Dienstag, 12. Februar 2019

Gloub a Di - Schrittmacherin 1/19



Wir Pflegenden sollten uns selbst öfter mal im Spiegel sagen: «Gloub a Di.»

«Gloub a Di», wenn Du eine neue Stelle antrittst. Alles ist neu, das Team, die Abläufe. Lange Zeit suchst Du Dich verzweifelt durch die Station. Wo war nochmal das Stationszimmer? Das Verbandsmaterial ist doch in diesem Schrank. Ah nein, da ist das Inkontinenzmaterial. Und wo ist nun das Zimmer des Patienten, wo ich den Verband machen sollte? Alles dauert länger, eben weil Du suchst und selten sofort findest. Die Kollegen musst Du mit unendlich vielen Fragen löchern. Da ist es verständlich, dass in einer ruhigen Minute das Gefühl aufkommt: Ich kriege das niemals auf die Reihe. In so einer Situation ist es gut, Ruhe zu bewahren, Dir Zeit zu lassen. In einem Jahr wird alles schon ganz anders aussehen.

«Gloub a Di», wenn Du Dich mit Ärztinnen und Ärzten auseinandersetzen musst. Ich höre da immer wieder irritierende Dinge, die an Frechheit grenzen. «Wer hat von uns beiden denn studiert?» ist da noch harmlos. «Ich habe mein Diplom auch nicht im Lotto gewonnen» sollte nicht unbedingt laut ausgesprochen werden. Gedacht, sorgt er für das Auftreten, welches Du brauchst, um einem solchen Schnösel Dein gesamtes Fachwissen um die Ohren zu hauen. Das tust Du dann nicht nur für Dich, sondern für die Menschen, um die es geht: Die Patientinnen und Patienten.

«Gloub a Di», wenn Du Dich mit Deinem Arbeitgeber auseinandersetzt. Dabei ist wichtig, sachlich bleiben, klare Forderungen stellen und Dir selbst im Klaren sein, was Du tun willst, wenn diese nicht erfüllt werden. Kenne Deinen Wert. Es gibt Arbeitgeber, die wollen Dir einreden, Du seist ersetzbar. Ihnen darfst Du offen ins Gesicht lachen, Der Fachkräftemangel ist mit mehreren Studien belegt. Kein Arbeitgeber wird davon verschont. Ein Arbeitgeber, der sich Deines Wertes nicht bewusst ist, ist es nicht Wert, dass Du Deine Energie für ihn aufwendest. Und weil Du an Dich glaubst, weisst du auch, dass Du jederzeit eine neue Stelle finden wirst.

Eure Madame Malevizia

Dienstag, 22. Januar 2019

Fünf nach zwölf


«Es ist nicht fünf vor zwölf, sondern bereits fünf nach zwölf.» Diesen Satz habe ich kürzlich einigen Parlamentariern um die Ohren gehauen. Gerade jetzt hätte ich grosse Lust, diesen Satz riesengross auf das Bundeshaus zu schmieren. Dazu bin ich aber zu nett.

In der ganzen Diskussion und Zahlenschieberei rund um den Fachkräftemangel, scheint eines immer noch nicht klar zu sein, der Pflegenotstand droht nicht. Er ist bereits Realität.

-        Wenn Intensivpflegebetten notabene auch auf der Neonatologie, geschlossen werden müssen, weil ausgebildetes Pflegefachpersonal fehlt,

-        Wenn öffentliche Spitäler mehrfach kurzfristig Betten schliessen müssen, weil personelle Ausfälle nicht mehr kompensiert werden können,

-        Wenn Patienten vor Schmerzen schreien oder lange Zeit in verschmutzten Betten liegen, weil die einzige verfügbare Pflegende gerade dabei ist, einen weiteren Patienten in akuter Lebensgefahr auf die Intensivstation zu verlegen,

-        Wenn Menschen in akuten psychischen Krisen mit Medikamenten ruhiggestellt werden müssen, weil eine adäquate Krisenintervention mit dem aktuellen Personalbestand schlicht unmöglich ist,

-        Wenn Menschen mit dementieller Veränderung im Sommer nahezu verdursten, weil niemand das leere Glas wieder auffüllt,

-        Wenn betagte Menschen wundliegen, weil es den Pflegenden zeitlich nicht mehr möglich ist, diese fachgerecht zu lagern,

-        Wenn Studierende nicht mehr angemessen ausgebildet werden können, sondern als «Arbeitskraft» funktionieren müssen,

-        Wenn Pflegende täglich mehrere Stunden Überzeit machen, um wenigstens eine sichere Pflege gewährleisten zu können,

-        Wenn wichtige Behandlungen nicht durchgeführt werden können, weil niemand über das notwendige Know How verfügt,

dann ist das die hässliche Fratze des Pflegenotstandes. Dies sind die Fakten, die sich nicht mehr schönreden lassen.

