Montag, 22. August 2016

Leiden im Licht, Gedanken zu Ariella Käslins Buch


„Gott sei Dank habe ich kein sportliches Talent.“ war mein Gedanke, nachdem ich dieses Buch das erste Mal gelesen hatte. Ja, ich war das erste Mal in meinem Leben dankbar dafür, kein sportliches Talent zu haben. Ich, die ich in meiner Jugend sehr darunter gelitten habe, dass ich nicht nur kein sportliches Talent, sondern absolut unfähig bin. Ich, die ich auch noch als Erwachsene glaubte, dass erfolgreiche Spitzensportler die glücklichsten Menschen sein müssen. Ausgerechnet ich, war nach der Lektüre dieses Buches einfach nur dankbar, normal zu sein.

Zu Olympia habe ich dieses Buch wieder hervor genommen. Und einiges ist mir diesmal deutlich geworden. Dieses Buch, Ariellas Erleben hat viel mehr mit dem Leben zu tun, als man auf den ersten Blick glaubt. Es ist keine „Abrechnung“ mit dem Spitzensport. Es ist eine Innensicht eines Menschen, der in eine Lebenskrise schlittert. Jedem von uns kann genau das passieren.




Leiden im Licht – und keiner merkts

Ich habe die Kunstturn – Wettkämpfe bei Olympia verfolgt. Und mich dabei immer gefragt: Wie geht es diesen jungen Menschen wirklich. Sie die gewonnen haben, Gold, Silber oder Bronze. Sind sie glücklich? So glücklich, wie sie wirken? Wie werden sie von ihren Trainern behandelt? Achtet jemand darauf, dass sie nicht gebrochen werden? Achtet jemand darauf, dass sie nicht ihr Urvertrauen in sich selbst verlieren? Es ist wichtig, dieses Urvertrauen in sich. Für jeden Menschen. Es ist die Sicherheit, eine Situation richtig einzuschätzen, zu spüren, ich bin im Recht oder Unrecht. Für sich einstehen zu können, gegen Widerstand. Das kann ich im Fernseher nicht sehen, ich sehe nur die Tränen. Sind sie aus Freude? Aus Erleichterung? Aus Erschöpfung. Wir als Publikum interpretieren sie einfach als Freudentränen, weil wir es erwarten. Wir erwarten, dass der Sieger glücklich ist. Für Ariella bedeutete dies, dass ihre Innensicht und die Aussensicht immer weiter auseinander driftete. Mit der fatalen Folge, dass Ariella sich immer schlechter spürte. Ein Phänomen, dem ich bei meiner Arbeit in der Psychosomatik häufig begegnete. Menschen, die ihre Gefühle gar nicht mehr benennen können. Damit meine ich nicht, dass man sagen kann, es geht mir gut oder schlecht, schwarz oder weiss. Sich spüren heisst, seine Gefühle benennen zu können. Das klappt nicht immer auf Anhieb und braucht etwas mehr Zeit, als die Bewertung gut oder schlecht. Doch nur, wenn ich weiss, was ich fühle, kann ich auch nachvollziehen, warum ich jetzt gerade so reagiere und kann vielleicht auch entscheiden, anders zu handeln. Auch mir fehlt manchmal der Kontakt zu meinen Gefühlen. Da ich sehr auf Stimmungen und Eindrücke von Aussen reagiere, können meine eigenen Gefühlen davon ganz überdeckt werden. In der Bewertung führt dies dann zu: Ich fühle mich komisch. Mir hilft es dann, mich etwas zurück zu ziehen und zu schreiben. Völlig banal meine Gedanken auf zu schreiben, ohne darüber nach zu denken. Auch das hat einiges an Übung gebraucht, bis ich tatsächlich unzensiert alles aufgeschrieben habe was mir gerade durch den Kopf geht. Meist finde ich dadurch die Gefühle, die zu diesem „komisch“ gehören.
Leiden verlängert
„Und Du glaubst ich bin stark und ich kenn‘ den Weg.“ Dieses Lied von Ich + Ich ist mir immer wieder im Kopf herumgegangen, als ich „Leiden im Licht“ das zweite Mal las. Vor allem nach ihrem Rücktritt baute sich in der Öffentlichkeit das Bild auf, dass Ariella jetzt voll durchstartet in ihr neues Leben. Mit ihren Aussagen untermauerte Ariella diesen Eindruck. Irgendwie verständlich, dass Ariella die Fassade aufrecht erhielt. In einer Phase, in der es ihr extrem schlecht ging. Es hätte nur noch mehr Licht auf ihr Leiden geworfen.
Ich schätze Ariella so ein, dass sie ihr Leiden nicht kommunizieren konnte. Auch oder vor allem nicht den Menschen, die ihr Nahe standen. Sie schonte sie. In der Zeit mit dem Trainer, dessen Methoden ich als Laie als äusserst fragwürdig ansehe, fällt dies am meisten auf. Ariella hat vieles zurück gehalten, ich unterstelle ihr, dass sie dies aus Rücksicht auf ihre Familie getan hat. Dadurch hat sie nicht die Hilfe erhalten, die sie gebraucht hätte. Auch das beobachte ich oft. Menschen, die stark wirken, die den Eindruck erwecken, dass nichts sie erschüttert, können in der Krise keine Hilfe annehmen. Zum einen, weil sie wissen, wie sie nach Aussen wirken und sie Hilfe holen, mit Schwäche zeigen gleich setzen. Weil sie glauben, zu enttäuschen. So steht dann ihr ganzes Selbst auf dem Spiel. Ihre Liebsten mit ihren Sorgen belasten, kommt für stark wirkende Menschen nicht in Frage. Stark wirkende Menschen können auch kaum Hilfe annehmen, wenn sie angeboten wird. Ist dann ein stark wirkender Mensch eigentlich schwach? Eben weil er nicht Hilfe holen oder annehmen kann. Nein, bei weitem nicht. Stark wirkende Menschen, glauben nicht an sich. Stark wirkende Menschen, kennen ihr psychisches Potential gar nicht. Dies gilt es in der Krise zu erkennen und zu mobilisieren. Dazu kann es auch mal gut sein, liegen zu bleiben, Kraft zu sammeln. Ja, das kann auch eine Krankschreibung, eine psychische Begleitung oder auch eine Einweisung in eine psychiatrische Klinik bedeuten. Es geht ums Kraft sammeln, verstehen was mit einem passiert. Und dann erst kann man wieder aufstehen. Denn das ist ein Kraftakt.



