Dienstag, 1. September 2020

Eine Stimme sein


 

Meine Lieben,

Ende Juni bin ich dem Sonnenuntergang entgegen geflogen. Erschöpft war ich. Die letzten Monate haben auch von mir sehr viel gefordert. Und mein Körper sagte mir sehr deutlich, dass er so nicht weiter machen kann. Verunsichert war ich, weil ich spürte, dass das, was ich so geliebt hatte, nämlich Pflegehexe sein, zur Last geworden war. Ich sass auf meinem Besen und flog weg. Ich wusste nicht, ob ich zurückkehren würde.

In diesen zwei Monaten, habe ich mir Zeit gelassen, mir bewusst zu werden, was in diesem Jahr passiert ist. Ein absolut verrücktes Jahr und vieles kommt mir bis heute surreal vor. Bilder kamen auf, die Gefühle dazu folgten, eine Mischung von Angst, Mut, Sorge, Enttäuschung und Wut war da. Ich verarbeitete, ich reflektierte und sortierte. Und das Wichtigste: Ich gönnte meinem Körper und meinem Geist eine Pause.

Schon bald wurde für mich klar: Es wird weiter gehen, denn mein Pflegehexentum ist mir wichtig. Ich habe mich daran erinnert, wozu ich geboren wurde, nämlich um Stimme zu sein. Eine Stimme aus der Pflege und eine Stimme für die Pflege. Als ich vor 4 Jahren angetreten bin, habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, Themen aus der Sicht einer Pflegefachfrau zu beleuchten, ich wollte zeigen, dass Pflegefachpersonen eben keine Hilfspersonen von Medizinern oder anderen Disziplinen sind, sondern eine eigene Profession. Ich wollte, dass der Pflegenotstand wahrgenommen wird und Lösungen gesucht und umgesetzt werden.

Eine Stimme sein. Das will ich auch heute. Doch um das sein zu können, muss ich mir einiger Dinge bewusst sein und diese auch nach aussen kommunizieren:

-        Ich bin eine One – Woman – Show. Alles was ich schreibe oder tue kommt von mir als Einzelperson. Das hat den Vorteil, dass ich nur für mich selbst verantwortlich bin, es begrenzt jedoch auch meine Möglichkeiten.

 

-        Pflegehexe sein ist nicht mein Broterwerb. Ich kann nicht eine Stimme aus der Pflege sein, wenn ich nicht selbst in der Pflege arbeite. Das Engagement als Pflegehexe ist so gesehen also eine Freizeitbeschäftigung. Und weil das so ist, muss es mir auch Spass machen, dies zu tun.

 

-        Worte sind meine Magie. Mein Instrument ist das Schreiben und manchmal auch das Sprechen. Darauf möchte ich mich in Zukunft fokussieren.

 

-        Für mich das Allerwichtigste: Es ist meins! Ich freue mich über Inputs, Diskussionen, Hinweise auf Themen und Einladungen. Dennoch bin ich freifliegende Hexe, und keiner hat ein «Anrecht» auf mich. Stellungnahmen, Kommentare und Austausch können erbeten, aber nicht verlangt oder erwartet werden. Ich bin die Pflegehexe, ich gebe meine Zeit, meine Energie und mein Herzblut, um eine Stimme sein zu können. Daher ist es mein Recht und auch meine Pflicht mir selbst gegenüber, zu selektionieren, was ich tue, schreibe oder sage und was nicht.

 

Zum Schluss möchte ich noch Danke sagen, für die ermutigenden und fürsorglichen Worte, als ich in den Sonnenuntergang geflogen bin und dass Ihr mir über zwei Monate, in denen ich Euch nichts gegeben habe, treu geblieben seid.

Ihr ermöglicht es mir, eine Stimme zu sein, die zunehmend auch wahrgenommen und gehört wird. Ohne eure Likes, Eure Kommentare und Euer Teilen, wäre alles das nicht möglich.

 

Es ist schön, wieder hier zu sein!

 

Eure Madame Malevizia

Donnerstag, 28. Mai 2020

Eine würdige Pflege



Am 25.5.2020 war in der Zeitung  Bund ein Interview mit dem Gesundheitsökonom Willy Oggier zu lesen. Thema war der Fachkräftemangel in der Pflege. Dieses hat für Pflegende an der Basis viel emotionalen Zündstoff. Wie so oft wird über unseren Berufsstand gesprochen, ohne, dass wir mit einbezogen werden.

Eigentlich finde ich es gut, wenn ein Problem aus möglichst vielen Blickwinkeln betrachtet wird. Nur so kann eine tragfähige Lösung gefunden werden. Dennoch sind mir die Aussagen von Herrn Oggier zu einseitig. Und die Fragen von Herrn Marti, dem Journalisten ebenfalls. Deshalb nehme ich hier erneut Stellung zu Themen, die wir in der letzten Zeit bereits mehrmals besprochen haben.