Darum rufe ich jetzt auf:

1.     Den Bundesrat, mit seiner «Pflästerlitaktik» aufzuhören und endlich seine Hausaufgaben zu machen. Der Pflegenotstand wird sich ohne finanzielle Investition nicht lösen. Ich lasse mir nicht mehr erzählen, dass dieses Geld nicht beschafft werden kann. Für die Olympiade in der Schweiz eine Milliarde reserviert. Und für die Pflege soll nichts da sein? Wen wollen die Damen und Herren Bundesräte eigentlich verar…?



2.     Die Politikerinnen und Politiker in National- und Ständerat. Der Pflegenotstand gehört auf Ihre Agenda. JETZT! Sorgen Sie dafür, dass die Pflege in den DRGs adäquat abgebildet ist. Kümmern Sie sich darum, dass Pflege vor dem KVG endlich als eigenständiger Beruf gilt. Schaffen Sie die Voraussetzungen dafür, dass Pflegende mit ihrem Lohn eine Familie ernähren können, ohne dabei zwangsläufig direkt in ein Burnout zu rasen. Und schauen Sie endlich hin, wo die Krankenkassenprämien versickern. Ich garantiere Ihnen, es wird nicht in der Pflege sein.



3.     Die Politikerinnen und Politiker der Kantonsregierungen. Sorgen Sie dafür, dass Pflegende in Zukunft von Sparübungen auf ihrem Rücken verschont werden. Sie haben wahrlich genug geblutet. Oder wie Pierre André Wagner mal gesagt hat: «Eine ausgepresste Zitrone kann nicht noch mehr ausgepresst werden».



4.     Die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber, investieren Sie in Ihre Pflegenden und setzen Sie sich für sie ein. Gehen Sie neue Wege, mit Arbeitszeitmodellen, die es auch Müttern und Vätern ermöglicht, im Beruf zu bleiben. Machen Sie Ihren Notstand öffentlich. Ich weiss, Sie haben Angst um Ihr Image. Aber wenn es alle Institutionen tun, wird das den Druck auf die Politik entsprechend erhöhen und diese vielleicht endlich in Bewegung bringen. Stehen Sie dazu, dass der Auftrag eine adäquate gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen und dabei noch Gewinn zu erzielen schlicht utopisch ist.



5.     Alle Stimmbürgerinnen und Stimmbürger, 2019 ist Wahljahr. Denken Sie nach, wen und was Sie wählen. Sollen es wirklich wieder jene sein, die sich einen Sch… um den Pflegenotstand kümmern, und für die im Gesundheitswesen nur ein Player existent ist, nämlich die Krankenkassen? Schauen Sie sich die Kandidatinnen und Kandidaten gut an. Was für einen Beruf üben sie aus oder haben sie aus. Wie äussern sie sich zum Gesundheitswesen, äussern sie sich überhaupt? Und sollte es tatsächlich zur Abstimmung über die Pflegeinitiative kommen, weil es auch das Parlament nicht schafft, einen brauchbaren Gegenvorschlag zu formulieren, stimmen Sie um Himmels Willen JA!



6.     Alle Pflegenden. Wir müssen aufstehen! Fertig mit nett sein! Auch mir fällt das bisweilen schwer, schliesslich wurden wir anders erzogen. Besteht auf Eure gesetzlich gesicherten Rechte! Informiert Euch, was Euch zusteht und fordert das auch ein. Ideen, wie für Pflegende auf Intensivstationen die 50 Stundenwoche einzuführen (siehe Blick.ch am 21.01.19) gehören im Keim erstickt. Auch ich würde mir sehr wünschen, einfach meinen geliebten Job machen zu können. Doch wenn wir uns jetzt nicht politisch engagieren, und richtig laut sind, werden wir das, was wir so sehr lieben, verlieren.

Also, wer kommt jetzt mit mir «Äs isch füf ab zwölfi» ans Bundeshaus schmieren?



7.     Alle Patientinnen und Patienten, Bewohnerinnen und Bewohner und ihre Angehörigen, wenn Sie nicht gerade in absoluter Lebensgefahr oder sonst Ihrer Stimme und Sinne nicht mächtig sind, sagen Sie «bitte» und «danke, schenken Sie den Pflegenden auch mal ein Lächeln. Es kostet Sie nichts, erinnert uns Pflegenden aber daran, warum wir tun, was wir tun. Diese kleinen Gesten können der Grund sein, dass Pflegende noch länger durchhalten.