Aus dem Licht von aussen zum inneren Licht
Ariella machte sich auf den Weg, auf den Weg zu sich selbst. Er war steinig und holprig. Sie hat sich begleiten lassen und scheint so den Weg gefunden haben. Das Licht von aussen, das es ihr so schwer machte sich zu finden, kann sie heute wohl für sich nutzen. Und ich wünsche Ihr von Herzen, dass sie die Quelle ihrer Kraft und das Licht in sich findet.


Freitag, 12. August 2016

Kleider machen Pflegehexen

Meine Lieben!
Ich habe da ein Problem. Ein kleidungstechnisches Problem. Für meine zukünftigen Aktivitäten muss erkennbar sein, was ich bin. Ich bin Pflegehexe, ein Wort, zusammengesetzt aus Pflege(fachfrau) und Hexe. Über Hexenkleidung verfüge ich bereits. Die Hexe sieht man mir an. Aber die Pflege? Woran erkennt man eine Pflegende? Ja, meine Lieben, ich weiss wie eine Pflegefachfrau aussieht, mein Pseudonym arbeitet als solche. Aber mal ehrlich, wenn ihr im Spital seid, könnt ihr eine Pflegefachfrau einwandfrei erkennen? Aufs Namensschild schielen gilt nicht! Probierts mal aus, ich gespannt wie viele von Euch zuerst an die Physio, die Reinigungskraft oder den Transportdienst geraten…
Ich habe Google um Rat gefragt. Und anstatt Pflegefachfrau, das in der Öffentlichkeit noch immer vorherrschende Wort ‚Krankenschwester‘ eingegeben. Und Google hat mir zwei Stereotypen gezeigt, mit denen ich immer wieder konfrontiert bin. Einige von Euch werden sie benennen können: Jawohl, es sind die Sexy Schwester und die barmherzige Schwester.
Beginnen wir mit der sexy Schwester. Hier ein kleines Beispiel:



Ist sie nicht der fleischgewordene Traum eines jeden Mannes. Eines muss hier aber mal gesagt werden: Liebe Männer, wenn ihr jemals in ein Krankenhaus müsst, werden Eure Interessen vieler Natur sein, aber ganz nicht sexueller… Und was wir bei unserer Arbeit tun, ist sehr Vielseitig, aber mit Sex hat es rein gar nichts zu tun.
So kann eine Pflegehexe unmöglich aussehen. Zusammen mit meinem Namen Madame Malevizia würde ich da wohl eher in eine andere Berufsgruppe passen.

 Da hätten wir ja noch die barmherzige Schwester.