Das Thema Geld und Löhne

Natürlich ist es logisch, mit einem Ökonomen über Geld zu sprechen. Ich störe mich aber daran, dass der Eindruck erweckt wird, den Pflegenden mehr Lohn zu zahlen, wäre die Lösung des Fachkräftemangels. Den Wenigsten von uns geht es um mehr Geld, denn das wird unsere Arbeitsbedingungen nicht entscheidend verbessern. Ich will nicht mehr Lohn, ich will mehr Kolleginnen und Kollegen!

Äpfel mit Birnen vergleichen

Und da werde ich echt langsam stinkig. Erst kürzlich hat ein Politiker den Salär einer Pflegefachperson HF mit einer Grundausbildung verglichen. Dass dies falsch ist, brauche ich nicht zu betonen. Im Interview tut es nun der Journalist, was ich äusserst peinlich finde. Der Fachkräftemangel besteht nicht resp. weniger auf Stufe Grundausbildung, sondern auf der Tertiärstufe, und da wären wir in einer anderen Lohnkategorie. Also, wenn wir schon ständig über den Lohn diskutieren müssen, dann bitte mit den richtigen Fakten.

Der Markt spielt

Herr Oggier geht davon aus, dass der Markt spielt. Sprich, bei der grossen Nachfrage an Pflegefachpersonen sollte der Lohn von selbst steigen. Tut er aber nicht! Egal wo ich hinschaue, die Unterschiede sind gering. Und das hat aus meiner Sicht, damit zu tun, dass Gesundheitsinstitutionen eben nicht funktionieren wie jede andere x- beliebige Firma. Sie erfüllen einen Versorgungsauftrag und ihr finanzieller Spielraum, was die Löhne von Pflegefachpersonen betrifft, ist eng. Ich kann mir auch vorstellen, dass wir Pflegenden unseren Anteil daran haben, dass die Löhne nicht adäquat sind. Sollte ich Herrn Oggier jemals begegnen, würde ich sehr gerne über die Gründe dieses Phänomens diskutieren. Ich könnte mir vorstellen, dass wir zusammen einige spannende Lösungsansätze finden würden.

«Viele Pflegende arbeiten Teilzeit. Wenn man nun deren Löhne pauschal erhöht, besteht die Gefahr, dass viele ihr Pensum reduzieren.»

DieserSatz hat mich in der Diskussion zu den Löhnen irritiert:

Viele Pflegende (die Schreibende inklusive) arbeiten Teilzeit, weil sie ein Vollzeitpensum gesundheitlich gar nicht bewältigen können. Ein 100% Pensum im 3 Schichtbetrieb über 365 Tage im Jahr ist ein immerwährender Marathon, der unglaublich an die Substanz geht. Das nur mal dazu. Mühe macht mir bei dieser Aussage aber, dass sich offensichtlich keiner Gedanken darüber macht, warum das so ist und wie es geändert werden könnte. Ich persönlich bin überzeugt, verbessern sich die Arbeitsbedingungen, werden auch wieder mehr Pflegende Vollzeit arbeiten.

Umgekehrt würden auch mehr Mütter wieder in ihren Beruf zurückkehren, wenn sie mit einem Teilzeitpensum mehr verdienen würden, als die Unterbringung ihrer Kinder in der Kita sie kostet.

 

Der Akademisierungsvorwurf

Ich fasse das jetzt mal unter diesem Thema zusammen. Herr Oggier geht im Interview auch mit der Pflegeberufsschulen ins Gericht. Kann man machen. Auch ich bin nicht immer glücklich damit, dass in den Pflegeberufsschulen der Praxisbezug häufig fehlt oder verschwindend klein ist. Über dieses System lässt sich bestimmt diskutieren. Es ist aber nicht der Grund, weshalb viele Pflegende ihren Beruf aufgeben. Das sind die Arbeitsbedingungen. Zu Erfahren , nicht so pflegen zu können, wie es gelernt wurde. Zu Wissen, dass das Gelernte wurde, wirksam ist und dem Menschen um den es geht, helfen würde. Das ist unglaublich frustrierend und viele Frischdiplomierte zerbrechen an diesem Spannungsfeld. So gesehen komme ich nicht umhin zu vermuten, dass jene, die ständig schreien, die Pflege sei zu «akademisiert» sich wünschen, Pflegende wüssten nicht so viel. Dann würde ihnen ja das Spannungsfeld nicht mehr auffallen und sie nicht mehr regelmässig in ethische Dilemmas stürzen.