Ich stelle hier viele Forderungen. Ich stelle sie nicht für mich alleine, ich stelle sie für den Beruf, den ich unglaublich liebe, für meine Kolleginnen und Kollegen, die im Alltag alles geben. Ich stelle diese Forderungen, weil ich für Menschlichkeit im Gesundheitswesen kämpfe, bis zum letzten Atemzug. Ok, das ist jetzt sehr pathetisch, sagen wir ich kämpfe, bis ich ans Bundeshaus schmiere: «Jetzt schlägts 13!». Dann muss ich wahrscheinlich aufhören, weil ich wegen Sachbeschädigung und grobem Unfug festgenommen werde.

Eure Madame Malevizia

Montag, 3. Dezember 2018

Was wir alleine nicht schaffen



Meine Lieben,

In meiner Tätigkeit als Pflegehexe begegne ich immer wieder der Frage, warum Pflegende in Politik und Gesellschaft so wenig Einfluss haben. Höchst selten werden in der Öffentlichkeit Pflegefachpersonen zum Pflegnotstand oder anderen Gesundheitspolitischen Herausforderungen angehört. «Weil wir keine Lobby haben.» Ist die häufigste Antwort auf diese Frage. Ich sehe das auch so. Pflegende hätten durchaus einiges zu sagen und es ist wichtig, dass Pflegende das Gesundheitswesen mitgestalten, da sie ein tragender Teil dessen sind. Deshalb sollten wir Pflegeden alles daran setzen eine Lobby aufzubauen. Um dies zu erreichen müssen wir einige Dinge tun und andere dringend lassen.

Lassen sollten wir, lieber gestern als heute und morgen das Konkurrenzverhalten. Wenn jede von uns tritt, kratzt und beisst um nach oben (wo und was auch immer dieses «oben» sein soll) zu kommen, gibt es schlussendlich nur Verlierer in Form von Schwerverletzten. Nichts blockiert uns Pflegende mehr, als dieses systematische, meist hinterhältige Messerstechen. Ich weiss wovon ich rede, auch in meinem Rücken steckten einst Messer, die mir von Arbeitskolleginnen hineingerammt wurden. Es war und ist für mich schwierig, solche Menschen zu erkennen, ihnen nur meine Frontseite zu zeigen und wenn möglich Abstand zu halten. Für mich fühlt sich das an, wie das schwimmen im Haifischbecken. Es kostet unglaublich viel Energie und Kraft in diesem Becken den Kopf über Wasser zu halten. Um eine Lobby zu schaffen, ist dieses Haifischbecken der falsche Ort. Und so rufe ich alle Pflegenden auf, steigt aus diesem Gemetzel aus.

Eine Lobby entsteht vor allem durch eines: Vernetzen. Männer sind, das muss ich neidlos gestehen, in dieser Disziplin meisterhaft. Ein äusserst weites und tragfähiges Netz ist dabei offensichtlich das Militär. Männern bedeutet es etwas, einmal (es ist auch egal ob es vor 20 Jahren war) zusammen «Dienst getan» zu haben. Sollen wir Pflegenden nun alle ins Militär? Nein, das meine ich natürlich nicht. Gerade an mir Pflegehexe hätten sie da keine Freude, ich hab’s nämlich nicht so mit Befehlen entgegen nehmen… Und doch denke ich, dass es in unserer Pflegewelt eine Parallele gibt: auch wir «tun zusammen Dienst». Gerade in Institutionen sind wir als Teams unterwegs. Für mich ist vernetzen auch eine Haltung, die wir im Team und in den Institutionen leben können. Es ist ein sich gegenseitig inspirieren, ermutigen und herausfordern. Vernetzen im Team ist für mich ein gemeinsames Kaffee nach der Nachtwache, das Feierabendbier, der Gruss auf die Nachbarstation, die Teamanlässe, die gemeinsamen Pausen.

Ein weiterer Bereich, in dem wir uns vernetzen können ist unsere Ausbildung. Wir alle sind einmal irgendwo in eine Pflegeberufsschule gegangen. Auch ich habe noch Kontakte von dieser Zeit. (Wenn auch lose, aber sie sind da.) Es ist wahnsinnig spannend zu sehen, wie sich die Klassenkolleginnen und Klassenkollegen entwickelt haben. Bei dieser Gelegenheit, liebe Grüsse an die Exoten Kurs 104 (Ihr wisst schon, dass ich Euch meine). Ebenso ist es aber auch eine sehr gute Gelegenheit zu erfahren, was in anderen Bereichen der Pflege abgeht. Ich stelle dabei immer wieder fest, dass sich die Probleme ähneln. Und weil dies so ist, liegt darin so viel Potential eine Lobby zu bilden. Noch effektiver wäre es, wenn die ganze Schule sich über die Ausbildung hinaus vernetzen würde. Genau das versucht das Berner Bildungszentrum Pflege (BZ Pflege) mit dem Verein Alumni zu erreichen. Bei eben diesem Verein durfte ich am 20. November ein kleines Referat zu meiner berufspolitischen Aktivität halten. Ich weiss, nicht alle haben gute Erinnerungen an die Ausbildungszeit. Und ganz ehrlich, auch ich habe mich mit leisem Schrecken an die unzähligen Gruppenarbeiten, Flipchartgestaltungen und Präsentationen erinnert. Der Vorstand ist jedoch mit Herzblut dabei und arbeitet unermüdlich daran, Alumni wachsen zu lassen. Aus meiner Sicht ist Alumni eine wunderbare Möglichkeit sich zu vernetzen.