Eines hat sie mit der sexy Schwester gemeinsam: Die Haube. Weshalb für mich dieses Accessoire definitiv weg fällt. Das wäre nämlich die einfachste Art gewesen sich als Pflegehexe erkennbar zu machen. Einfach Hexenkleidung und ein Häubchen darauf, fertig. Beim Thema barmherzige Schwester ist mir eines wichtig: Dieses Bild ist entstanden aus den Anfängen der Pflege. Alles was ich jetzt sage, bezieht sich auf dieses Bild, keineswegs auf die Leistung dieser Frauen, die zweifelsohne riesig ist. Als Vertreterin seht ihr Florence Nightingale, die ich selbst als Begründerin der professionellen Pflege sehe. Aber zurück zur barmherzigen Schwester. Sie kümmert sich aufopferungsvoll um ihre Patienten, liest ihnen jeden Wunsch von den Augen ab. Ärzte sind ihre Götter, für den Chefarzt stehen sie sogar der Grösse nach ein. Die barmherzige Schwester benötigt keine Ausbildung, sie wurde zur Schwester geboren und hat die Pflege im Blut. Meine Lieben! So werden Pflegende heute noch von vielen gesehen. Doch die barmherzige Schwester hat ebenso wenig mit unserem Beruf zu tun, wie die sexy Schwester!
Also fällt auch eine alte Schwestertracht als Erscheinungsbild weg.
Mit dieser Recherche bin ich keinen Schritt weiter gekommen. Ich werde mein Erscheinungsbild selbst entwickeln müssen. Denn eines muss ich ehrlich zugeben: Weder im Outfit der sexy Schwerster, noch in der Tracht der barmherzigen Schwester würde ich mich wohl fühlen.
Mein Ziel ist es, als Pflegehexe erkannt und dabei auch ernst genommen zu werden. „Kommt nicht daher wie selbst gehäkelt!“ hat einmal eine Dozentin in der Höfa zu diesem Thema gesagt. „Wenn ich meine Bluse anziehe, bin ich nicht mehr Privatperson, sondern ganz in meinem Beruf“ Diesen Satz, von einer Lernenden (bei einem anderen Beruf), würde ich sofort unterschreiben. Es kommt zwar schon darauf an, was ich trage, weil ich erkannt werden will, aber noch viel mehr, wie ich es trage.
Das Bild der Pflege in der Öffentlichkeit muss sich ändern. Ich will meinen Beitrag dazu leisten. Es fängt damit an, dass ich meine Google suche nochmals starte. Diesmal mit „Pflegefachfrau“. Daraus werde ich die Kleidung entwickeln, die meiner Meinung nach einer Pflegehexe würdig ist. Ihr dürft also gespannt sein!
In Liebe

Eure Madame Malevizia.

Montag, 11. Juli 2016

Wenn Exit das kleinere Übel ist

Die grösste Herausforderung für mich in Bezug auf Freitod mit Exit war Herr Brunner. Mit seinem Freitod wurde ich nicht nur konfrontiert, ich wurde ein Teil davon.

Wenn Exit das kleinere Übel ist

Herr Brunner war der jüngste auf der Wohngruppe. Auch er litt an einer unheilbaren Nervenerkrankung, die ihn zunehmend behinderte und einschränkte. Herrn Brunner wurde noch vor uns Pflegenden klar, dass er bald nicht einmal mehr annährend das Leben eines gesunden jungen Mannes mehr führen würde.

Es kam deshalb für viele von uns wie aus heiterem Himmel, als Herr Brunner einen Suizidversuch machte. Nur mit viel Mühe konnte ein Pflegender ihn daran hindern, vor den Zug zu springen. Notfallmässig wurde Herr Brunner in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen. Allen war bewusst: das Problem war so nur verschoben, keinesfalls gelöst.

Herr Brunner war in seinen Äusserungen sehr klar. Er würde es wieder versuchen. „Wenn ich es jetzt nicht mache, wird es zu spät sein.“ Wir alle wussten, er hatte Recht.

Die Situation wurde besprochen.
In der Direktion, wo die Haltung klar war: Nicht im Heim.
Im Team. Die Haltungen waren zwar unterschiedlich, doch eines sahen wir alle gleich: Lieber ein geplanter Freitod, als Herrn Brunner und auch seinen Mitbewohnern den Stress eines Suizids zu zumuten.
Mit Herrn Brunner und seinen Angehörigen. Sie unterstützten Herrn Brunner in seinem Wunsch und nahmen es auch auf sich, mit ihm diesen Freitod mit Exit zu planen. Sie waren es auch, die Herrn Brunner zusammen mit Exit in den Freitod begleiteten.

Es dauerte einige Wochen, bis alles geklärt war und Herr Brunner sein Todesdatum nannte. Mit dem Wissen dieses Datums wurde für mich alles anders. Eine grosse graue Last legte sich auf mich.
Ich bin sicher, es ging auch anderen im Team so. So ein Sterben hatte wir alle noch nie erlebt und jeder reagierte anders.

