassen fasziniert beobachte ich, dass auch in dieser Aktionswoche fast ausschliesslich das Thema Geld in den Medien sowie von der Politik diskutiert wird. Ich weiss nicht, wie oft ich dieses Thema schon bearbeitet habe, aber na gut: «Mir machets no mal!»

Betrachten wir die Forderung des Bündnisses Gesundheit, welches aus SBK, VPOD und Syna besteht. Schon das finde ich grundsätzlich bemerkenswert drei Verbände, die sich zusammen schliessen. Schon darüber könnte man durchaus berichten. Aber item, die Forderungen des Bündnisses sind

-        Corona-Prämie – ein Monatslohn

-        Mehr Rechte am Arbeitsplatz – mehr Mitsprache und besseren Schutz

-        Bessere Arbeitsbedingungen – Schluss mit Pflege à la minute und Umsetzung des Arbeitsrechts

Ja, die Pflegenden fordern tatsächlich eine Prämie! Eine Prämie dafür, dass sie sich im letzten Frühjahr exponiert haben. Eine Prämie für aussergewöhnliche Leistungen. Denn entgegen der Behauptungen, dass die Spitäler letzten Frühjahr leer gewesen seien, waren viele von uns (die Autorin eingeschlossen) gut beschäftigt. Hinzu kommt, dass unsere Arbeitsrechte von höchster Stelle aufgehoben wurden. Wir haben das, zum Wohle aller hingenommen und schon diese Bereitschaft verdient Anerkennung. Ich kann verstehen, dass da der eine oder andere Politiker zusammenzuckt. Dass Pflegende monetäre Forderungen stellen, ist halt schon ein wenig ungewohnt. Allerdings möchte ich sagen, dass ja gerade sie in der letzten Zeit immer wieder gesagt haben, dass wir schlecht verhandeln. Jetzt tun wir’s und jetzt ist’s wieder nicht recht.

Die Prämie steht in diesen Forderungen drin. Warum wir jetzt aber auch noch um das Anrecht auf mehr Lohn diskutieren, ist mir schleierhaft. Also man kann mir ja vieles vorwerfen, aber lesen kann ich. Von Lohn steht da nichts! Und das, obwohl es sehr gut begründbar ist, weshalb höhere Löhne gerechtfertigt wären. Wer die Wall of nurses, initiiert vom SBK Bern, verfolgt, stellt fest, dass vor dem Lohn, vor allem diese Forderungen herausstechen: Mehr Personal, mehr Zeit für die Patienten und bessere Arbeitsbedingungen. Dass das eine, das andere bedingt, ist logisch.

Damit wieder mehr Menschen diesen wunderschönen Beruf ausüben wollen kann der Lohn als Anreiz gesehen werden. Für Herr und Frau Politiker, sowie unsere Medienlandschaft ist es offensichtlich die der einzige. Oder gibt es noch einen anderen Grund, weshalb diese sich fast ausschliesslich dazu äussern? Ist das alles, was sie an Kreativität zustande bringen. Ich bin der Auffassung, dass es noch andere Lösungen gibt. Mit der Pflegeinitiative liegen sogar welche auf dem Tisch. Nur dass diese halt mit eigenen Interessen von Herrn und Frau Politiker kollidieren und medial halt etwas mehr recherchiert werden müssen als dieses «Lohndings». Und so versucht man wieder die Diskussion auf eine Nebenbühne zu manövrieren (sie heisst `dafür haben wir kein Geld`), anstatt sich mal mit dem eigentlichen Thema zu befassen. 

 

Ich bin zwar eine Träumerin, aber nicht naiv, auch ich weiss, wenn an den momentanen Zuständen etwas geändert werden soll, muss in die Pflege investiert werden.

Ich bin überzeugt davon, dass dieses Geld, sehr gut angelegt sein wird. Eindrücklich erfahren wir, was es bedeutet, wenn im Gesundheitswesen die Ressource «Pflegefachperson» zu gering ist.

