Montag, 3. Dezember 2018

Was wir alleine nicht schaffen



Meine Lieben,

In meiner Tätigkeit als Pflegehexe begegne ich immer wieder der Frage, warum Pflegende in Politik und Gesellschaft so wenig Einfluss haben. Höchst selten werden in der Öffentlichkeit Pflegefachpersonen zum Pflegnotstand oder anderen Gesundheitspolitischen Herausforderungen angehört. «Weil wir keine Lobby haben.» Ist die häufigste Antwort auf diese Frage. Ich sehe das auch so. Pflegende hätten durchaus einiges zu sagen und es ist wichtig, dass Pflegende das Gesundheitswesen mitgestalten, da sie ein tragender Teil dessen sind. Deshalb sollten wir Pflegeden alles daran setzen eine Lobby aufzubauen. Um dies zu erreichen müssen wir einige Dinge tun und andere dringend lassen.

Lassen sollten wir, lieber gestern als heute und morgen das Konkurrenzverhalten. Wenn jede von uns tritt, kratzt und beisst um nach oben (wo und was auch immer dieses «oben» sein soll) zu kommen, gibt es schlussendlich nur Verlierer in Form von Schwerverletzten. Nichts blockiert uns Pflegende mehr, als dieses systematische, meist hinterhältige Messerstechen. Ich weiss wovon ich rede, auch in meinem Rücken steckten einst Messer, die mir von Arbeitskolleginnen hineingerammt wurden. Es war und ist für mich schwierig, solche Menschen zu erkennen, ihnen nur meine Frontseite zu zeigen und wenn möglich Abstand zu halten. Für mich fühlt sich das an, wie das schwimmen im Haifischbecken. Es kostet unglaublich viel Energie und Kraft in diesem Becken den Kopf über Wasser zu halten. Um eine Lobby zu schaffen, ist dieses Haifischbecken der falsche Ort. Und so rufe ich alle Pflegenden auf, steigt aus diesem Gemetzel aus.

Eine Lobby entsteht vor allem durch eines: Vernetzen. Männer sind, das muss ich neidlos gestehen, in dieser Disziplin meisterhaft. Ein äusserst weites und tragfähiges Netz ist dabei offensichtlich das Militär. Männern bedeutet es etwas, einmal (es ist auch egal ob es vor 20 Jahren war) zusammen «Dienst getan» zu haben. Sollen wir Pflegenden nun alle ins Militär? Nein, das meine ich natürlich nicht. Gerade an mir Pflegehexe hätten sie da keine Freude, ich hab’s nämlich nicht so mit Befehlen entgegen nehmen… Und doch denke ich, dass es in unserer Pflegewelt eine Parallele gibt: auch wir «tun zusammen Dienst». Gerade in Institutionen sind wir als Teams unterwegs. Für mich ist vernetzen auch eine Haltung, die wir im Team und in den Institutionen leben können. Es ist ein sich gegenseitig inspirieren, ermutigen und herausfordern. Vernetzen im Team ist für mich ein gemeinsames Kaffee nach der Nachtwache, das Feierabendbier, der Gruss auf die Nachbarstation, die Teamanlässe, die gemeinsamen Pausen.

Ein weiterer Bereich, in dem wir uns vernetzen können ist unsere Ausbildung. Wir alle sind einmal irgendwo in eine Pflegeberufsschule gegangen. Auch ich habe noch Kontakte von dieser Zeit. (Wenn auch lose, aber sie sind da.) Es ist wahnsinnig spannend zu sehen, wie sich die Klassenkolleginnen und Klassenkollegen entwickelt haben. Bei dieser Gelegenheit, liebe Grüsse an die Exoten Kurs 104 (Ihr wisst schon, dass ich Euch meine). Ebenso ist es aber auch eine sehr gute Gelegenheit zu erfahren, was in anderen Bereichen der Pflege abgeht. Ich stelle dabei immer wieder fest, dass sich die Probleme ähneln. Und weil dies so ist, liegt darin so viel Potential eine Lobby zu bilden. Noch effektiver wäre es, wenn die ganze Schule sich über die Ausbildung hinaus vernetzen würde. Genau das versucht das Berner Bildungszentrum Pflege (BZ Pflege) mit dem Verein Alumni zu erreichen. Bei eben diesem Verein durfte ich am 20. November ein kleines Referat zu meiner berufspolitischen Aktivität halten. Ich weiss, nicht alle haben gute Erinnerungen an die Ausbildungszeit. Und ganz ehrlich, auch ich habe mich mit leisem Schrecken an die unzähligen Gruppenarbeiten, Flipchartgestaltungen und Präsentationen erinnert. Der Vorstand ist jedoch mit Herzblut dabei und arbeitet unermüdlich daran, Alumni wachsen zu lassen. Aus meiner Sicht ist Alumni eine wunderbare Möglichkeit sich zu vernetzen.