Sich in einem Verein zu engagieren oder auch nur regelmässig die Anlässe zu besuchen benötigt Zeit. Zeit, die bei Pflegenden meist sehr rar ist. Die zeitsparendste Möglichkeit zu vernetzen ist Social Media. Ich nutze dieses Medium seit Beginn meiner Tätigkeit. Über meine Facebookseite habe ich einige sehr wertvolle Kontakte knüpfen können. Auf Facebook gibt es unzählige pflegespezifische Seiten. Da muss man/frau gut selektionieren um nicht in einer Informationsflut zu ertrinken. Ich persönlich kann mit Seiten auf denen ständig die Frage auftaucht «Darf mein Arbeitgeber das?» oder Seiten, die sich in «Ferndiagnostik» üben nicht viel anfangen. Empfehlen möchte ich die Seite «Pflege vernetzt» von Patrizia Tamborrini. Sie teilt auf ihrer Seite Artikel rund um die Pflege. (Ich selbst bin dort als Administratorin tätig, aber nur am Rande).

Vernetzen ist mit Einsatz und Herzblut verbunden. Die Früchte dieses Einsatzes können erst Jahre später geerntet werden. So möchte ich noch einmal alle Allumnis grüssen und an einen Satz aus meinem Referat erinnern:

«Was wir alleine nicht schaffen, das schaffen wir dann zusammen» (Xavier Naidoo)

Dieser Refrain geht noch weiter, und bezüglich Vernetzen ist er absolut passend:

«Doch wir müssen geduldig sein, dann dauert es nicht mehr lang.»

Eure Madame Malevizia

Ps. Für alle Interessierten, hier noch die Internetadresse von Alumni:
www.alumni-bzpflege.ch/

Donnerstag, 8. November 2018

Offener Brief an die Damen und Herren Bundesrat



Werte Damen und Herren Bundesrat

Gestern haben Sie Ihre Ablehnung der Volksinitiative für eine starke Pflege kommuniziert. Ein Entscheid, der mich nicht überrascht. Ihre Begründung macht mich wütend und ich kann sie nicht einfach so stehen lassen.

 «Der Bundesrat ist der Ansicht, dass der bestehende Verfassungsartikel zur medizinischen Grundversorgung (117a BV) ausreichend ist, um die Pflege zu stärken.»

Warum tun Sie es dann nicht? Seit Jahrzehnten spitzt sich die Lage für die Pflegenden Jahr für Jahr weiter zu. Die Pflege läuft am Anschlag. Der Pflegenotstand droht nicht, er ist längst Realität. Doch von einer Stärkung der Pflege sehe ich nichts, im Gegenteil

-        Bei jeder Sparrunde werden im Gesundheitswesen massiv Gelder gestrichen. Ein Beispiel ist der Kanton Bern letztes Jahr. Solche Sparübungen werden immer auch auf dem Buckel der Pflegenden ausgetragen.

-        Der Beitrag für die die freischaffenden Pflegenden von den Krankenkassen wurde gekürzt. Dadurch werden einige aufgeben müssen.

-        Durch einen Bundesverwaltungsgerichtsentscheid dürfen Heime und Spitexbetriebe Verbands- und Pflegematerialien nicht mehr den Krankenkassen verrechnen. Dass dies Zustande gekommen ist, ist nicht die Verantwortung des Bundesverwaltungsgerichtes, sondern der Politik, welche sich nicht darum gekümmert hat, ein entsprechendes Gesetz zu verabschieden, damit Pflegende das tun können, was jeder Berufsstand macht: seine Materialkosten verrechnen. Die Folgen dieses Versäumnisses sind gravierend. Viele Krankenkassen beginnen nun Rückforderungen zu stellen. Ich frage mich, wann das erste Pflegeheim deswegen Sparmassnahmen (notabene zu Lasten der Pflegenden) ergreifen oder gar seine Pforten schliessen muss.