Deshalb rufe ich uns alle auf von der Nebenbühne auf die Hauptbühne zu kommen. Es ist Zeit, über die richtigen Dinge zu sprechen. Über Lösungen, darüber was geht und was wir erreichen können.

Madame Malevizia


Mittwoch, 28. Oktober 2020

Das Spiel beenden


 

Als ich gestern die verschiedenen Kommentare zum Start der Aktionswoche überflog (mehr tue ich nicht, das ist nicht unbedingt gut für meine Nerven), ist mir eines aufgefallen: Immer wieder wurde darauf aufmerksam gemacht, was denn mit dieser oder jener Branche sei. Die hätten es jetzt auch ganz schwer. Dieses Phänomen beobachte ich nicht erst seit gestern. Ob es die Künstler, Bars, Restaurants, Selbständigen, Angestellten im Verkauf, die Ärzte oder wir Pflegenden sind, die irgendwo von ihrer Not erzählen, es kommt ganz bestimmt ein Kommentar, der erklärt, dass es der anderen Branche viel schlechter gehe.

Leid vergleichen, nenne ich das. Ich finde das für uns alle äusserst ungesund. Leid vergleichen würgt jeglichen Dialog ab. Es verhindert, dass auf Augenhöhe kommuniziert werden kann. Dieses Leid vergleichen, nutzen gerade Politikerinnen und Politiker schamlos aus. Gerade gestern hat Frau Ruth Humbel (es widerstrebt mir zutiefst diesen Namen auch heute wieder zu schreiben, denn eigentlich möchte ich dieser Dame, die tagtäglich ihre Ignoranz gegenüber den Pflegenden zeigt, nicht auch noch eine Bühne bieten) dies eindrücklich demonstriert. Anstatt sich selbst zu reflektieren, auf die Not der Pflegenden einzugehen, für die sie selbst mitverantwortlich ist, führt sie die Gastwirte ins Feld, die es ja viel schwerer hätten. Ich möchte hier nicht darüber schreiben, dass ein «sicherer Arbeitsplatz» nicht ausreicht, damit in 20 Jahren noch Menschen den Pflegeberuf ergreifen. Ich möchte uns alle, egal in welcher Realität wir gerade leben:

Hören wir auf, uns gegeneinander ausspielen zu lassen und fangen wir an, uns gegenseitig zu unterstützen!

Indem wir:

-        einander zuhören und versuchen, die Lage des anderen nachzuvollziehen

-         wir das Leid des anderen (mit) aushalten, ohne es negieren zu müssen.

-        wir ehrlich kommunizieren, wenn wir das Leid des anderen eben nicht aushalten können, ohne dass wir unser Gegenüber herabwürdigen müssen.

-        gegenseitig Ideen austauschen

-        uns bei der Umsetzung der Ideen unterstützen

-        in allem Anstand miteinander mögliche (politische) Lösungen diskutieren

 

Wenn wir alle zusammen an Lösungen arbeiten, werden wir Grosses erreichen können. Vielleicht sogar, dass sich Politikerinnen und Politiker weniger um ihre Lobbys und ihre Wählbarkeit kümmern, sondern sich auf ihre eigentliche Aufgabe, den Dienst für unser Land konzentrieren. Damit wäre uns allen am meisten geholfen.

 

Lassen wir diese Leid – Vergleicherei, anerkennen wir den Wert jedes einzelnen von uns und schliessen uns zusammen.

 

Der eine oder die andere sagt jetzt, ich sei eine Träumerin und naiv, aber wisst ihr, es gab einmal einen Mann, der sagte: «Ich habe einen Traum» Auch er hat nicht alles erreicht, was er sich erträumte, aber er hat viel bewegt.