Wie Herr Oggier angemerkt hat, ist die Halbwertszeit von medizinischem Wissen kurz. Bei der Pflege ist das teilweise auch so. Genau deshalb lernen Pflegende, wie sie ein Thema sinnvoll recherchieren und es dann in der Praxis nutzen können. Genau deshalb sind Pflegeexpertinnen in der Praxis so unendlich wertvoll, weil sie das neueste Wissen in der Pflegeforschung in Standards für die Praxis integrieren und diese auch immer aktuell halten. Ein Grund mehr, weshalb Pflege studiert werden muss.

 

Zu den Fallpauschalen

Ich halte mich da kurz. Es ist mir grundsätzlich neu, dass die Fallpauschalen für uns Pflegende eingeführt wurden. Viel mehr ist es doch so, dass die Pflege in diesen kaum abgebildet ist, und wir uns die Finger wund dokumentieren, damit die Betriebe unsere Leistungen vor den Krankenkassen geltend machen können.

 

Die Digitalisierung wird es richten

Eine Annahme die nur jemand haben kann, der sich auf 1000 Metern Flughöhe befindet und deshalb nicht merkt, dass Pflege am Patientenbett stattfindet. Und in eben diesem Bett befindet sich ein Mensch, der nicht wie eine Maschine funktioniert und auch nicht von einer Maschine gepflegt werden kann. Herr Oggier hat eines nicht bedacht: In der Pflege fehlt es an nicht nur an Händen, sondern vor allem an KÖPFEN. Möglich, dass irgendwelche Roboter einmal Hände für uns sein können. Wenn ich allerdings sehe, wie mein Bedsidescanning – Gerät volle 5min braucht, bis es bestätigt, dass die Blutentnahmeröhrli korrekt beschriftet sind, eine Aufgabe für die ich «von Hand» keine 3Min brauche, zweifle ich daran, dass ich das noch erleben werde. Mit Kopf meine ich nicht nur das nötige Fachwissen um in Notfallsituationen egal welcher Couleur richtig zu handeln, oder solche gar nicht erst entstehen zu lassen. Mit Kopf meine ich auch das professionelle Auftreten und Einbringen im interdisziplinären Team. Ebenfalls zum Kopf gehört die Empathie, um individuell auf die Patienten einzugehen, um ihnen eben mehr zu bieten als nur die Versorgung, sondern eine würdige Pflege.

 

Fazit

Die Pflegeintitative ist im Parlament und ich stelle mit grosser Sorge fest, dass ökonomische Überlegungen höher gewichtet werden, als ethisch moralische Gesichtspunkte.

Noch immer versuchen viele Politikerinnen und Politiker das Problem zu negieren und weg zu argumentieren. Dieses Interview, stösst in eine ähnliche Richtung. Schade, ich fände die Diskussion, um eine sinnvolle Lösung wesentlich interessanter. Sollten sich da draussen Menschen finden, die das ähnlich sehen und sich einer solchen offenen Auseinandersetzung mit dem Thema stellen möchten: Ich bin da und ihr wisst, wo ihr mich finden könnt.

Herzlich, Eure Madame Malevizia.

 


Freitag, 1. Mai 2020

Madame Malevizias Korrespondenz - Mail an Ständerat Alex Kuprecht



Werter Herr Kuprecht,
Mit Interesse habe ich Ihre Diskussion mit Frau Yvonne Ribi  am 30.04. 2020 in der Sendung Forum im Radio SRF 1 verfolgt. Ich schreibe Ihnen als Pflegefachfrau, die seit sie 16-jährig ist, in der Pflege arbeitet. Nebenbei engagiere ich mich berufspolitisch in meinem Blog.
Einige Ihrer Aussagen haben mich verärgert und deshalb möchte ich auch dazu Stellung beziehen.

Sie haben das Salär von Pflegefachpersonen HF mit dem eines Sanitärinstallateurs verglichen. Das ist schlicht eine Frechheit! 
Nicht wegen des Sanitärinstallateurs, sondern weil Sie Äpfel mit Birnen vergleichen. Die Ausbildung Pflegefachperson HF beinhaltet insgesamt 6 (!) Jahre, sie befindet sich also auf Tertiärstufe und nicht auf der Stufe einer Berufslehre. Ich bitte Sie, sich entsprechend zu informieren, bevor Sie solche Aussagen tätigen.
Sie haben betont, dass viel Geld ins Gesundheitswesen fliesst. Das tut es, jedoch NIE in die Pflege! Im Gegenteil, in jeder Sparrunde, egal in welchem Kanton, wird im Gesundheitswesen gespart und jedes Mal, hat es die Pflege getroffen.