-        Die SwissDRG wurden, (ich weiss lange ist es her), eingeführt, im Wissen, dass die Pflege darin ungenügend abgebildet ist. Dieser Mangel ist bis heute nicht ausreichend korrigiert. Die Folge davon: Pflegende dokumentieren sich zu Tode, damit Ihre Leistungen wenigstens halbwegs abgegolten werden.

Ist das Ihr Verständnis von: «Die Pflege stärken»? Sie können jetzt sagen, für einige dieser Beispiele sind die Kantone zuständig. Ich weiss. Aber wenn Sie wirklich die Pflege stärken wollen, dann übernehmen Sie als Landesregierung endlich die Verantwortung im Gesundheitswesen und beenden dieses «Schwarze Peter Spiel»!

«Die Forderung der Initiantinnen und Initianten nach einer direkten Abrechnung von Pflegeleistungen zu Lasten der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) hätte zudem Mehrkosten im Gesundheitswesen zur Folge.»

Das ist mein absoluter Lieblingssatz. Welche Mehrkosten? Glauben Sie wirklich eine freischaffende Pflegefachperson würde dann mehr Klienten betreuen? Auch ihr Tag hat nur 24Stunden und auch Pflegefachpersonen müssen essen und schlafen. Ausserdem heisst abrechnen können nicht, dass die Krankenkasse die Leistung auch automatisch übernehmen muss. Sie kann die Notwendigkeit dieser, wie bis anhin auch überprüfen. Glauben Sie wirklich, ein Arzt überprüft jede Bedarfsabklärung der Spitex, bevor er sie unterschreibt? Dazu fehlt diesen zum einen die Zeit und zum anderen können sie es schlicht nicht beurteilen.

Mit der Möglichkeit die Pflegeleistungen selbst abzurechnen, bekommt die Pflege vor dem Gesetz jene Eigenständigkeit, die ihr schon längst zusteht. Pflege ist eine eigene Profession, schon seit Jahrhunderten. Diese Gesetzliche Anerkennung wollen Sie mit dieser fadenscheinigen Begründung den Pflegenden weiterhin verwehren?

«Der Bundesrat hat in der Vergangenheit in Zusammenarbeit mit anderen Partnern verschiedene Massnahmen ergriffen, um dem Fachkräftemangel in den Pflegeberufen zu begegnen. Dazu gehören die Finanzierung von Wiedereinstiegsprogrammen und Massnahmen, um in der Langzeitpflege das Personal zu erhalten.»

Ihre Massnahmen kommen Jahrzehnte zu spät und sind ungenügend. Der Fachkräftemangel wird durch Wiedereinstiegsprogramme nicht gelöst. Denn auch die Wiedereinsteiger/Innen können mit einem Salär einer ausgebildeten Pflegefachperson ihre Familien nicht ernähren, um nur ein Problem zu erwähnen. Daneben ist es bei einem Vollpensum dem Elternteil kaum mehr möglich, seine Rolle gegenüber den Kindern noch wahrzunehmen, weil ständig abwesend.

Es fehlen nicht nur Pflegende in den Langzeitinstitutionen, sondern es fehlen Pflegende auf den Intensivstationen, der Neonatologie, den Bettenstationen, in den Psychiatrien, in den ambulanten Diensten, in der Palliative Care, kurz überall. Das führt soweit, dass teilweise aus diesen Gründen Betten geschlossen werden müssen, obwohl diese dringend benötigt würden.

«Das EDI ist zudem im Auftrag des Bundesrats daran, zusammen mit anderen Akteuren einen zusätzlichen Massnahmenplan zu erarbeiten.»

Ich weiss, ich wiederhole mich: Dieser Massnahmenplan sollte längst in der Umsetzung sein. Und wie lange wollen Sie noch Pläne erarbeiten? Während sie nämlich planen, stehen die Pflegenden vor ethisch – moralischen Konflikten, die aus Ihrer Lethargie heraus entstanden ist. Während sie planen, sind Menschen aufgrund des Fachkräftemangels unterversorgt und in Lebensgefahr.

In verschiedenen Medien hat sich Bundesrat Alain Berset zur Pflegeinitiative geäussert. Ich wurde noch nie wütender als bei diesem Statement.

Glauben Sie wirklich, uns noch weiter mit Schulterklopfen und verbalen Streicheleinheiten abspeisen zu können? Mit «Wir haben das Problem erkannt» kann sich eine Pflegende, die jetzt am Bett steht keinen Blumentopf kaufen und erst recht keine menschenwürdige Pflege gewährleisten.

Sie sagen «Wir brauchen Zeit, haben Sie Geduld.» Meine Damen und Herren Bundesräte, Geduld haben wir gehabt, mehr als jede andere Berufsgruppe. Zeit haben Sie gehabt und Sie haben es nicht auf Reihe bekommen. Sie haben Ihre Verantwortung nicht wahrgenommen und nehmen sie auch jetzt nicht wahr. Das ist der Grund, weshalb die Pflegeinitiative lanciert und eingereicht wurde. Und wenn es auch das Parlament nicht schafft, einen brauchbaren Gegenvorschlag zu erarbeiten, wird das Volk entscheiden.