Sich in einem Verein zu engagieren oder auch nur regelmässig die Anlässe zu besuchen benötigt Zeit. Zeit, die bei Pflegenden meist sehr rar ist. Die zeitsparendste Möglichkeit zu vernetzen ist Social Media. Ich nutze dieses Medium seit Beginn meiner Tätigkeit. Über meine Facebookseite habe ich einige sehr wertvolle Kontakte knüpfen können. Auf Facebook gibt es unzählige pflegespezifische Seiten. Da muss man/frau gut selektionieren um nicht in einer Informationsflut zu ertrinken. Ich persönlich kann mit Seiten auf denen ständig die Frage auftaucht «Darf mein Arbeitgeber das?» oder Seiten, die sich in «Ferndiagnostik» üben nicht viel anfangen. Empfehlen möchte ich die Seite «Pflege vernetzt» von Patrizia Tamborrini. Sie teilt auf ihrer Seite Artikel rund um die Pflege. (Ich selbst bin dort als Administratorin tätig, aber nur am Rande).

Vernetzen ist mit Einsatz und Herzblut verbunden. Die Früchte dieses Einsatzes können erst Jahre später geerntet werden. So möchte ich noch einmal alle Allumnis grüssen und an einen Satz aus meinem Referat erinnern:

«Was wir alleine nicht schaffen, das schaffen wir dann zusammen» (Xavier Naidoo)

Dieser Refrain geht noch weiter, und bezüglich Vernetzen ist er absolut passend:

«Doch wir müssen geduldig sein, dann dauert es nicht mehr lang.»

Eure Madame Malevizia

Ps. Für alle Interessierten, hier noch die Internetadresse von Alumni:
www.alumni-bzpflege.ch/

Donnerstag, 8. November 2018

Offener Brief an die Damen und Herren Bundesrat



Werte Damen und Herren Bundesrat

Gestern haben Sie Ihre Ablehnung der Volksinitiative für eine starke Pflege kommuniziert. Ein Entscheid, der mich nicht überrascht. Ihre Begründung macht mich wütend und ich kann sie nicht einfach so stehen lassen.

 «Der Bundesrat ist der Ansicht, dass der bestehende Verfassungsartikel zur medizinischen Grundversorgung (117a BV) ausreichend ist, um die Pflege zu stärken.»

Warum tun Sie es dann nicht? Seit Jahrzehnten spitzt sich die Lage für die Pflegenden Jahr für Jahr weiter zu. Die Pflege läuft am Anschlag. Der Pflegenotstand droht nicht, er ist längst Realität. Doch von einer Stärkung der Pflege sehe ich nichts, im Gegenteil

-        Bei jeder Sparrunde werden im Gesundheitswesen massiv Gelder gestrichen. Ein Beispiel ist der Kanton Bern letztes Jahr. Solche Sparübungen werden immer auch auf dem Buckel der Pflegenden ausgetragen.

-        Der Beitrag für die die freischaffenden Pflegenden von den Krankenkassen wurde gekürzt. Dadurch werden einige aufgeben müssen.

-        Durch einen Bundesverwaltungsgerichtsentscheid dürfen Heime und Spitexbetriebe Verbands- und Pflegematerialien nicht mehr den Krankenkassen verrechnen. Dass dies Zustande gekommen ist, ist nicht die Verantwortung des Bundesverwaltungsgerichtes, sondern der Politik, welche sich nicht darum gekümmert hat, ein entsprechendes Gesetz zu verabschieden, damit Pflegende das tun können, was jeder Berufsstand macht: seine Materialkosten verrechnen. Die Folgen dieses Versäumnisses sind gravierend. Viele Krankenkassen beginnen nun Rückforderungen zu stellen. Ich frage mich, wann das erste Pflegeheim deswegen Sparmassnahmen (notabene zu Lasten der Pflegenden) ergreifen oder gar seine Pforten schliessen muss.

-        Die SwissDRG wurden, (ich weiss lange ist es her), eingeführt, im Wissen, dass die Pflege darin ungenügend abgebildet ist. Dieser Mangel ist bis heute nicht ausreichend korrigiert. Die Folge davon: Pflegende dokumentieren sich zu Tode, damit Ihre Leistungen wenigstens halbwegs abgegolten werden.