Zum Thema Akademisierung. Ich übernehme in der Nachtschicht die Verantwortung für 12 Patienten. Dabei muss ich wissen:
-        Welche Drainage führt von wo nach wo im Körper?
-        Wie sollte das, was da herausfliesst aussehen?
-        Was tue ich, wenn der Patient Schmerzen, Übelkeit, Atemprobleme, Rötungen hat?
-        Wie begleite ich einen Patienten im Sterben?
-        Wie sieht der Sterbeprozess aus?
-        Wie reanimiere ich einen Patienten?
-        Wie mobilisiere ich einen frisch operierten Patienten?
Ich könnte Ihnen diese Liste problemlos über 20 Seiten fortführen. Das lernt niemand innerhalb eines Jahres. Dieses Wissen abrufen zu können und in der Situation anzuwenden macht unseren Beruf so spannend und auch so anspruchsvoll.
«Brauchst du Köpfe oder Hände?» Das hat mich mal eine Pflegedienstleiterin gefragt. In der jetzigen Situation brauchen wir Köpfe, die die Fäden in der Betreuung von kranken Menschen, deren Situationen meist hochkomplex sind,  in der Hand halten können. Das wird eine Fachfrau Gesundheit nicht alleine leisten können, jedenfalls nicht in einem Akutspital. Und auch in den Pflegeheimen, kann die Pflegequalität nicht aufrechterhalten werden, wenn der Anteil an Pflegefachpersonen HF weiterhin sinkt.

Zu Ihren Äusserungen zur COVID – 19 – Krise und Zulage. Frau Ribi hat Ihnen erklärt, was diese Krise für uns bedeutet hat. Für ALLE von uns. So habe ich bis letzte Woche 12 – Stundenschichten gemacht. Meine Station war immer ausgelastet und das nicht zu knapp. Abgesehen davon, dass ich extrem Mühe habe, dass jetzt schon Stimmen laut werden, die finden, «War ja alles nicht so schlimm!» Wir in der Deutschschweiz dürfen einfach nur dankbar sein, dass die Massnahmen des Bundes gegriffen haben. Und eine Garantie, dass es so bleibt, haben wir nicht.

Sie haben mehrmals betont, wie lange Sie Mitglied in der Gesundheitskommission sind. Schon deshalb bin ich einigermassen entsetzt, dass sie a) so wenig über die Ausbildung von Pflegefachpersonen und b) noch weniger über die Anforderungen dieses Berufes wissen. Sollten Sie ernsthaft gewillt sein, ihre Wissenslücken zu schliessen, stehe ich Ihnen sehr gerne zur Verfügung. 

Nun wünsche ich Ihnen Gesundheit, das höchste Gut, das keiner kaufen kann und verbleibe mit Freundlichen Grüssen 

Madame Malevizia

Ps. Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass dieses Mail, sowie eine allfällige Antwort auf meinem Blog und meiner Facebookseite veröffentlicht werden.
Ebenfalls finden Sie im Anhang meinen Steckbrief, damit Sie wissen, mit wem sie es zu tun haben. 