Und im Gegensatz zu Ihnen, meine lieben Damen und Herren Bundesräte, haben diese den Gong schon lange gehört.

Abschliessend möchte ich eines betonen: Wir Pflegenden verlangen kein Silberbesteck und auch keine Sänfte, auf der wir zur Arbeit getragen werden. Wir Pflegenden wollen einfach unseren Beruf ausüben können.

Hochachtungsvoll

Madame Malevizia

Pflegehexe



Freitag, 2. November 2018

Einfach nur Mensch




«Du bist nicht belastbar.» sagten sie mir,

als ich, nachdem ich monatelang 1-2 Stunden Überzeit machte, ich so oft einsprang, dass ich nie mehr als einen Tag am Stück frei hatte, krank wurde.

«Du bist zu emotional»

sagten sie mir, als ich weinte, nachdem ich einen Bewohner in den Tod begleitet habe.

«Du bist zu emotional»

haben sie mir jedes Mal gesagt, wenn ich meinen Ärger darüber kundtat, dass wir monatelang am personellen Limit liefen und uns noch mehr Aufgaben aufgedrückt wurden.



Jahrelang habe ich versucht, es zu verändern.

Ich wollte so belastbar sein, wie es von mir erwartet wurde.

Ich wollte nicht emotional sein.



Und ich bin grandios gescheitert.

Es hat lange gedauert, bis ich begriff: So wie ich bin, bin ich richtig.

Heute stehe ich da, und sage, frei nach Bliggs und Marc Sways Song:



«Wir sind doch auch nur aus Mensch

Knochen und Fleisch.»

Mein Körper hat seine Grenzen, ich darf sie spüren und darf auf sie hören.



«Ein Herz das schlägt,

Seele und Geist»

Ich pflege, mit allem was ich habe. Mit meinem Wissen, meinem Können und vor allem mit meinem Herzen. Meine Emotionen gehören zu mir. Ein Betrieb, der meine Emotionalität als Makel sieht, ist nicht der Betrieb, in dem ich arbeiten will.


«Wieviel können wir geben,

Wieviel verträgt es?»

 Ich allein weiss, wieviel ich geben kann. Ich allein spüre, wo meine Grenzen sind. Auf Vergleiche lasse ich mich nicht ein. Es gibt, tatsächlich Kolleginnen und Kollegen, die mehr aushalten als ich. Das ist okay. Vielleicht bin ich tatsächlich weniger belastbar als andere. Doch ist es meine «Leistung oder Nichtleistung», dass dem so ist? Kann «Belastbarkeit» tatsächlich gemessen werden. Sind wir Pflegenden nicht grundsätzlich schon belastbarer, als jene, die sich diesen Beruf von vornherein nicht zutrauen? Seit ich meine Grenzen kenne und lebe, bin ich jedenfalls gesünder als jemals zuvor.

Ich selbst bezeichne mich als emotionalen Menschen, sehe das als meine Stärke an. Emotionen sind dazu da, sie zu durchleben und so zu transformieren. Nur so ist Entwicklung möglich. Und nur so können wir selbst fühlen, wieviel Kraft in uns ist.



«Einfach nur Mensch

Knochen und Fleisch»

Auch Pflegende sind genau das: Menschen, aus Knochen und Fleisch. Wir haben Grenzen und sie immer und immer wieder zu überschreiten ist Raubbau am eigenen Körper und der Seele. Es hat nichts mit nicht belastbar sein zu tun, wenn Pflegende auf ihre körperlichen und psychischen Grenzen hören. Es hat nichts mit emotional sein zu tun, wenn Pflegende weinen oder sich ärgern.

Es hat damit zu tun, dass wir sind, wer wir sind und was wir sind.



Meine Lieben, Ihr alle seid einzigartig, wunderbar und wundervoll! 
Häbet Sorg!



Eure Madame Malevizia.