Ist das Ihr Verständnis von: «Die Pflege stärken»? Sie können jetzt sagen, für einige dieser Beispiele sind die Kantone zuständig. Ich weiss. Aber wenn Sie wirklich die Pflege stärken wollen, dann übernehmen Sie als Landesregierung endlich die Verantwortung im Gesundheitswesen und beenden dieses «Schwarze Peter Spiel»!

«Die Forderung der Initiantinnen und Initianten nach einer direkten Abrechnung von Pflegeleistungen zu Lasten der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) hätte zudem Mehrkosten im Gesundheitswesen zur Folge.»

Das ist mein absoluter Lieblingssatz. Welche Mehrkosten? Glauben Sie wirklich eine freischaffende Pflegefachperson würde dann mehr Klienten betreuen? Auch ihr Tag hat nur 24Stunden und auch Pflegefachpersonen müssen essen und schlafen. Ausserdem heisst abrechnen können nicht, dass die Krankenkasse die Leistung auch automatisch übernehmen muss. Sie kann die Notwendigkeit dieser, wie bis anhin auch überprüfen. Glauben Sie wirklich, ein Arzt überprüft jede Bedarfsabklärung der Spitex, bevor er sie unterschreibt? Dazu fehlt diesen zum einen die Zeit und zum anderen können sie es schlicht nicht beurteilen.

Mit der Möglichkeit die Pflegeleistungen selbst abzurechnen, bekommt die Pflege vor dem Gesetz jene Eigenständigkeit, die ihr schon längst zusteht. Pflege ist eine eigene Profession, schon seit Jahrhunderten. Diese Gesetzliche Anerkennung wollen Sie mit dieser fadenscheinigen Begründung den Pflegenden weiterhin verwehren?

«Der Bundesrat hat in der Vergangenheit in Zusammenarbeit mit anderen Partnern verschiedene Massnahmen ergriffen, um dem Fachkräftemangel in den Pflegeberufen zu begegnen. Dazu gehören die Finanzierung von Wiedereinstiegsprogrammen und Massnahmen, um in der Langzeitpflege das Personal zu erhalten.»

Ihre Massnahmen kommen Jahrzehnte zu spät und sind ungenügend. Der Fachkräftemangel wird durch Wiedereinstiegsprogramme nicht gelöst. Denn auch die Wiedereinsteiger/Innen können mit einem Salär einer ausgebildeten Pflegefachperson ihre Familien nicht ernähren, um nur ein Problem zu erwähnen. Daneben ist es bei einem Vollpensum dem Elternteil kaum mehr möglich, seine Rolle gegenüber den Kindern noch wahrzunehmen, weil ständig abwesend.

Es fehlen nicht nur Pflegende in den Langzeitinstitutionen, sondern es fehlen Pflegende auf den Intensivstationen, der Neonatologie, den Bettenstationen, in den Psychiatrien, in den ambulanten Diensten, in der Palliative Care, kurz überall. Das führt soweit, dass teilweise aus diesen Gründen Betten geschlossen werden müssen, obwohl diese dringend benötigt würden.

«Das EDI ist zudem im Auftrag des Bundesrats daran, zusammen mit anderen Akteuren einen zusätzlichen Massnahmenplan zu erarbeiten.»

Ich weiss, ich wiederhole mich: Dieser Massnahmenplan sollte längst in der Umsetzung sein. Und wie lange wollen Sie noch Pläne erarbeiten? Während sie nämlich planen, stehen die Pflegenden vor ethisch – moralischen Konflikten, die aus Ihrer Lethargie heraus entstanden ist. Während sie planen, sind Menschen aufgrund des Fachkräftemangels unterversorgt und in Lebensgefahr.

In verschiedenen Medien hat sich Bundesrat Alain Berset zur Pflegeinitiative geäussert. Ich wurde noch nie wütender als bei diesem Statement.

Glauben Sie wirklich, uns noch weiter mit Schulterklopfen und verbalen Streicheleinheiten abspeisen zu können? Mit «Wir haben das Problem erkannt» kann sich eine Pflegende, die jetzt am Bett steht keinen Blumentopf kaufen und erst recht keine menschenwürdige Pflege gewährleisten.

Sie sagen «Wir brauchen Zeit, haben Sie Geduld.» Meine Damen und Herren Bundesräte, Geduld haben wir gehabt, mehr als jede andere Berufsgruppe. Zeit haben Sie gehabt und Sie haben es nicht auf Reihe bekommen. Sie haben Ihre Verantwortung nicht wahrgenommen und nehmen sie auch jetzt nicht wahr. Das ist der Grund, weshalb die Pflegeinitiative lanciert und eingereicht wurde. Und wenn es auch das Parlament nicht schafft, einen brauchbaren Gegenvorschlag zu erarbeiten, wird das Volk entscheiden.