Madame Malevizia

Dienstag, 27. Oktober 2020

Ein Erdbeben im Gesundheitswesen

 

«Es gab diejenigen, die in Covid-Spitälern tätig sein mussten, auf Intensivstationen, wo die psychische und physische Belastung sicher sehr gross war», dieses Statement hat Frau Ruth Humbel gestern in einem Beitrag zur Aktionswoche der Pflegenden abgegeben. Ich möchte dieses aufnehmen, da sie nicht die einzige ist, die immer wieder betont, dass es doch nur die Pflegenden auf den Intensivstationen oder den «Covidspitälern» gewesen seien, die in diesem Frühjahr belastet gewesen seien. Diese Annahme oder Behauptung ist schlicht falsch. Covid- 19 ist und war kein lokaler Sturm es ist ein Erdbeben im Gesundheitswesen.

Genauso wie der Rest der Bevölkerung, wussten auch wir Pflegenden nicht, was auf uns zu kommt. Während viele um ihre Existenz, ihre Gesundheit oder die ihrer Liebsten fürchteten, hatten wir Pflegenden die Bilder unserer Nachbarländer vor Augen. Würden wir ebenso überrollt werden?

Vielerorts wurden 12. – Stundenschichten eingeführt. Solch lange Schichten gehen unweigerlich an die körperliche Substanz, da die Ruhezeit einfach zu kurz ist. Erschöpftes Pflegepersonal ist gefährlich, egal in welchem Setting.

Pflegende sind keine unsterblichen Superhelden. Sie sind einfach nur Mensch. Auch sie können sich mit Covid- 19 anstecken oder auch sonst krank werden. Es braucht nicht viel Vorstellungsvermögen um nachzuvollziehen, was Krankheitsausfälle in dieser Situation bedeuten. Zu Beginn der Pandemie fehlte vielerorts Schutzmaterial, was bedeutete, dass sich die Pflegenden zusätzlich noch exponierten.

Intensivspflege, die Epi- Zentren

Die Intensivstationen sind bestimmt die Epi – Zentren der Krise. Covid – 19 Patienten sind lange sehr krank und äusserst Behandlungs- und Pflegeintensiv. So braucht es beispielsweise 4 – 5 Personen, um einen beatmeten Menschen auf den Bauch oder zurück zu drehen. Nicht nur Covid- Patienten sind auf Intensivpflege angewiesen, auch andere Krankheitsbilder und nicht zu vergessen Unfälle bedürfen der Intensiv – Pflege und sind nicht unbedingt «aufschiebbar». Durch die «langliegenden» Covid- Patienten ist die Bettenkapazität der Intensivstationen noch limitierter als sonst. Und was passiert, wenn eine Intensivstation keine freien Betten mehr hat? Es geht ja nicht nur um das «physische» Bett mit dazugehörigen Apparaturen, es geht um die Ressource Pflegefachperson FA Intensivpflege, die massgebend ist, wie viele Intensivpflegebetten betrieben werden können. Dann trifft es eben auch die Bettenstationen.


 

Die stationäre Pflege

Sind die Intensivbetten voll oder nahezu voll, müssen Patienten auf die Normalstationen verlegt werden, auch wenn sie noch nicht ganz so stabil sind, wie sie sollten. «Gott gebe, dass es klebe», ist da das Motto. Die Betreuung dieser Patienten auf den Bettenstationen ist hochkomplex. Ebenfalls verbleiben auf den Bettenstationen Patienten, die so instabil sind, dass sie auf eine Intensivstation gehören würden. Dies bedeutet für die Pflegenden einen deutlichen Mehraufwand. Engmaschiges Überwachen, reagieren auf den sich schnell ändernden Allgemeinzustand des Patienten. Es ist sehr belastend, zuzusehen, wie sich ein Zustand immer weiter verschlechtert, zu wissen, dass ein Patient erst dann von der Intensivstation übernommen werden kann, wenn er kurz vor der Reanimation steht. In solchen Situationen kommen die anderen Patienten, die ebenfalls Betreuung/Pflege brauchen, einfach zu kurz. Es kann durchaus sein, dass dadurch Anzeichen von Komplikationen nicht frühzeitig erkannt und behandelt werden können. Ein Spiel mit dem Feuer oder sollte ich sagen, mit dem Tod?