Dienstag, 16. Oktober 2018

Kolumne Schrittmacherin 4/18 "Drüber rede"




Es gibt etwas, das alle Pflegenden für ihren Berufsstand tun können. Es kostet nichts, nicht einmal viel Zeit, es braucht nur ein wenig Mut: Darüber sprechen. Damit tun sie bereits unglaublich viel. Es ist so wichtig, dass Pflegende über ihren konkreten Pflegealltag sprechen. Über das Licht und auch über die Schatten. Nur so können wir die Gesellschaft für das, was in der Pflegewelt geschieht, sensibilisieren. Pflegende erleben Dinge, die unglaublich und manchmal auch unfassbar sind. Pflegende erleben Wunder hautnah, und sie erleben Leid, welches sie manchmal nur mittragen können. Indem sie darüber sprechen, wird es auch für sie realer. Manchmal hat man/frau als Pflegende nämlich tatsächlich das Gefühl im falschen Film zu sein. Es zu erzählen, kann da eine wichtige Ressource sein. Aber sie tun damit nicht nur sich selbst etwas Gutes, sondern eben auch dem gesamten Berufsstand. Die Bevölkerung muss wissen, wie es um die Pflege steht. Sie muss wissen, dass sich die Pflege fast zu Tode dokumentiert, um ihre Leistungen belegen zu können. Sie müssen wissen, dass Pflegende sich tagtäglich mit ethisch – moralischen Konflikten auseinandersetzen muss, die essenzieller nicht sein könnten. Es sind Fragen wie: lasse ich jetzt den Patienten XY noch länger in seinen Exkrementen liegen oder den Patienten M. noch länger vor Schmerzen schreien? Darüber sollen und dürfen Pflegende sprechen, wo auch immer sie die Gelegenheit dazu haben. Die Öffentlichkeit muss wissen, was es für freischaffende Pflegende, für die Spitex und die Heime bedeutet, dass die Materialkosten nicht mehr von den Krankenkassen übernommen werden müssen. Mal ganz ehrlich, in welchem Beruf gibt es denn sowas? Ich sehe schon die alten Damen ihre Inkontinenzeinlagen auf dem Heizkörper trocknen, um zu sparen. Die Gesellschaft muss wissen, dass in den SwissDRG die Pflege absolut ungenügend abgebildet ist und dieses politische Versäumnis dazu führt, dass die Stellenpläne deutlich unter dem Bedarf liegen.

Wenn Pflegende über ihre Arbeit sprechen, gibt es einen Satz, den sie ganz bestimmt immer zu hören bekommen. Ich persönlich trinke ja in Gedanken immer einen darauf, wenn er kommt. Allerdings nur noch in Gedanken, denn sonst wäre ich inzwischen dauerbetrunken. «Ich könnte das nicht.» Zum einen drückt dieser Satz bestimmt auch Bewunderung und Respekt aus. Mir kommt er jedoch auch immer wieder wie ein «Totschläger» vor, der eine ehrliche Auseinandersetzung mit den Problemen der Pflege von vornherein abwürgt. Bisher habe ich das tatsächlich auch zugelassen. Ich will ja niemandem auf die Nerven gehen, vor allem nicht meinen Freunden und Bekannten. Ja, auch Pflegehexen, haben mitunter einen gewissen Hang zur Harmonie. Nun habe ich mir aber eines fest vorgenommen. In Zukunft werde ich auf den Satz « Ich könnte das nicht.» antworten mit. «Und weil das nicht alle können, gehört die Förderung der Pflege in die Verfassung. Ich zähle auf Dein Ja zur Pflegeinitiative.»