Und im Gegensatz zu Ihnen, meine lieben Damen und Herren Bundesräte, haben diese den Gong schon lange gehört.

Abschliessend möchte ich eines betonen: Wir Pflegenden verlangen kein Silberbesteck und auch keine Sänfte, auf der wir zur Arbeit getragen werden. Wir Pflegenden wollen einfach unseren Beruf ausüben können.

Hochachtungsvoll

Madame Malevizia

Pflegehexe



Freitag, 2. November 2018

Einfach nur Mensch




«Du bist nicht belastbar.» sagten sie mir,

als ich, nachdem ich monatelang 1-2 Stunden Überzeit machte, ich so oft einsprang, dass ich nie mehr als einen Tag am Stück frei hatte, krank wurde.

«Du bist zu emotional»

sagten sie mir, als ich weinte, nachdem ich einen Bewohner in den Tod begleitet habe.

«Du bist zu emotional»

haben sie mir jedes Mal gesagt, wenn ich meinen Ärger darüber kundtat, dass wir monatelang am personellen Limit liefen und uns noch mehr Aufgaben aufgedrückt wurden.



Jahrelang habe ich versucht, es zu verändern.

Ich wollte so belastbar sein, wie es von mir erwartet wurde.

Ich wollte nicht emotional sein.



Und ich bin grandios gescheitert.

Es hat lange gedauert, bis ich begriff: So wie ich bin, bin ich richtig.

Heute stehe ich da, und sage, frei nach Bliggs und Marc Sways Song:



«Wir sind doch auch nur aus Mensch

Knochen und Fleisch.»

Mein Körper hat seine Grenzen, ich darf sie spüren und darf auf sie hören.



«Ein Herz das schlägt,

Seele und Geist»

Ich pflege, mit allem was ich habe. Mit meinem Wissen, meinem Können und vor allem mit meinem Herzen. Meine Emotionen gehören zu mir. Ein Betrieb, der meine Emotionalität als Makel sieht, ist nicht der Betrieb, in dem ich arbeiten will.


«Wieviel können wir geben,

Wieviel verträgt es?»

 Ich allein weiss, wieviel ich geben kann. Ich allein spüre, wo meine Grenzen sind. Auf Vergleiche lasse ich mich nicht ein. Es gibt, tatsächlich Kolleginnen und Kollegen, die mehr aushalten als ich. Das ist okay. Vielleicht bin ich tatsächlich weniger belastbar als andere. Doch ist es meine «Leistung oder Nichtleistung», dass dem so ist? Kann «Belastbarkeit» tatsächlich gemessen werden. Sind wir Pflegenden nicht grundsätzlich schon belastbarer, als jene, die sich diesen Beruf von vornherein nicht zutrauen? Seit ich meine Grenzen kenne und lebe, bin ich jedenfalls gesünder als jemals zuvor.

Ich selbst bezeichne mich als emotionalen Menschen, sehe das als meine Stärke an. Emotionen sind dazu da, sie zu durchleben und so zu transformieren. Nur so ist Entwicklung möglich. Und nur so können wir selbst fühlen, wieviel Kraft in uns ist.



«Einfach nur Mensch

Knochen und Fleisch»

Auch Pflegende sind genau das: Menschen, aus Knochen und Fleisch. Wir haben Grenzen und sie immer und immer wieder zu überschreiten ist Raubbau am eigenen Körper und der Seele. Es hat nichts mit nicht belastbar sein zu tun, wenn Pflegende auf ihre körperlichen und psychischen Grenzen hören. Es hat nichts mit emotional sein zu tun, wenn Pflegende weinen oder sich ärgern.

Es hat damit zu tun, dass wir sind, wer wir sind und was wir sind.



Meine Lieben, Ihr alle seid einzigartig, wunderbar und wundervoll! 
Häbet Sorg!



Eure Madame Malevizia.

Dienstag, 16. Oktober 2018

Kolumne Schrittmacherin 4/18 "Drüber rede"