Zusammen mit unserer Supervisorin besprachen wir die Situation. Es gab für uns mehrere Dinge zu klären: Wie können die anderen Bewohner von Herrn Brunner Abschied nehmen? Wie sollen wir dies kommunizieren? Sollen wir den Freitod transparent machen? Und wenn ja, vorher oder erst wenn es passiert ist?
Und wie können wir Herrn Brunner begleiten? Wer vom Team kann was geben?

Wir fragten Herrn Brunner, was er möchte. Auch da hatte Herr Brunner sehr klare Vorstellungen. Er würde seinen Mitbewohner seine Entscheidung mitteilen. Und er wünschte sich ein Abschiedsfest. Mit Kaffee und Kuchen.

Im Team beschlossen wir, unsere Lernenden zu schützen. Wir sprachen einzeln mit ihnen und boten ihnen an, an Herrn Brunners Todestag frei zu bekommen. Es war ein Angebot und uns ganz wichtig, dass sie selbst entschieden, was sie brauchten. Sie alle nahmen dieses Angebot an.
Ein Pflegender traute sich zu der Letzte zu sein, der Herrn Brunner bei der Körperpflege half.
Ich war an besagtem Tag auf den Spätdienst geplant. Ich wusste also, wenn ich komme, würde Herr Brunner schon nicht mehr leben. Für mich stimmte das. Ich wusste noch aus meiner Zeit in der Akutpsychiatrie, wie wichtig die Begleitung der anderen Patienten nach einem Suizid war. Für die Bewohner, die alle in einer ähnlichen Lage wie Herr Brunner waren da sein, das konnte ich.

Herr Brunner bekam wenige Tage vor seinem Todesdatum sein Abschiedsfest. Es war friedlich und erstaunlich entspannte Stimmung.

Die Tage vor dem Freitod gehören für mich zu den schwersten in meiner gesamten Laufbahn als Pflegende. Die Last, die ich fühlte war riesig. Ich akzeptierte Herrn Brunners Entscheid.
Daran lag es nicht. Aber die ganze Situation kam mir so widernatürlich vor. So lange im Voraus das Todesdatum eines Menschen zu wissen, war einfach grotesk.
Ihn nicht in seinen letzten Stunden begleiten zu können, schmerzte.

Als ich dann an jenem Tag (ich weiss das Datum beim besten Willen nicht mehr), zum Spätdienst kam, stand vor Herrn Brunners Zimmer bereits das dekorierte Tischli mit einer brennenden Kerze darauf.

Im Spätdienst nahm ich mir bewusst für jeden einzelnen Bewohner Zeit. Fragte, ob sie etwas brauchen, ob sie sprechen möchten. Aber auch Schweigen war in Ordnung.

Diesen Blog zu schreiben, hat mir einiges abverlangt. Nur mit Mühe, habe ich Worte gefunden, die beschreiben, wie ich diese Geschichte erlebt habe.
Noch heute bin ich der Institution dankbar, dass sie uns Pflegende mit der Entscheidung, Exit nicht in seine Räume zu lassen geschützt hat. Ich weiss, einige sehen das bestimmt anders. Finden, man müsse auch diesen Wunsch eines Freitod – Willigen berücksichtigen. Ich finde aber: Es gibt auch eine Grenze. Auch Pflegende haben das Recht auf Schutz und müssen nicht alles tragen können. Meine Grenze beginnt da, wo ich Teil des „Selbstötungsaktes“ werden muss.
Die Sorgfalt im Team, zu schauen, wer kann was geben, hat uns auch einiges an Kritik eingebracht. Es gab Stimmen die fanden, das sei doch nichts anderes als wenn jemand sonst sterbe.
Ich sage: nein, es ist völlig anders. Sollte ich nochmals in so eine Situation kommen, werde ich alles dafür tun, dass sich niemand im Team überfordern muss.

Tragt Sorge zu Euch!
In Liebe

Madame Malevizia

Sonntag, 3. Juli 2016

Wer bestimmt, wann der Tod kommt

Meine Lieben,
In Diskussionen über Exit kommt auch immer wieder das Argument: „Ich will selbst bestimmen, wann fertig ist.“ Ich könnte jetzt auch darüber schreiben, ob es wirklich nötig ist, sein Ende selbst bestimmen zu können. Eine wirklich interessante Frage, nicht?

Aber ich möchte eine andere Frage stellen: Ist es wirklich nur im Freitod möglich, sein Ende selbst zu bestimmen?

Wer bestimmt, wann der Tod kommt…

Der Tod ist unberechenbar. Das sage ich immer, wenn Angehörige fragen, wie lange ihr Nächster denn noch zu leben habe. Meine Berufserfahrung hat mich das gelehrt. Schon mehrmals habe ich einem Menschen nur noch wenige Stunden gegeben, der dann noch mehrere Tage hatte. Andererseits habe ich auch Menschen erlebt, die bei meinem Schichtende noch ansprechbar waren und am nächsten Tag bereits verstorben.