Seit dem Frühjahr schwebt Covid – 19 wie ein Damoklesschwert über unseren bereits schwer kranken und geschwächten Patienten. Den Pflegenden ist klar, wenn bei einem Menschen nach einer grossen Operation, einem Menschen, dem gerade ein Organ transplantiert wurde oder einem Menschen, der gerade gegen Krebs kämpft, noch ein schwerer Verlauf von Covid- 19 dazu kommt, ist das wahrscheinlich das Todesurteil. Schon deshalb müssen Pflegende doppelt und dreifach aufmerksam sein. Die Hygieneregeln müssen peinlichst genau eingehalten werden. Das erfordert Konzentration, Konsequenz und ein weiteres Mal Zeit. Positiv Getestete oder Verdachtsfälle müssen isoliert werden. Auch diese Massnahmen müssen von den Pflegenden eingeleitet und umgesetzt werden.  

Die Notfallpflege

Den meisten Notfallstationen ist ein sogenannter Covid – Track angegliedert worden. Dieser hat vor allem einen Zweck. Menschen mit Covid – Verdacht schnell testen zu können und das Ansteckungsrisiko für andere möglichst gering zu halten. Diese Covid- Traks wurden teilweise auch noch mit dem Personal der Notfälle betrieben. Also neben dem gesamten «Normalbetrieb», in dem es mitunter auch um Leben und Tod gehen kann, musste auch das noch gestemmt werden. In den Notfall kommen verschiedenste Menschen und nicht immer können diese Massnahmen, wie Maskenpflicht, Beschränkung der Begleitpersonen, Isolation etc. nachvollziehen. Es sind die Pflegenden des Notfalles, welche die Emotionen darauf auffangen und die Massnahmen dennoch durchsetzen müssen.

Die Langzeitpflege

Mit dem Besuchsverbot ist während des Lockdowns eine essentielle Ressource der Bewohnerinnen und Bewohner von einem Tag auf den anderen komplett weggebrochen. Das allergrösste Problem dabei: Angehörige, geliebte vertraute Menschen sind unersetzlich! Dennoch haben die Pflegenden versucht, alles ihnen Mögliche zu tun, um das aufzufangen. Dabei haben sie nicht nur die Bewohnerinnen und Bewohner betreut, sondern auch die Angehörigen. Man könnte jetzt denken, ja die Angehörige konnten ja ihre Liebsten anrufen. Ja machen Sie mal, bei einer dementen Frau, einem schwerhörigen Mann. Diese Menschen brauchen auch da Unterstützung und das benötigt wieder zusätzliche Zeit. Nach dem Lockdown musste ein strenges Hygienekonzept umgesetzt werden, welches auch die Besucher betraf. Nicht jeder Besucherin und jedem Besucher war dieses verständlich. Vielerorts mussten endlose Diskussionen über Maskenpflicht und Kontaktdaten geführt werden. Ich möchte nicht wissen, was meine Kolleginnen und Kollegen sich da teilweise anhören mussten.

 

Die ambulante Pflege

Polikliniken wurden teilweise geschlossen oder das Angebot stark reduziert. Die Pflegenden waren aber nicht in Kurzarbeit, sondern wurden auf andere Stationen verteilt. Der Wechsel von der ambulanten in die stationäre Pflege ist eine echte Herausforderung, wenn nicht sogar Überforderung. Durch das reduzierte Angebot der Polikliniken mussten komplexe und zeitintensive Verbände von der Spitex übernommen werden.

 

Die spitalexterne Pflege

Für viele ihrer Klientinnen und Klienten waren sie teilweise die einzige Kontaktperson, die zu ihnen nach Hause kam. Es mussten zusätzliche Betreuungsdienste geleistet werden, die teilweise auch nicht richtig bezahlt werden. Die nun geltenden Hygienevorschriften, die Klientinnen und Klienten, sowie die Pflegenden schützen, müssen in den Haushalten umgesetzt werden. Da ist viel Kreativität und Fingerspitzengefühl gefragt.