Es gibt etwas, das alle Pflegenden für ihren Berufsstand tun können. Es kostet nichts, nicht einmal viel Zeit, es braucht nur ein wenig Mut: Darüber sprechen. Damit tun sie bereits unglaublich viel. Es ist so wichtig, dass Pflegende über ihren konkreten Pflegealltag sprechen. Über das Licht und auch über die Schatten. Nur so können wir die Gesellschaft für das, was in der Pflegewelt geschieht, sensibilisieren. Pflegende erleben Dinge, die unglaublich und manchmal auch unfassbar sind. Pflegende erleben Wunder hautnah, und sie erleben Leid, welches sie manchmal nur mittragen können. Indem sie darüber sprechen, wird es auch für sie realer. Manchmal hat man/frau als Pflegende nämlich tatsächlich das Gefühl im falschen Film zu sein. Es zu erzählen, kann da eine wichtige Ressource sein. Aber sie tun damit nicht nur sich selbst etwas Gutes, sondern eben auch dem gesamten Berufsstand. Die Bevölkerung muss wissen, wie es um die Pflege steht. Sie muss wissen, dass sich die Pflege fast zu Tode dokumentiert, um ihre Leistungen belegen zu können. Sie müssen wissen, dass Pflegende sich tagtäglich mit ethisch – moralischen Konflikten auseinandersetzen muss, die essenzieller nicht sein könnten. Es sind Fragen wie: lasse ich jetzt den Patienten XY noch länger in seinen Exkrementen liegen oder den Patienten M. noch länger vor Schmerzen schreien? Darüber sollen und dürfen Pflegende sprechen, wo auch immer sie die Gelegenheit dazu haben. Die Öffentlichkeit muss wissen, was es für freischaffende Pflegende, für die Spitex und die Heime bedeutet, dass die Materialkosten nicht mehr von den Krankenkassen übernommen werden müssen. Mal ganz ehrlich, in welchem Beruf gibt es denn sowas? Ich sehe schon die alten Damen ihre Inkontinenzeinlagen auf dem Heizkörper trocknen, um zu sparen. Die Gesellschaft muss wissen, dass in den SwissDRG die Pflege absolut ungenügend abgebildet ist und dieses politische Versäumnis dazu führt, dass die Stellenpläne deutlich unter dem Bedarf liegen.

Wenn Pflegende über ihre Arbeit sprechen, gibt es einen Satz, den sie ganz bestimmt immer zu hören bekommen. Ich persönlich trinke ja in Gedanken immer einen darauf, wenn er kommt. Allerdings nur noch in Gedanken, denn sonst wäre ich inzwischen dauerbetrunken. «Ich könnte das nicht.» Zum einen drückt dieser Satz bestimmt auch Bewunderung und Respekt aus. Mir kommt er jedoch auch immer wieder wie ein «Totschläger» vor, der eine ehrliche Auseinandersetzung mit den Problemen der Pflege von vornherein abwürgt. Bisher habe ich das tatsächlich auch zugelassen. Ich will ja niemandem auf die Nerven gehen, vor allem nicht meinen Freunden und Bekannten. Ja, auch Pflegehexen, haben mitunter einen gewissen Hang zur Harmonie. Nun habe ich mir aber eines fest vorgenommen. In Zukunft werde ich auf den Satz « Ich könnte das nicht.» antworten mit. «Und weil das nicht alle können, gehört die Förderung der Pflege in die Verfassung. Ich zähle auf Dein Ja zur Pflegeinitiative.»