Ich habe den starken Verdacht, dass es letztendlich doch der Mensch selbst ist, der bestimmt, wann der Tod kommt. Grund dafür ist Herr Seiffert (Der Name ist selbstverständlich geändert).

Herr Seiffert litt an einer degenerativen Erkrankung des Nervensystems. Ein kluger Mann, vielseitig interessiert und angenehm im Umgang, eben ein richtiger Herr. Und ein Kämpfer. Es war ihm wichtig, am Leben teilnehmen zu können. Und seine Gesundheit war ihm immer ein Anliegen. Mehrere schwere Pneumonien liess er behandeln und überlebte sie.
Zunehmend schwanden jedoch seine Kräfte und er schaffte es oft nur noch am Nachmittag für kurze Zeit in den Rollstuhl.

Fast vollständig bettlägerig zu sein, war für ihn kein Leben mehr. Herr Seiffert wollte den Freitod. Wie ich schon bei Milo erläutert habe, das Pflegeheim verhinderte den Freitod eines Bewohners nicht, liess ihn jedoch in den eigenen Räumen nicht zu. Herr Seiffert wünschte sich jedoch, in seinem Zimmer, seinem Zuhause zu sterben.
So mussten sich das gesamte Team, sowie das Pflegeheim ganz konkret mit seiner Haltung zum Freitod auseinandersetzen. Herr Seiffert war der erste, der diesen Wunsch in diesem Heim äusserte.

Im Team gab es unterschiedliche Standpunkte. Einige waren der Auffassung, dass Herr Seifferts Wunsch berücksichtigt werden solle. Andere wollten davon nichts hören. Ich selbst konnte Herrn Seifferts Beweggründe sehr gut nachvollziehen. Gleichzeitig fühlte ich jedoch sehr deutlich, dass es meine Kräfte übersteigen würde, ihn im Freitod zu begleiten.
Der Stiftungsrat besprach Herrn Seifferts Situation eingehend. Er blieb jedoch dabei, den Freitod in seinen Räumen nicht zu wollen.

Soweit so gut. Und dann geschah das, was man fast nicht glaubt, wenn man es nicht selbst erlebt hat:
Die Pflegedienstleiterin informierte Herrn Seiffert über den Entscheid des Stiftungsrates. Kaum eine halbe Stunde später hatte Herr Seiffert hohes Fieber. Er sagte klar, er wolle keine Behandlung mehr. Jetzt wolle gehen.

Herr Seiffert starb einige Tage später in seinem Zimmer. Seine Lebensgefährtin konnte ihm dabei seine Hand halten.
Als Herr Seiffert schliesslich diese Welt verlassen hatte, gestand mir seine Lebensgefährtin wie froh sie sei, dass Herr Seiffert hier bei uns eines natürlichen Todes habe sterben können. Sie glaube, dass es für sie so leichter sei, seinen doch so frühen Tod zu akzeptieren.

Seit diesem Erlebnis bin ich der Überzeugung, dass es wohl die Seele ist, die bestimmt, wann der Tod kommt...
Alles Liebe

Eure Madame Malevizia

Donnerstag, 30. Juni 2016

Wenn es für Exit zu spät ist oder wann endet die Lebensqualität

Meine Lieben!
Exit ist immer wieder ein Thema in den Medien. Die Meinungen gehen auseinander. Als Pflegehexe bin ich immer wieder mit dem Sterben konfrontiert. Ich möchte euch hier nicht meine Meinung kundtun, sondern meine Erlebnisse mit euch teilen. Und so erzähle ich Euch von Milo:

Wenn es für Exit zu spät ist oder wann endet die Lebensqualität

Diese Geschichte ereignete sich im Pflegeheim in dem ich mehrere Jahre arbeitete. Ich arbeitete mit chronisch kranken Menschen, die an einer schweren Erkrankung des Nervensystems litten. Von ihnen habe ich sehr viel gelernt, auch über mich. Der Name des Mannes ist selbstverständlich geändert.

Als Milo zu uns kam, war er noch recht selbständig. Seine Krankheit, war ihm jedoch schon anzusehen. Ich erhob seine Biografie. Auf meine Frage, wie er mit dem Wissen umgegangen sei, dass er die schwere Krankheit seiner Mutter geerbt haben könnte. „Ich habe einfach gelebt.“ war seine Antwort.
Und genau das hat er auch bei uns getan. Gelebt. Und er liess sich von niemandem daran hindern. Auch nicht von mir. Das war die erste Lektion die Milo mir erteilte: Egal wie eingeschränkt er war, er wollte die Verantwortung für sein Leben behalten. Und wenn er auf die Fresse fiel, fiel er eben auf die Fresse. Aber er lebte mit jeder Faser seiner Seele.