Montag, 20. April 2020

Nachrichten von der Pflegebasis V - Respekt



Meine Lieben,
ich bin erschüttert, ob der Respektlosigkeit, die auch in diesen Tagen Pflegenden entgegengebracht wird. Schon während für uns geklatscht wurde, brachten es die hiesigen Medien nicht zustande, die Berufsbezeichnungen korrekt zu benutzen. Von Pflegern und Pflegerinnen war da zu lesen. Eine Ausbildung, die es seit 2001 (oder sogar schon vorher) in der Schweiz gar nicht mehr gibt. Es bedarf keiner grossen Recherche, um herauszufinden, dass die richtige Bezeichnung Pflegefachperson oder Fachperson Gesundheit lautet. Vor allem, wenn sich sogar der Berufsverband die Mühe macht, ein Merkblatt dazu zu verschicken. Ich muss also davon ausgehen, dass es als nicht wichtig erachtet wird, ob die Berufsbezeichnung korrekt ist.
Einige Politikerinnen und Politiker haben damit begonnen, Grussworte an Spitäler zu richten. Eine nette Geste? Ich sehe es eher als den Versuch Pflegende mit Streicheleinheiten ruhig zu stellen. Interessanterweise kommen diese Grussworte nämlich von Politikern, die massgeblich dafür mitverantwortlich sind, dass in unserem Gesundheitswesen gespart wurde bis es nicht mehr ging. Somit haben sie einen Anteil am Lockdown, der nötig wurde, weil die Gesundheitsinstitutionen einer Fallzahl von schweren Verläufen wie in unseren Nachbarländern nicht gewachsen gewesen wären. Diese salbungsvollen Worte fühlen sich an wie das Kopftätscheln bei einem Kleinkind. Überflüssig zu sagen, wie respektlos es ist.
Schon vor Covid -19 war es eine beliebte Taktik, vor allem in bürgerlichen Kreisen praktiziert, aufzuzählen wie gut Pflegende ihre Arbeit doch machen würden, und dann im nächsten Atemzug zu erklären, warum die Politik jedoch nichts dazu beitragen könne, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Zusätzlich wurden fröhlich Vergleiche angestellt, wo es denn noch schlimmer sei (z.B. Deutschland). Jetzt ist eindrucksvoll bewiesen worden, was passiert, wenn wir in diesem Stil weiter machen. Ich habe darum keine Lust mehr, darüber zu diskutieren, ob die Massnahmen, wie sie die Pflegeinitiative definiert, nötig sind. Ich will jetzt darüber reden, wie sie umgesetzt werden. Sich darüber auszutauschen und daran zu arbeiten, wäre ein wahres Zeichen von Respekt.
Ach, ich soll doch nicht zu tun, die Welle sei ja gar nicht gekommen? Dieses Argument lese ich in letzter Zeit häufig. Wisst Ihr was? Wir alle hier in der Deutschschweiz sollten (an wen oder was auch immer wir glauben) auf Knien dafür danken, dass wir womöglich verschont bleiben werden. Obwohl sie ausblieb, haben sich alle Pflegenden darauf vorbereitet, sich noch mehr in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen, als sie es sonst schon tun. Es wurden 12 Stundenschichten geleistet, Teams in andere Teams integriert und nicht wenige haben sich über die Massen exponiert. Das geltende Besuchsverbot hat ebenfalls einen beträchtlichen Mehraufwand ausgelöst. In den Spitälern, sowie in den Pflegeheimen. Dies ist und bleibt eine Leistung, diese jetzt kleinreden zu wollen, ist respektlos.
Ach, Covid-19 ist gar nicht so gefährlich, wird jetzt gesagt. Dazu sind unzählige Studien, Diagramme, Statistiken im Umlauf. Sie sind es in so einer grossen Zahl, dass es schlicht nicht mehr möglich ist, diese auf ihre Korrektheit, ihre Auslegung zu prüfen oder auch nur ansatzweise aussagekräftig interpretieren zu können. In meiner Ausbildung habe ich gelernt, dass ich wissen muss: was war die genaue Fragestellung dieser Statistik? Wie wurde gezählt? Was wurde gezählt oder verglichen? Über welchen Zeitraum wurde gezählt oder getestet. Keines dieser Diagramme, oder Kurven, das zur Zeit in den Medien herumgeistert, kann daraufhin geprüft werden, weil genau diese Angaben fehlen. Genauso verhält es sich mit all diesen Zahlen, die da kursieren. Es sind «füdliblutte» Zahlen, keiner weiss woher sie stammen und wie sie zustande gekommen sind. Als ich letztens mit einer Freundin, die als Pflegefachfrau mit FA Intensivpflege arbeitet, darüber sprach, dass die Meinung herrscht, Covid-19 sei nicht gefährlich, meinte sie nur: «Vielleicht sollten sie das unseren Patienten erklären, die jetzt gerade wegen einer Covid-19 Infektion um ihr Leben kämpfen.» Und genau da sind wir wieder beim Punkt.
«Pflegende sind idiotisch», so lautete die Überschrift eines Linkedin Artikels. Obwohl ich eigentlich nichts lese, bei dem ich schon im Titel dermassen betitelt werde, habe ich diesen überflogen. Es ging darum, dass Pflegende sich (zu) wenig für sich einsetzen. Auch das habe ich schon häufig gehört. Wir sollten doch mal so richtig auf den Tisch hauen. Streiken oder so. Wenn wir es nicht täten, müssten wir uns ja nicht wundern, wenn sich nichts ändert. Ich frage mich, was sich diese Leute eigentlich vorstellen. Wie soll denn das ihrer Meinung nach aussehen? So wie in Italien und Kanada, wo Pflegende einfach weggelaufen sind und ihre Patienten dem Schicksal überlassen haben? Wenn wir es wirklich darauf ankommen lassen sollen, wird das Menschenleben kosten. Die Probleme sind auf dem Tisch, teilweise sogar mögliche Lösungen. Zu sagen, wir reagieren erst darauf, wenn die betreffende Berufsgruppe unserer Meinung nach laut genug schreit ist respektlos!
Wisst Ihr, dieses «Pflegende sind Idioten!», hat mich getroffen. Noch mehr erschüttert hat mich, dass niemand auf diese Beleidigung reagiert hat. Und das ist symptomatisch für unseren Berufsstand. Wir lassen es zu. Viele sind auch jetzt wieder frustriert und resigniert. Sagen «Wir haben gewusst, dass sich auch jetzt nichts ändern wird!» Ja, das stimmt. Denn, wenn wir die Veränderung wollen, müssen wir selbst damit anfangen. Dann müssen wir uns selbst so respektvoll behandeln, wie wir es verdient haben. Dann müssen wir unsere Forderungen formulieren und diese nach Aussen tragen. Dabei dürfen wir kraftvoll sein, auch wenn versucht wird, uns mit Statistiken und Zahlen zu verunsichern. Wir müssen und dürfen uns den Diskussionen stellen, und einfordern, was uns zusteht. Wir haben das Wissen, um mitreden zu können, auch und vor allem in der Politik. Unsere Stimmen gehören in ethischen Fragestellungen gehört und ernst genommen. Wenn wir uns selbst Respekt zollen, fluten wir genau jetzt, Social Media mit unseren Forderungen. Und zwar richtig. Heisst, wir formulieren, was wir wollen und nicht das was wir nicht wollen. Respekt vor sich selbst zu haben, heisst, weder Arbeitgeber noch Politikerinnen und Politiker mit ihren Streicheleinheiten davon kommen zu lassen. Es bedeutet, unbequem zu sein, auch mal zu streiten und unbeliebt zu sein. Ich bin absolut überzeugt, nur so werden wir das bekommen, was wir verdient haben: Respekt für unseren Berufsstand.
Und so stelle ich mich erneut hin und sage: I’m proud, to be a nurse.