 

Die Geburt- und Wöchnerinnenbetreuung

Die Spitäler entliessen die Wöchnerinnen möglichst schnell nach Hause, um auch da das Ansteckungsrisiko klein zu halten und auch um Betten frei zu haben. Die Mütter mussten alleine durch die Geburt, aufgrund des absoluten Besuchsverbots. Das ging nicht spurlos an ihnen vorbei und es waren die Pflegenden in der ambulanten Wöchnerinnenbetreuung, die diese Mütter dann auffingen. Gleichzeitig musste aber das ambulante/ aufsuchende Setting dieser Pflegenden reduziert werden, da auch sie ein hohes Risiko Covid 19 zu verbreiten darstellten. Und das, obwohl auch die Grosseltern der Neugeborenen als Ressource wegfielen. Eigentlich die Quadratur des Kreises. Dies stürzte sowohl die stationär als auch die ambulant tätigen Pflegenden in grosse ethisch moralische Dilemmata. Die dort erlebten Geschichten sind bis heute nicht verarbeitet.

 

Die psychiatrische Pflege

Psychisch Kranke welche einen stationären Aufenthalt benötigen, sind äusserst vulnerabel. Es ist nicht schwierig, sich vorzustellen, was die Covid- Pandemie in ihnen auslöst: Ängste, psychotisches Erleben, Depressionen und Aggressionen wurden um ein Vielfaches verstärkt. Wichtige Instrumente, wie Millieutherapie, Sozialtraining und Gesprächsgruppen konnten zum einen wegen der notwendigen Hygienemassnahmen und zum anderen wegen des Personalmangels nicht mehr durchgeführt werden. Dies sorgte für eine deutliche Zunahme von Kriseninterventionen jeglicher Art. Zudem mussten sich die Pflegenden auch mit Schutzmassnahmen und Covid- Abklärungen auseinandersetzen. Es ist eine grosse Herausforderung, diese im stationären Psychiatrie – Setting zu managen. Was in der somatik die Intensivstationen sind, sind in der Psychiatrie die Psychiatriestationen. Ebenso wie in der Somatik wurden nur noch die absoluten Notfälle aufgenommen. Für die ambulante Psychiatriepflege bedeutete das, schwierigste Situationen zu managen. Auch hier sollten direkte Kontakte möglichst vermieden werden. Vieles musste über das Telefon gemacht werden, was sonst einen 1:1 Kontakt bedingte. Schätzen Sie mal den psychischen Zustand eines Menschen über das Telefon ein. Oder führen sie eine fundierte Krisenintervention durch. Weder im stationären noch im ambulanten Bereich wurde der Personalschlüssel aufgestockt. Wie auch, ist ja keiner da, den man rekrutieren könnte.

 

Fazit

Covid – 19 hat das ganze Gesundheitswesen erschüttert und nach der ersten Welle einige Risse hinterlassen. Viele Pflegenden sind erschöpft und haben das alles noch gar nicht verarbeitet. Hinzu kommt die Wut darüber, dass wir Pflegenden nach dieser Welle im Regen stehen gelassen wurden. Über uns, oder darüber wie man so in die Pflege investieren kann, dass eine 2. 3. 4. Welle von den Gesundheitseinrichtungen aufgefangen werden könnte, hat im Sommer kaum jemand gesprochen. Schon gar nicht die Politik. Das würde nämlich bedeuten, dass diese sich reflektieren und entsprechend handeln müsste. Es würde bedeuten, anstatt bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit zu betonen, dass es ja leere Spitäler gab, darüber nachzudenken, wie die Last verteilt werden kann, um eine Überbelastung der einen und eine Unterbelastung der anderen zu verhindern.

Ich erwarte von der Politik jetzt mehr als nette Worte oder Ausflüchte. Ich erwarte Entscheidungen, ich erwarte, dass jetzt gehandelt wird!

Madame Malevizia.