Wir sprachen auch über das Sterben. Schon bevor er zu uns kam, trat Milo Exit bei. Er werde fertig machen, wenn sein Leben nicht mehr lebenswert sei. Wann das denn für ihn sei, wollte ich wissen. Wenn er nicht mehr selbst rauchen könne, war die Antwort. Der Tag kam, an dem er seine Zigarette nicht mehr selbst halten konnte. Und er in seiner Kleidung ständig Brandlöcher produzierte. So oft wir konnten, halfen wir Milo, seine geliebte Zigarette zu rauchen. Wir richteten es ein, dass er bestimmt seine Morgenzigarette direkt nach der Körperpflege und Frühstück, sowie nach den Mahlzeiten rauchen konnte. Für Milo war das Lebensqualität und Exit für ihn kein Thema. Solange er noch essen könne, wolle er leben.

Milos Krankheit schritt weiter fort. Das Schlucken wurde für ihn immer schwieriger. Es gelang ihm nicht mehr, genügend Kalorien aufzunehmen. Er wurde immer schwächer. War jetzt der Zeitpunkt gekommen? Würde Milo jetzt nach Exit verlangen? Er diskutierte mit dem Professor, der ihn seit Beginn seiner Krankheit betreute, seine Möglichkeiten. Und entschied sich für eine PEG –Sonde, um so wieder genügend Kalorien aufnehmen zu können. Und nur noch das Schlucken zu müssen, was er wirklich mochte. Vor allem seinen Kaffee.

Eines Morgens, es war noch alles still auf der Wohngruppe, nur Milo war schon auf. Er war immer der Frühaufsteher. Ich hatte ihm schon beim Duschen geholfen und jetzt sass er in seinem Sessel und ich half ihm mit dem Kaffee. An diesem Morgen hatte er besonders Mühe zu schlucken. Immer wieder musste er husten, weil er aspirierte. Und da sagte er es: „Wenn ich den Kaffee nicht mehr trinken kann, dann will ich nicht mehr.“ Ich fragte nach: „Und dann?“ Er sagte nur „Exit.“

Schon bald kam der Tag. Und Milo verlangte danach, mit Exit zu sprechen, auch im Wissen, dass er den Freitod nicht bei uns würde durchführen können (Das Pflegeheim hatte sich schon Jahre davor entschieden, den Freitod mit Exit eines Heimbewohners nicht zu verhindern, jedoch die Räume dafür nicht zur Verfügung zu stellen).

Nun war das Thema auf dem Tisch. Wir besprachen uns im interdisziplinären Team und mit Milo. Auch ihm wurde schnell klar, der Weg mit Exit, war nicht mehr möglich. Er konnte weder ein Glas mit Medikamenten trinken noch eine Infusion selbst starten. Was nun?

Milo hatte schon mehrere Aspirationspneumonien hinter sich. Wir legten mit ihm zusammen fest, dass wir keine Infektion mehr behandeln würden. Er nur noch die Medikamente bekäme, die er benötigte, um sich wohl zu fühlen. Das war in Milos Sinn und er konnte sich mit dieser Vereinbarung einverstanden erklären.

Kurz nach diesem Gespräch bekam Milo hohes Fieber und mochte nicht mehr aufstehen. Ich informierte den Professor und Milos Angehörige. Jetzt war es soweit. Wir begleiteten Milo im Sterben. Jeder von uns Pflegenden kannte Milo sehr gut. Jeder von uns wusste, was er gerne hatte. Wir machten Mundpflege. Natürlich mit Kaffee. Dass er den Geschmack, seines Lieblingsgetränks noch lange wahrnehmen konnte. Während der Körperpflege lief das Radio, der Sender, den er immer hörte.

Nur wenige Tage später tat Milo seinen letzten Atemzug.

Wer definiert Lebensqualität und wie? Sie wird von jedem Menschen selbst definiert und sie verschiebt sich, je nach Lebenssituation. Das war wohl die grösste Lektion, die mir Milo erteilt hat. Dafür nochmals Danke, Milo.

In Liebe und Dankbarkeit


Madame Malevizia

Mittwoch, 23. März 2016

Gedanken zu Brüssel

Im Wald, 23. März 2016

Meine Lieben!
Brüssel. Wieder Terror, wieder Bomben. Wieder die Suche nach Fehlern, die Suche nach den Tätern. Sondersendung über Sondersendung. Ich schalte den Fernseher aus. Mir wird es zuviel. Zuviel Zerstörung, zuviel Grauen, zuviel Hass. Auf beiden Seiten. Das kann ich, weil ich nicht direkt betroffen bin. Aber wenn ich alle diese Gefühle und Bilder in mein Leben hinein lasse, haben die Täter gewonnen.
Nur zu gerne würde ich lieber die starken Gefühle Wut und Hass in mein Herz lassen, als auszuhalten, dass es weint.