Donnerstag, 6. September 2018

Verantwortung übernehmen

Meine Lieben,

Es war ein politischer Entscheid, die Swiss DRG einzuführen, dies trotz Warnungen des Berufsverbandes SBK. In den Swiss DRG wird die Pflege ungenügend abgebildet. Die Folge, um entsprechend dem Aufwand entschädigt zu werden, dokumentieren sich die Pflegenden dumm und dämlich. Ebenfalls ist mit den DRGs ein neues Anreizsystem geschaffen worden. Je kürzer der Patient hospitalisiert ist, desto mehr Geld für die Institution. Dies zieht die sogenannt «blutigen» Austritte nach sich. Für SPITEX aber auch für die Heime stellt dies zum Teil eine absolute Überforderung dar. Um diesem entgegen zu treten, wurde bestimmt, dass ein Wiedereintritt nach kurzer Zeit (ich weiss gerade nicht nach wie vielen Tagen) unter dem selben DRG läuft, sprich, es gibt nicht mehr Geld dafür. Was tun nun findige Spitäler? Sie überweisen solche Patienten wegen ihrer Komplexität in die Universitätsspitäler, welche diese aufnehmen müssen, weil sie einen Leistungsauftrag haben. Das Universitätsspital erhält jedoch nur noch das «Restgeld» des DRGs. Bei einer Operation wird es noch perfider. Ein Grossteil des DRG wird für die Operation bezahlt. Wenn ein Spital nun eine Operation durchführt, der Patient dann jedoch Komplikationen erleidet, die dieses Spital nicht mehr bewältigen kann, erhält das übernehmende Universitätsspital nur noch den Restbetrag (also DRG minus OP). In beiden Fällen ist der Patient für das Universitätsspital vom ersten Tag an defizitär. Diese «Rosinenpickerei» gehört schlicht unterbunden. Die Macht dazu hat das Parlament.
Die meisten Privatspitäler funktionieren über das Belegarztsystem. Machen diese Ärzte Ferien fahren die Spitäler ihre Bettenzahl herunter. Dies ist auch völlig logisch, leere Betten verursachen Kosten. Dadurch können sie auch weniger Notfälle aufnehmen, was dazu führt, dass die Notfälle der öffentlichen Spitäler überlaufen, die Bettenhäuser ebenso überfüllt sind. Dadurch kommt das Pflegepersonal an den Rand eines Kollapses. Den Pflegedirektionen ist es gar nicht möglich, so kurzfristig ausreichend Personal zu rekrutieren. Das, meine Lieben, ist nicht nur unfair, sondern schlicht gefährlich. Auch das gehört abgestellt. Wenn die Privatspitäler auch Gelder von der öffentlichen Hand erhalten, sollen sie auch denselben Leistungsauftrag wie die öffentlichen Spitäler erfüllen.
Der Bundesgerichtsentscheid, dass Pflegematerialien den Krankenkassen nicht mehr verrechnet werden dürfen, konnte nur zustande kommen, weil die Gesetzeslage so ist. Und so ist die Pflege meines Wissens, der einzige Berufsstand, der sein benötigtes Material nicht verrechnen darf.
Jedes Jahr kommt es in beinahe jedem Kanton zu Sparmassnahmen. Ausgetragen werden diese mit Vorliebe auf dem Buckel des Gesundheitswesens. Daneben sind Bund, Kantone und Gemeinde Meister darin, sich gegenseitig den finanziellen schwarzen Peter zu zuschieben. Verantwortung übernehmen geht anders.
Es ist die fixe Idee der Politiker, dass Gesundheitsinstitutionen Gewinn bringend sein sollen. Der Kapitalismus lässt grüssen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass dies ohne Rücksicht auf Verluste erreicht werden soll. Diese Bestrebungen gehen auf Kosten der Menschlichkeit. Inne halten, umdenken? Fehlanzeige.
Ganz konkret gesagt:
Ich werfe der SP vor, dass die Gesundheitspolitik in ihrem Parteiprogramm schlicht inexistent ist. Das weiss ich, weil ich dieses gelesen habe. Vieles über eine menschliche Wirtschaft steht da drin. Aber nichts, was Pflegenden in ihrer Not helfen würde. Es gibt in den Kantonen sehr gute Programme zum Thema Gesundheitswesen. Ebenfalls gibt es Politikerinnen und Politiker der SP, welche sich engagieren. Um wirklich etwas erreichen zu können, braucht es jedoch mehr als Einzelaktionen.
Die Juso konzentriert sich auf Freiräume der Jugend, Polizeigewalt oder und im Moment sehr darauf, zu beurteilen was nun sexistisch ist oder nicht. Alles Themen, die irgendwo wichtig sein können. Dabei verpassen sie die Tatsache, dass vor ihrer Nase die Menschenrechte von Patienten und Pflegenden tagtäglich verletzt werden. Eine Beteiligung dieser jungen, mitunter auch kreativen Partei, ist für mich ein Muss.
Für die FDP scheint das Gesundheitswesen ausschliesslich aus den Krankenkassen zu bestehen. Mehr gibt es über diese Partei nicht zu sagen. Und zu erwarten hat die Pflege von der FDP grundsätzlich nichts. Aber gerade von dieser Partei erwarte ich, dass sie an Lösungen konkret mitarbeitet.
Im Parteiprogramm der SVP ist das Gesundheitswesen durchaus präsent. Die Ansätze sind zwar sehr konservativ, aber durchaus zu diskutieren. Leider fokussiert sich die SVP lieber auf die Masseneinwanderung oder die Frage des Kopftuchs. Aus meiner Sicht, ein Armutszeugnis für die Partei. Lässt sie doch dadurch einen Teil der Bevölkerung kläglich im Stich.
Die CVP hat das «Christlich» in ihrem Namen, müsste sich also mit ethisch- moralischen Fragen auseinandersetzen. Solche Fragen gibt es beim Thema Gesundheitspolitik mehr als genug. Doch auch sie bleibt weitgehend stumm.
Das Gesundheitswesen ist hochkomplex. Als Politikerin oder Politiker braucht es durchaus Mut sich ernsthaft damit zu befassen. Doch jeder einzelne, der in einem Rat sitzt, hat sich bewusst dafür entschieden. Als Bürgerin, als Wählerin, als Pflegehexe erwarte ich, dass sie nun ihre Verantwortung wahrnehmen.
Eure Madame Malevizia

Mittwoch, 8. August 2018

Der Insider- Naturschutzbericht Pflegende, verfasst von Madame Malevizia, Pflegehexe




