Montag, 22. August 2016

Leiden im Licht, Gedanken zu Ariella Käslins Buch


„Gott sei Dank habe ich kein sportliches Talent.“ war mein Gedanke, nachdem ich dieses Buch das erste Mal gelesen hatte. Ja, ich war das erste Mal in meinem Leben dankbar dafür, kein sportliches Talent zu haben. Ich, die ich in meiner Jugend sehr darunter gelitten habe, dass ich nicht nur kein sportliches Talent, sondern absolut unfähig bin. Ich, die ich auch noch als Erwachsene glaubte, dass erfolgreiche Spitzensportler die glücklichsten Menschen sein müssen. Ausgerechnet ich, war nach der Lektüre dieses Buches einfach nur dankbar, normal zu sein.

Zu Olympia habe ich dieses Buch wieder hervor genommen. Und einiges ist mir diesmal deutlich geworden. Dieses Buch, Ariellas Erleben hat viel mehr mit dem Leben zu tun, als man auf den ersten Blick glaubt. Es ist keine „Abrechnung“ mit dem Spitzensport. Es ist eine Innensicht eines Menschen, der in eine Lebenskrise schlittert. Jedem von uns kann genau das passieren.




Leiden im Licht – und keiner merkts

Ich habe die Kunstturn – Wettkämpfe bei Olympia verfolgt. Und mich dabei immer gefragt: Wie geht es diesen jungen Menschen wirklich. Sie die gewonnen haben, Gold, Silber oder Bronze. Sind sie glücklich? So glücklich, wie sie wirken? Wie werden sie von ihren Trainern behandelt? Achtet jemand darauf, dass sie nicht gebrochen werden? Achtet jemand darauf, dass sie nicht ihr Urvertrauen in sich selbst verlieren? Es ist wichtig, dieses Urvertrauen in sich. Für jeden Menschen. Es ist die Sicherheit, eine Situation richtig einzuschätzen, zu spüren, ich bin im Recht oder Unrecht. Für sich einstehen zu können, gegen Widerstand. Das kann ich im Fernseher nicht sehen, ich sehe nur die Tränen. Sind sie aus Freude? Aus Erleichterung? Aus Erschöpfung. Wir als Publikum interpretieren sie einfach als Freudentränen, weil wir es erwarten. Wir erwarten, dass der Sieger glücklich ist. Für Ariella bedeutete dies, dass ihre Innensicht und die Aussensicht immer weiter auseinander driftete. Mit der fatalen Folge, dass Ariella sich immer schlechter spürte. Ein Phänomen, dem ich bei meiner Arbeit in der Psychosomatik häufig begegnete. Menschen, die ihre Gefühle gar nicht mehr benennen können. Damit meine ich nicht, dass man sagen kann, es geht mir gut oder schlecht, schwarz oder weiss. Sich spüren heisst, seine Gefühle benennen zu können. Das klappt nicht immer auf Anhieb und braucht etwas mehr Zeit, als die Bewertung gut oder schlecht. Doch nur, wenn ich weiss, was ich fühle, kann ich auch nachvollziehen, warum ich jetzt gerade so reagiere und kann vielleicht auch entscheiden, anders zu handeln. Auch mir fehlt manchmal der Kontakt zu meinen Gefühlen. Da ich sehr auf Stimmungen und Eindrücke von Aussen reagiere, können meine eigenen Gefühlen davon ganz überdeckt werden. In der Bewertung führt dies dann zu: Ich fühle mich komisch. Mir hilft es dann, mich etwas zurück zu ziehen und zu schreiben. Völlig banal meine Gedanken auf zu schreiben, ohne darüber nach zu denken. Auch das hat einiges an Übung gebraucht, bis ich tatsächlich unzensiert alles aufgeschrieben habe was mir gerade durch den Kopf geht. Meist finde ich dadurch die Gefühle, die zu diesem „komisch“ gehören.
Leiden verlängert
„Und Du glaubst ich bin stark und ich kenn‘ den Weg.“ Dieses Lied von Ich + Ich ist mir immer wieder im Kopf herumgegangen, als ich „Leiden im Licht“ das zweite Mal las. Vor allem nach ihrem Rücktritt baute sich in der Öffentlichkeit das Bild auf, dass Ariella jetzt voll durchstartet in ihr neues Leben. Mit ihren Aussagen untermauerte Ariella diesen Eindruck. Irgendwie verständlich, dass Ariella die Fassade aufrecht erhielt. In einer Phase, in der es ihr extrem schlecht ging. Es hätte nur noch mehr Licht auf ihr Leiden geworfen.
Ich schätze Ariella so ein, dass sie ihr Leiden nicht kommunizieren konnte. Auch oder vor allem nicht den Menschen, die ihr Nahe standen. Sie schonte sie. In der Zeit mit dem Trainer, dessen Methoden ich als Laie als äusserst fragwürdig ansehe, fällt dies am meisten auf. Ariella hat vieles zurück gehalten, ich unterstelle ihr, dass sie dies aus Rücksicht auf ihre Familie getan hat. Dadurch hat sie nicht die Hilfe erhalten, die sie gebraucht hätte. Auch das beobachte ich oft. Menschen, die stark wirken, die den Eindruck erwecken, dass nichts sie erschüttert, können in der Krise keine Hilfe annehmen. Zum einen, weil sie wissen, wie sie nach Aussen wirken und sie Hilfe holen, mit Schwäche zeigen gleich setzen. Weil sie glauben, zu enttäuschen. So steht dann ihr ganzes Selbst auf dem Spiel. Ihre Liebsten mit ihren Sorgen belasten, kommt für stark wirkende Menschen nicht in Frage. Stark wirkende Menschen können auch kaum Hilfe annehmen, wenn sie angeboten wird. Ist dann ein stark wirkender Mensch eigentlich schwach? Eben weil er nicht Hilfe holen oder annehmen kann. Nein, bei weitem nicht. Stark wirkende Menschen, glauben nicht an sich. Stark wirkende Menschen, kennen ihr psychisches Potential gar nicht. Dies gilt es in der Krise zu erkennen und zu mobilisieren. Dazu kann es auch mal gut sein, liegen zu bleiben, Kraft zu sammeln. Ja, das kann auch eine Krankschreibung, eine psychische Begleitung oder auch eine Einweisung in eine psychiatrische Klinik bedeuten. Es geht ums Kraft sammeln, verstehen was mit einem passiert. Und dann erst kann man wieder aufstehen. Denn das ist ein Kraftakt.



Aus dem Licht von aussen zum inneren Licht
Ariella machte sich auf den Weg, auf den Weg zu sich selbst. Er war steinig und holprig. Sie hat sich begleiten lassen und scheint so den Weg gefunden haben. Das Licht von aussen, das es ihr so schwer machte sich zu finden, kann sie heute wohl für sich nutzen. Und ich wünsche Ihr von Herzen, dass sie die Quelle ihrer Kraft und das Licht in sich findet.