Mein Herz weint, um all die Menschen, die sinnlos ihr Leben lassen mussten. Es war zu früh, es war falsch, für sie alle. Mein Herz weint mit ihren Angehörigen, jenen die ihnen nahe standen, die nun ohne sie weiterleben müssen.
Für sie erhebe ich meinen Zauberstab, lasse ihn leuchten. Möge das Licht ihnen Kraft und Trost spenden.


Eure Madame Malevizia

Sonntag, 17. Mai 2015

Schicksalsstunden


Der Blutturm an der Aare war Teil der Stadtbefestigung von Bern. Später wurde er auch Hexenturm genannt. Heute weiss niemand mehr, weshalb der Turm um 1756 erstmals so bezeichnet wurde.
Vielleicht weil damals einige Menschen spürten, dass hinter den Schleiern in jenem Turm eines der mächtigsten magischen Wesen lebte…
Hier haben die Geschehnisse meines Romans Dracheneule ihren Ursprung.
Gehen wir gemeinsam zurück, in jene Zeit und jene schicksalshaften Stunden.

Ihre Trauer, ihr Schmerz erfüllen den Turm, ihr Zuhause, bevor sie selbst in ihm erscheint. Hochgewachsen und schmal steht sie da. Einen Moment schliesst sie ihre Augen, ihr Körper regungslos, in der Hoffnung, der schrecklichen Realität entfliehen zu können. Aber es geling nicht. Ihr blutendes Herz lässt es nicht zu. Vor wenigen Stunden hat sie mit ansehen müssen, wie ihre geliebte Nichte Emillia einem Teil ihrer Selbst beraubt wurde. Claire löst den schwarzen Umhang und lässt ihn zu Boden gleiten. Drunter trägt sie noch immer die violette Robe, die auf ihr magisches Wesen hinweist. Und genau dieses Wesen hat sich neben den Drachen auch in Emilia manifestiert. So wie Claire es vorausgesehen hat. Doch anstatt die Nachfolgerin in ihre Obhut zu geben, hat der Clanführer etwas Unfassbares getan. Noch bevor Claire überhaupt hat begreifen können, was geschieht, hat Dragomir die Eule in Emilia getötet. Grauen überkommt Claire, während sie sich wieder daran erinnert, wie Emilia dabei zu Boden gesunken ist. Hilflos hat Claire sie in den Armen gehalten, mitangesehen und gespürt, wie die Eule in ihrer Nichte verblutete und dann aus ihr entschwand. Zurück geblieben ist eine völlig entkräftete Emilia, die nie heil werden wird. Eine silberne Träne rinnt über Claires Wange. Emilia, blutjung, voller Vertrauen ins Leben, ihrer Zukunft beraubt. Ebenso wie Emilia wurde auch sie, Claire verraten.
Niemals hätte sie geglaubt, dass so etwas geschehen könnte. Ärger flackert in ihr auf, die die Kerzen, die sie jetzt all mit einer Handbewegung entzündet. Dragomir Blackwood, erst seit kurzem Clanführer hat sie und den Clan um ihre Nachfolgerin betrogen. Fassungslos hat sie Dragomir nach seinen Motiven für diese frevlerische Tat gefragt. „Der Clan wird sich nicht mehr länger um die Welt vor den Schleiern kümmern. Die Menschen haben unsere Fürsorge nicht verdient. Also brauchen wir auch keine Eule mehr!“ ist seine kalte Antwort gewesen. Dieser blasierte Schnösel glaubt wirklich, er könne das Schicksal der Clans bestimmen. Das Universum wird sich, was es geschenkt hat, zurücknehmen, sollten die Clans ihre Aufgabe nicht mehr erfüllen. Die Magie in Bernadun wird schwinden und die Schleier fallen. Der Fall der Schleier ist gleichbedeutend mit dem Untergang von Bernadun. Doch zuvor werden beide Clans in ihrer Überheblichkeit furchtbare Frevel an den Seelen vor den Schleiern begehen.
Sie hat die Gräuel gesehen und ihr Wissen auch Dragomir offenbart. Doch dieser hat sie nur gönnerhaft angelächelt. „Du wirst langsam alt, meine Liebe. Dein Blick in die Zukunft ist trüb geworden. Lucius, unser Zeremonienmeister hat gesehen, wie die Clans zu ungeahnter Grösse aufsteigen, wenn sie ihre Macht endlich für sich selbst nutzen. Man möge mir verzeihen, dass ich einem Zeremonienmeister im Vollbesitz seiner Macht in dieser Frage mehr Glauben schenke!“
Tief verletzt von seinen Worten hat Claire daraufhin die Drachenvilla verlassen.