Eure Madame Malevizia

Mittwoch, 15. April 2020

Nachrichten von der Pflegebasis IV – Meine Heldinnen und Helden



Meine Lieben,
Ein Wort taucht im Zusammenhang mit der Pflege immer wieder auf: Pflegende werden als Heldinnen und Helden gefeiert, oder zumindest betitelt. Ich selbst tue aber nichts anderes als vor Covid -19. «I’m just a nurse», wie S. Gordon sagt und damit bin ich der Unterschied, immer. Ich empfinde deshalb den Titel «Heldin» als zu gross. Gleichzeitig spüre ich aber, wie wichtig es vielen Menschen ist, uns Pflegende so zu sehen. Damit meine ich nicht die Politikerinnen und Politiker, die uns salbungsvolle Grussbotschaften schicken, um von ihrer eigenen Verantwortung abzulenken. Ich meine jene, die dies wirklich ganz tief empfinden und mit diesem Wort ihre Solidarität und ihre Dankbarkeit auszudrücken versuchen.
Wenn ich also diesen Titel einfach mal so hinnehme, ist mir eines besonders wichtig. Neben und hinter mir stehen meine eigenen Heldinnen und Helden und genau sie möchte ich heute beim Namen nennen.

Als erstes ist da mein gesamtes Team. Wenn ihr das lest, wisst ihr, dass ihr gemeint seid. Es ist mir eine Freude und Ehre mit Euch zusammen nicht nur den Betrieb, sondern auch die Pflegequalität aufrecht zu erhalten. Nicht zum ersten Mal tun wir dies unter schwierigen Bedingungen. Ich bin stolz, dass wir auch diesmal unseren Zusammenhalt und unseren Humor nicht verlieren.

Meine Vorgesetzten. Die Stationsleitung und ihre Stellvertreterin, in alledem sind sie mir als Mitarbeiterin fürsorglich verbunden. Ich bin für sie nicht nur Nurse, sondern auch Mensch.

Die Pflegedienstleitung und ihr Team. Ich kann mir wohl nur ansatzweise vorstellen, was es bedeutet eine ganze Klinik für das, was kommen könnte bereit zu machen. Eindrucksvoll haben sie bewiesen, dass sie dessen fähig sind und führen können. Mit viel Engagement und auch ein bisschen Fantasie sorgen sie dafür, dass wir an der Basis über genügend Schutzmaterial verfügen.

Der Berufsverband SBK, der seit Beginn der Krise mit mir Kontakt hält, meine Fragen klärt, sich mit mir austauscht. Es beruhigt mich zu wissen, dass Pflegende nicht allein gelassen werden und sich auf die Berufsverbände verlassen können.

Mein Mann, der für mich Taxi spielt, einkauft und für mich kocht. Sein analytischer, klarer Geist erdet mich.

Meine Familie, die ich schmerzlich vermisse, die mich mit Telefonaten und Nachrichten unterstützt , mich ermutigt und zum Lachen bringt.

Meine Schwester Désirée, die mit ihren Blogs für Leichtigkeit und Denkanstösse sorgt.

Meine Nachbarshexe Edith, die mit mir Freundschaft lebt. Für immer uf di!

Meine Metamorphosis- und Archetypenkurs – Schwestern, die auch jetzt mit mir meine und ihre Ressourcen stärken. Sie zu sehen und zu spüren tut mir unglaublich gut.

Jede/ jeder Einzelne, die mir Nachrichten schickt, sich mit mir austauscht, schöne Bilder auf Facebook und Status hochlädt und mich so zum Staunen bringt.

Conny, die mich auf einer tiefen spirituellen Ebene stärkt.