Finanzielles
Der eine oder die andere rümpft bestimmt schon die Nase und meint «War ja klar, die wollen einfach mehr Geld.» Geld ist tatsächlich ein Faktor. Sollen nämlich Familienfrauen und –männer im Beruf bleiben, oder diesen neu erlernen, muss es möglich sein, mit dem erarbeiteten Lohn eine Familie durchzubringen. Und das mit einem Pensum, in dem die Kinder Mami und Papi auch noch zu Gesicht bekommen. Geld kann auch ein Anreiz sein, an einem Ort zu arbeiten, an dem der Arbeitsaufwand und der Anspruch an die Pflegenden hoch ist. Ganz ehrlich, wenn ich schon geistigen sowie körperlichen Höchstleistungssport betreibe, will ich auch etwas dafür bekommen. Christiano Ronaldo würde für den Lohn, welchen Pflegefachpersonen verdienen, nicht einmal seine Fussballschuhe anziehen, geschweige denn auf den Platz gehen.
Verbindlichkeit statt unendlicher Verfügbarkeit
Die Idee, dass Pflegende weiterhin 24Stunden und 365 Tage pro Jahr verfügbar sein müssen, ist absurd. Auch Pflegende werden mal krank, auch sie haben das Bedürfnis nach Ausgleich. Und gerade sie haben jedes Recht darauf. Das Gesundheitswesen krankt vor allem daran, dass alle Pflegenden in allen Schichten arbeiten müssen, die überhaupt nicht ihrem Biorhythmus entsprechen. Es ist schlicht «Tierliquälerei», wenn Pflegende Nachtwache machen müssen, sie tagsüber aber nicht schlafen können und umgekehrt genauso. Ebenso muss es möglich sein, sich in einem Verein zu engagieren oder einem Hobby zu frönen. Dies bedingt eine gewisse Regelmässigkeit im Einsatzplan. Ebenfalls muss dieser Einsatzplan verbindlich sein. Frei ist frei und da klingelt kein Telefon mit der dringenden Bitte, der je nach Betrieb gar zum Befehl ausarten kann, wegen eines Krankheitsausfalls einzuspringen.
Ich wüsste gerne, wie manche Pflegedienst- oder Heimleitung jetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlägt und ruft: «Aber das geht doch gar nicht!» Bis jetzt hat es aber auch niemand ernsthaft versucht. Ich bin der Auffassung, die Betriebe müssen dies ebenso lange umzusetzen versuchen, wie sie von der ständigen Verfügbarkeit der Pflegenden profitiert haben. Das dürften so um die hundert Jahre oder mehr sein.
In genau in dieser Verfügbarkeit, die zu einer Verbindlichkeit werden soll, liegt so viel Potenzial. Viele Pflegende verlassen ihren Beruf genau deswegen. Viele Pflegende kehren nicht zurück, weil sie nicht so verfügbar sein können, wie die Betriebe es erwarten. Kinder kann man halt nicht eben mal schnell in die Gefriertruhe packen, wenn Mami oder Papi arbeiten sollten.
Unterstützung
Allzu oft werden Pflegende mit ihren Alltagsproblemen alleine gelassen. Ich meine das jetzt ganz praktisch. Es braucht Experten vor Ort, die in komplexen Situationen beratend und unterstützend beistehen. Das bedingt jedoch, dass diese Experten neben theoretischem auch über ebenso hohes praktisches Fachwissen verfügen. Pflegende wollen sich in dem was sie tun sicher fühlen. Ist dies nicht der Fall, verlassen sie irgendwann frustriert die Berufswelt. Pflegende sind an Wissen interessiert, vor allem die jungen Pflegenden sind hungrig und wollen sich weiterbilden. Solche Pflegende brauchen Perspektiven. Werden sie gefördert, bleiben sie dem Gesundheitswesen erhalten.
Kompetente Vorgesetzte
Ein unendlich wichtiger Faktor sind die Vorgesetzten. Pflegende brauchen keine lieben Vorgesetzten, die mit Säuselstimmchen unbestimmte Weisheiten von sich geben. Klarheit ist hier gefragt. Klarheit, Kompetenz und Kraft. Sie brauchen Vorgesetzte, die zum einen ganz genau wissen was sie selbst tun, aber ebenso genau, was ihre Mitarbeiter tun. Nötig sind Vorgesetzte, die zu ihrem Wort stehen und für die Mitarbeiter verlässliche Partner sind.
Wertschätzung
Es ist keine Imagekampagne nötig. Nein, ich muss es anders formulieren. Eine Imagekampagne ist zum heutigen Zeitpunkt nicht möglich. Sie ist nicht realisierbar, weil sie gelogen wäre. Für mich ist Pflegefachfrau der schönste Beruf, den es gibt. Durch den ständig wachsenden Spar- und Zeitdruck wird es uns aber schier unmöglich, diesen adäquat auszuüben. Das bekommt jeder mit, der jemals einen Fuss in eine Gesundheitseinrichtung gesetzt hat. Irgendwelche Friede- Freude- Eierkuchen Aktionen entsprechen im Moment einfach nicht der Realität.
Für Pflegende hilfreich wäre eine Wertschätzungskampagne. Ein öffentliches «Dankeschön, dass ihr an Weihnachten, Neujahr, Ostern, Pfingsten etc. da seid. Dankeschön, dass ihr tut, was ihr tut.» Es braucht keine Plakate mit strahlenden Pflegenden, die betonen, wie schön, spannend, vielseitig der Beruf ist. Viel wichtiger ist es, dass die Menschen in diesem Land, den Pflegenden Anerkennung für ihr Tun geben. Und da musss mehr kommen als: «Ich könnte das nicht.» Wertschätzung heisst, Pflegenden zu zuhören, was sie in ihrem Alltag erleben. Da ist nämlich nicht nur Leid, Schmerz und Ekel. Da ist auch ganz viel Freude, da sind Wunder, da ist Demut, da ist Leben. Indem unsere Gesellschaft dieses Erleben von Pflegenden, die Schatten wie die Lichter, in ihre Mitte holt, kann es auch wieder  mehr kleine Mädchen und Jungen geben, die sagen: «Ich will Pflegefachperson werden.»
In der Hoffnung einige Denkanstösse bewirkt zu haben, schliesse ich diesen Bericht
Eure
Madame Malevizia