Nun steht sie da, in ihrem Turm und die Erinnerung an seine Worte lassen ihren Zorn auflodern. Ausgerechnet Lucius D’Amatio soll mehr über die Zukunft wissen als sie! Dieser Dilletant, der einzig auf seinen Vorteil bedacht ist. Schamlos nutzt er Dragomirs Unerfahrenheit und Geltungsdrang für seine Zwecke aus.
Sie werden Bernadun in den Abgrund reissen und sie, Claire Selcois, wird dies nicht verhindern können. Aber, dass sie die Clans auch noch in den Schmutz ziehen, wird sie niemals zulassen. Die Schleier werden fallen, früher oder später. Wenn sie diese jetzt niederreisst, werden die Clans wenigstens in Ehre untergehen. Claire streckt ihre Arme in die Luft, hebt ihr Gesicht dem Himmel entgegen. Sie sammelt ihre Kraft von unten, der Erde, mit der sie verbunden ist, und von oben der Weite des Universums, wo es sie hinzieht.
„Nein!“ Es ist die Stimme des Ihren, die sie hört. Es sind seine Arme, die ihre Bewegung aufhalten und so den Kontakt zur Macht unterbrechen, ohne dass er körperlich bei ihr ist. Ihre seelische Bindung reicht aus. „Gabriel, ich kann nicht anders! Sie werden Schande über die Clans bringen! Hat du nicht gesehen, was sie ihnen antun werden?“ Verzweiflung überkommt sie und Schluchzen schüttelt ihren Körper. Er manifestiert sich direkt hinter ihr, hält sie sicher in seinen Armen. „Ich habe es auch gesehen, Liebste. Aber es gibt nicht nur diesen Weg. Hab den Mut und sieh‘ weiter, viel weiter!“ Claire lehnt sich an seinen starken Körper, schliesst die Augen und lässt den Wind der Zeit ihren Geist wegtragen zur Wegkreuzung auf der die Clans heute stehen. Sie wendet sich ab von dem Massaker, das den menschlichen Seelen durch die Clans bevorsteht. Zuerst ist da nur Nebel, doch dann öffnet sich tatsächlich ein anderer Weg. Claire kann kaum etwas von ihm sehen, aber sie geht einfach weiter. Nach einer langen Strecke in Nebel und Dunkelheit erscheint ihr das Bild einer Frau. Einer Frau mit rotblondem lockigem Haar, vor ihr liegt ein schwarzer Wolf, hinter ihr umspannt ein Drache sie schützend mit seinen Flügeln. Auf ihrer Schulter hockt eine Eule. In der Hand hält sie das Lebenslicht der Clans. Es leuchtet nur noch sehr schwach, aber es leuchtet.
Claire fällt zurück in die Gegenwart. „Sie wird wieder kommen. Die Eule wird zurück kehren.“ flüstert Claire. Hoffnung keimt in ihr auf. Vielleicht ist es noch nicht zu spät. Sie kann die Clans nicht retten, die Eule, die sie soeben in der Zukunft gesehen hat, aber schon. „Sie braucht Zeit. Wie kann ich ihr diese verschaffen?“ überlegt sie. Claire weiss, sie hat nicht nur Jahre oder Jahrzehnte in die Zukunft geblickt: Das waren Jahrhunderte. Wie kann sie verhindern, dass die Clans so viel Schuld auf sich laden, dass die Schleier bereits vor der Geburt dieser Eule fallen? „Sie müssen beschäftigt werden, innerhalb der Schleier.“ erklärt Gabriel. Sie müssen abgelenkt werden. Schlagartig ist Claire klar, was sie tun muss. Auch Gabriel weiss es, bevor sie es überhaupt ausspricht. „Ich werde es nicht mit ansehen können.“ sagt sie leise. „Tu es! Noch heute Nacht. Danach werden wir Bernadun verlassen, zusammen mit Emilia. Die Kleine hat schon genug gelitten." Zart streicht Gabriel über ihr schmales Gesicht und verlässt sie.
Was sie tun muss, muss sie alleine tun. Claire streift sich ein dunkles Baumwollkleid über, packt die benötigten Dinge in einen Korb und so wie sie gekommen ist, verlässt sie ihren Turm: Voller Schmerz und Trauer, aber auch zu entschlossen, ihre Aufgabe zu erfüllen.
In jener Vollmondnacht spricht Claire Selcois, die letzte Eule der Clans, den letzten Zauber auf dem gemeinsamen Ritualfeld.

Am nächsten Morgen verliert Dragomir seine magische Kraft und nur wenige Tage später erlischt sein Lebenslicht.