Der Musiker Dodo, den ich nicht persönlich kenne, der mir aber mit seinem Dodonnerstag einfach pure Freude schenkt.

Meine Tanzlehrerin Danièle, die sich durch die ganze Technik gekämpft hat, u ihre Kurse nun Online anzubieten. Für mich ist es ein so grosses Geschenk, dass ich einmal in er Woche in den Körper kommen, mich spüren kann und meinem Kopf eine Pause gönnen darf.

Meine Coach, Esther, die gerade jetzt um ihr geschäftliches Überleben kämpft und dennoch steht sie mir mit all ihrem Wissen, Können und ihrer Kraft zur Seite.

Es gibt noch so viele Menschen, die neben und hinter mir stehen, die ich hier nicht erwähne, weil der Bericht sonst viel zu lang wird, ich sehe Euch und das was ihr für mich tut, dessen könnt auch ihr sicher sein. 
Sie alle  sind es, die es mir ermöglichen, «just a nurse» und damit der Unterschied zu sein. Deshalb sind sie meine Heldinnen und Helden.

Danke, dass dir da sit. I fröie mi scho, wenn i öich ds nächste Mal cha i d Arme näh.

Eure Madame Malevizia

Donnerstag, 2. April 2020

Nachrichten aus der Pflegebasis III - Fragen, die gestellt werden müssen



Meine Lieben,

Wie geht es Euch? Ich denke oft an Euch und an all das was Ihr gerade leistet. Meine Gedanken sind bei unseren Kolleginnen und Kollegen im Tessin und der Westschweiz, die mitten im Covid -19 Sturm stehen. Noch ist es bei mir relativ ruhig. Doch Covid – 19 schwebt wie ein Damoklesschwert über uns. Die Patienten, die zur Zeit bei uns hospitalisiert sind, sind schwer krank. Eine Covid – 19 Infektion würde für sie lebensgefährlich werden. Für uns Pflegenden bedeutet das, doppelt so aufmerksam sein und das in einer für uns psychisch und physisch  kräftezehrenden Situation.

Letzte Woche habe ich mehrere Zwölfstunden – Schichten gearbeitet. Körperlich bin ich klar an meine Grenzen gekommen. Jetzt erhole ich mich. Wie alle lese und höre ich viel über Covid – 19. Und obwohl ich versuche, das alles möglichst gut zu filtern, macht mich das alles manchmal einfach nur kirre. So wie heute. Unendlich viel prasselt da auf mich ein. Und immer, wenn es mir zu viel wird, schreibe ich meine Gedanken auf. Einige davon möchte ich mit Euch teilen.

Bereits ruft die erste Partei danach, dass die Massnahmen, um Covid 19 einzudämmen, aufgehoben werden sollen. Der wirtschaftliche Schaden sei sonst zu gross. Man kann das durchaus so sehen. Und die Frage, wieviel können wir unseren Unternehmen noch zumuten, muss gestellt werden. Doch gleichzeitig müssen wir uns vor Augen führen, was der Grund für den Lockdown ist. Unser Gesundheitswesen war bereits vor Covid- 19 so am Anschlag, dass sie die zu erwartende Welle von schweren Verläufen dieser Krankheit nicht hätte kompensieren können. Was das bedeutet hätte, sehen wir bei unserem Nachbarn Italien live und in Farbe. Deshalb muss auch die Frage: Wenn wir die Massnahmen aufheben, kann unser Gesundheitswesen einen Anstieg an Fällen nun verkraften? Ich bin mir nicht sicher ob diese Frage überhaupt beantwortet werden kann. Denn sie zieht auch noch weitere Fragen nach sich. Was wenn wir das jetzt zwar glauben, uns aber irren? Was, wenn wir dann wirklich in einen Engpass kommen? Wer entscheidet dann, wer noch behandelt wird und wer nicht? Ich persönlich möchte diese Entscheidung niemandem zumuten müssen. Doch wenn, dann erwarte ich, dass sich die Politik daran beteiligt und die Verantwortung dafür auch übernimmt.
Viele Fragen, ich weiss, doch wir müssen sie uns stellen, denn auch das ist Solidarität. Es kann nicht sein, dass erneut das Gesundheitswesen im Stich gelassen wird, weil die Wirtschaft stärker gewichtet wird. Es muss beides dieselbe Aufmerksamkeit erhalten. Jetzt und auch wenn alles vorbei ist. Und gerade jene Partei, die jetzt nur die Wirtschaft im Blick hat, muss sich die Frage gefallen lassen, ob eine ausreichende Anzahl von Pflegefachpersonen wirklich nur «nice to have» sind. Und wenn sie schon einmal dabei sind, können sie sich auch gleich fragen, ob sich unser Gesundheitswesen qualitativ wirklich an unseren europäischen Nachbarn orientieren soll.