Montag, 30. Juli 2018

Kolumne Schrittmacherin 5 - Ä Liebi si...


«Ä Liebi si»

Es ist ein Mythos, der sich hartnäckig hält. Pflegende müssen «Liebi si.». Doch ä «Liebi si» reicht für diesen Beruf einfach nicht aus. «Für Pflegende ist doch vor allem das Herz wichtig.» hat mal ein Angehöriger zu mir gesagt. Mich hat dieser Ausspruch sehr beschäftigt, denn er hat mich verärgert. Was mich dabei verärgert hat? Weil «ä Liebi si», die Pflegenden auf einen uralten und schlicht falschen Streotypen reduziert: Den der barmherzigen Schwester. Ich bezweifle ernsthaft, dass es diese mystische barmherzige Schwester jemals gab.

Mit «ä Liebi si» lässt sich in unserem Beruf kein Blumentopf gewinnen. Nicht für die Pflegenden selbst. «Ä Liebi si» würde nämlich bedeuten, dass sich die Pflegenden weiterhin zu everybodies Depp machen lassen. In der momentanen kritischen Situation was die Ressourcen betrifft, müssen Pflegende klar und differenziert kommunizieren, welche Aufgaben sie wie übernimmt. In der Zusammenarbeit mit den interdiszipliniären Diensten ist Fachkompetenz gefragt. Offene Auseinandersetzungen und auch Hinterfragen sind nötig.

Aber auch und vor allem die Patientinnen und Patienten haben nichts von Pflegenden, die nur «ä Liebi» sind. Denn nur mit «lieb si», werden keine lebensgefährlichen Komplikationen wahrgenommen und auch keine entsprechenden Massnahmen ergriffen. Nur mit «Lieb si» kommt nach Operationen kein Kreislauf in Gang, machen ängstliche Patientinnen und Patienten keinen Versuch zur Erstmobilisation mit. Mit «Lieb si» finden depressive Menschen nicht in eine Struktur zurück. Mit «Lieb si» kann kein Mensch in der akuten Krise vom Suizid abgehalten werden.

Ich meine damit nicht, dass Pflegende alle ganz böse Hexen sein müssen. Aber manchmal braucht es Konsequenz, damit Patientinnen und Patienten ihren Weg finden können. Manchmal braucht es ein bestimmtes Auftreten, dass in Behandlungen Bewegung kommt. Und manchmal braucht es das klare «Nein», damit die Pflegende Raum für ihre Aufgaben bekommt. Und alle diese Eigenschaften lassen sich nicht mit «ä Liebi si» vereinbaren.

Pflegende brauchen nicht vor allem ein Herz. Sie brauchen Kopf, Hand und Herz. Oder anders gesagt:

Pflegende müssen wissen was sie tun.

Pflegende müssen ihr Handwerk beherrschen.

Und Pflegende müssen lieben, was sie tun.



Eure Madame Malevizia.