Donnerstag, 2. April 2020

Nachrichten aus der Pflegebasis III - Fragen, die gestellt werden müssen



Meine Lieben,

Wie geht es Euch? Ich denke oft an Euch und an all das was Ihr gerade leistet. Meine Gedanken sind bei unseren Kolleginnen und Kollegen im Tessin und der Westschweiz, die mitten im Covid -19 Sturm stehen. Noch ist es bei mir relativ ruhig. Doch Covid – 19 schwebt wie ein Damoklesschwert über uns. Die Patienten, die zur Zeit bei uns hospitalisiert sind, sind schwer krank. Eine Covid – 19 Infektion würde für sie lebensgefährlich werden. Für uns Pflegenden bedeutet das, doppelt so aufmerksam sein und das in einer für uns psychisch und physisch  kräftezehrenden Situation.

Letzte Woche habe ich mehrere Zwölfstunden – Schichten gearbeitet. Körperlich bin ich klar an meine Grenzen gekommen. Jetzt erhole ich mich. Wie alle lese und höre ich viel über Covid – 19. Und obwohl ich versuche, das alles möglichst gut zu filtern, macht mich das alles manchmal einfach nur kirre. So wie heute. Unendlich viel prasselt da auf mich ein. Und immer, wenn es mir zu viel wird, schreibe ich meine Gedanken auf. Einige davon möchte ich mit Euch teilen.

Bereits ruft die erste Partei danach, dass die Massnahmen, um Covid 19 einzudämmen, aufgehoben werden sollen. Der wirtschaftliche Schaden sei sonst zu gross. Man kann das durchaus so sehen. Und die Frage, wieviel können wir unseren Unternehmen noch zumuten, muss gestellt werden. Doch gleichzeitig müssen wir uns vor Augen führen, was der Grund für den Lockdown ist. Unser Gesundheitswesen war bereits vor Covid- 19 so am Anschlag, dass sie die zu erwartende Welle von schweren Verläufen dieser Krankheit nicht hätte kompensieren können. Was das bedeutet hätte, sehen wir bei unserem Nachbarn Italien live und in Farbe. Deshalb muss auch die Frage: Wenn wir die Massnahmen aufheben, kann unser Gesundheitswesen einen Anstieg an Fällen nun verkraften? Ich bin mir nicht sicher ob diese Frage überhaupt beantwortet werden kann. Denn sie zieht auch noch weitere Fragen nach sich. Was wenn wir das jetzt zwar glauben, uns aber irren? Was, wenn wir dann wirklich in einen Engpass kommen? Wer entscheidet dann, wer noch behandelt wird und wer nicht? Ich persönlich möchte diese Entscheidung niemandem zumuten müssen. Doch wenn, dann erwarte ich, dass sich die Politik daran beteiligt und die Verantwortung dafür auch übernimmt.
Viele Fragen, ich weiss, doch wir müssen sie uns stellen, denn auch das ist Solidarität. Es kann nicht sein, dass erneut das Gesundheitswesen im Stich gelassen wird, weil die Wirtschaft stärker gewichtet wird. Es muss beides dieselbe Aufmerksamkeit erhalten. Jetzt und auch wenn alles vorbei ist. Und gerade jene Partei, die jetzt nur die Wirtschaft im Blick hat, muss sich die Frage gefallen lassen, ob eine ausreichende Anzahl von Pflegefachpersonen wirklich nur «nice to have» sind. Und wenn sie schon einmal dabei sind, können sie sich auch gleich fragen, ob sich unser Gesundheitswesen qualitativ wirklich an unseren europäischen Nachbarn orientieren soll.

Ich verbleibe mit den besten Wünschen für Euch alle. Häbet Sorg! 

Eure Madame Malevizia

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