Ich verbleibe mit den besten Wünschen für Euch alle. Häbet Sorg! 

Eure Madame Malevizia

Montag, 23. März 2020

Nachrichten von der Pflegebasis II – Bleib Zuhause und die Sache mit dem Klatschen





Meine Lieben,

Ich schreibe Euch am Abend bevor ich zu meiner ersten 12 Stunden- Schicht gehe. Letzte Woche habe ich alles daran gesetzt mich selbst zu stabilisieren und zu stärken. Heute habe dann auch noch ein Online – Coaching gemacht. Nun fühle ich mich bestmöglich vorbereitet auf das, was kommen wird.
Viele Nachrichten erreichen mich. Einiges ist auf Social Media zu lesen. Auf zwei Dinge möchte ich hier eingehen.

Die Kampagne «Bleib Zuhause.»
 Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen, als der Bundesrat am Freitag keine absolute Ausgangssperre verhängt hat. Auch wenn ich diesen Schritt durchaus hätte nachvollziehen können, bin ich froh, dass der Bundesrat eine andere Massnahme ergriffen hat. Mir machten die psychischen Auswirkungen auf die Menschen ehrlich Sorgen. Es macht sehr viel mit einem Menschen, wenn er nicht mehr raus darf. Dennoch haben viele bis jetzt nicht kapiert, um was es wirklich geht. Covid- 19 ist kein Witz und ganz bestimmt nicht harmlos, für niemanden. Es gilt, die Welle so gut wie möglich abzuflachen, damit unser Gesundheitswesen zumindest die Chance hat, sie zu bewältigen. Besonders berührt, haben mich die vielen Bilder der jetzt gerade arbeitenden Teams, welche die Bevölkerung inständig bitten, Zuhause zu bleiben. Aus meiner Sicht ist es eine Frage des Respekts, sich jetzt an diese Vorgaben zu halten. Und immer wieder habe ich gedacht, dass es jetzt nicht auch noch Aufgabe der Pflegenden und Ärzte sein kann, eine solche Kampagne zu fahren. Es muss jetzt wirklich alles von ihnen ferngehalten werden, das nicht zu ihrem Kerngeschäft gehört. Umso mehr schätze ich die Challenge, die Alain Berset ins Leben gerufen hat. Danke an alle Promis, die uns auf diese Weise unterstützen.

Das Klatschen
Die Romandie klatscht jede Woche für das Gesundheitspersonal. Letzten Freitag hat auch die Deutschschweiz geklatscht. Viele Videos habe ich gesehen und auch geteilt. Es war richtig laut. Die Resonanz auf das Klatschen ist bei uns Pflegenden unterschiedlich. Für die einen ist es eine Geste, die Kraft und Mut gibt, die anderen finden: «Ihr habt bis jetzt nicht auf uns gehört, jetzt braucht ihr auch nicht zu klatschen!» Ich verstehe beide Seiten und habe auch beide in mir. Auch ich möchte manchmal einfach nur brüllen, ob all der Wut und Enttäuschung, dass wir Pflegenden jetzt eine Suppe auslöffeln, die wir uns nicht selbst eingebrockt haben. Und wir alle haben verdammt nochmal das Recht darauf jetzt verletzt zu sein. Im Wissen, dass Wut viel Energie ist, versuche ich jedoch die möglichst gut umzulenken und zu nutzen. Denn Energie und Kraft ist gerade jetzt ein kostbares Gut. Mir selbst habe ich ein Versprechen gegeben:Sobald der Covid -19 Sturm vorbei ist, werde ich alles daran setzen werde, dass wir nicht noch einmal in eine solche Krise hereinrasen Ich hoffe, nein, ich zähle darauf, dass dann alle die Enttäuschten und Verletzten mit mir sein werden.
Dennoch, oder gerade deshalb finde ich jedoch das Klatschen eine wichtige Geste. Eine Geste, die mir zeigt, wir werden (endlich) gesehen und gehört. Zudem glaube ich, dass das Klatschen nicht nur den Empfängern hilft, sondern auch den Sendern. Wie schlimm muss es sein, nichts tun zu können, ausser Zuhause zu bleiben? Viele würden so gerne helfen, doch sie verfügen nicht über die nötige Qualifikation. Einmal in der Woche klatschen zu können, gibt auch diesen Menschen Kraft und Hoffnung. Und darum wünsche ich mir, dass es nicht aufhört, das Klatschen. Sondern noch über den Sturm hinausgeht. Und dann, wenn es darum geht, das Gesundheitswesen zu stärken, müssen dem Klatschen Taten folgen.
Es gibt noch so vieles, über das ich schreiben möchte. Doch für den Moment schliesse ich diesen Bericht.

In Verbundenheit mit Euch allen verbleibe ich mit den besten Wünschen.

Eure Madame Malevizia