Donnerstag, 6. September 2018

Verantwortung übernehmen

Meine Lieben,

Es war ein politischer Entscheid, die Swiss DRG einzuführen, dies trotz Warnungen des Berufsverbandes SBK. In den Swiss DRG wird die Pflege ungenügend abgebildet. Die Folge, um entsprechend dem Aufwand entschädigt zu werden, dokumentieren sich die Pflegenden dumm und dämlich. Ebenfalls ist mit den DRGs ein neues Anreizsystem geschaffen worden. Je kürzer der Patient hospitalisiert ist, desto mehr Geld für die Institution. Dies zieht die sogenannt «blutigen» Austritte nach sich. Für SPITEX aber auch für die Heime stellt dies zum Teil eine absolute Überforderung dar. Um diesem entgegen zu treten, wurde bestimmt, dass ein Wiedereintritt nach kurzer Zeit (ich weiss gerade nicht nach wie vielen Tagen) unter dem selben DRG läuft, sprich, es gibt nicht mehr Geld dafür. Was tun nun findige Spitäler? Sie überweisen solche Patienten wegen ihrer Komplexität in die Universitätsspitäler, welche diese aufnehmen müssen, weil sie einen Leistungsauftrag haben. Das Universitätsspital erhält jedoch nur noch das «Restgeld» des DRGs. Bei einer Operation wird es noch perfider. Ein Grossteil des DRG wird für die Operation bezahlt. Wenn ein Spital nun eine Operation durchführt, der Patient dann jedoch Komplikationen erleidet, die dieses Spital nicht mehr bewältigen kann, erhält das übernehmende Universitätsspital nur noch den Restbetrag (also DRG minus OP). In beiden Fällen ist der Patient für das Universitätsspital vom ersten Tag an defizitär. Diese «Rosinenpickerei» gehört schlicht unterbunden. Die Macht dazu hat das Parlament.
Die meisten Privatspitäler funktionieren über das Belegarztsystem. Machen diese Ärzte Ferien fahren die Spitäler ihre Bettenzahl herunter. Dies ist auch völlig logisch, leere Betten verursachen Kosten. Dadurch können sie auch weniger Notfälle aufnehmen, was dazu führt, dass die Notfälle der öffentlichen Spitäler überlaufen, die Bettenhäuser ebenso überfüllt sind. Dadurch kommt das Pflegepersonal an den Rand eines Kollapses. Den Pflegedirektionen ist es gar nicht möglich, so kurzfristig ausreichend Personal zu rekrutieren. Das, meine Lieben, ist nicht nur unfair, sondern schlicht gefährlich. Auch das gehört abgestellt. Wenn die Privatspitäler auch Gelder von der öffentlichen Hand erhalten, sollen sie auch denselben Leistungsauftrag wie die öffentlichen Spitäler erfüllen.
Der Bundesgerichtsentscheid, dass Pflegematerialien den Krankenkassen nicht mehr verrechnet werden dürfen, konnte nur zustande kommen, weil die Gesetzeslage so ist. Und so ist die Pflege meines Wissens, der einzige Berufsstand, der sein benötigtes Material nicht verrechnen darf.
Jedes Jahr kommt es in beinahe jedem Kanton zu Sparmassnahmen. Ausgetragen werden diese mit Vorliebe auf dem Buckel des Gesundheitswesens. Daneben sind Bund, Kantone und Gemeinde Meister darin, sich gegenseitig den finanziellen schwarzen Peter zu zuschieben. Verantwortung übernehmen geht anders.
Es ist die fixe Idee der Politiker, dass Gesundheitsinstitutionen Gewinn bringend sein sollen. Der Kapitalismus lässt grüssen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass dies ohne Rücksicht auf Verluste erreicht werden soll. Diese Bestrebungen gehen auf Kosten der Menschlichkeit. Inne halten, umdenken? Fehlanzeige.
Ganz konkret gesagt:
Ich werfe der SP vor, dass die Gesundheitspolitik in ihrem Parteiprogramm schlicht inexistent ist. Das weiss ich, weil ich dieses gelesen habe. Vieles über eine menschliche Wirtschaft steht da drin. Aber nichts, was Pflegenden in ihrer Not helfen würde. Es gibt in den Kantonen sehr gute Programme zum Thema Gesundheitswesen. Ebenfalls gibt es Politikerinnen und Politiker der SP, welche sich engagieren. Um wirklich etwas erreichen zu können, braucht es jedoch mehr als Einzelaktionen.
Die Juso konzentriert sich auf Freiräume der Jugend, Polizeigewalt oder und im Moment sehr darauf, zu beurteilen was nun sexistisch ist oder nicht. Alles Themen, die irgendwo wichtig sein können. Dabei verpassen sie die Tatsache, dass vor ihrer Nase die Menschenrechte von Patienten und Pflegenden tagtäglich verletzt werden. Eine Beteiligung dieser jungen, mitunter auch kreativen Partei, ist für mich ein Muss.
Für die FDP scheint das Gesundheitswesen ausschliesslich aus den Krankenkassen zu bestehen. Mehr gibt es über diese Partei nicht zu sagen. Und zu erwarten hat die Pflege von der FDP grundsätzlich nichts. Aber gerade von dieser Partei erwarte ich, dass sie an Lösungen konkret mitarbeitet.
Im Parteiprogramm der SVP ist das Gesundheitswesen durchaus präsent. Die Ansätze sind zwar sehr konservativ, aber durchaus zu diskutieren. Leider fokussiert sich die SVP lieber auf die Masseneinwanderung oder die Frage des Kopftuchs. Aus meiner Sicht, ein Armutszeugnis für die Partei. Lässt sie doch dadurch einen Teil der Bevölkerung kläglich im Stich.
Die CVP hat das «Christlich» in ihrem Namen, müsste sich also mit ethisch- moralischen Fragen auseinandersetzen. Solche Fragen gibt es beim Thema Gesundheitspolitik mehr als genug. Doch auch sie bleibt weitgehend stumm.
Das Gesundheitswesen ist hochkomplex. Als Politikerin oder Politiker braucht es durchaus Mut sich ernsthaft damit zu befassen. Doch jeder einzelne, der in einem Rat sitzt, hat sich bewusst dafür entschieden. Als Bürgerin, als Wählerin, als Pflegehexe erwarte ich, dass sie nun ihre Verantwortung wahrnehmen.
Eure Madame Malevizia