Donnerstag, 9. November 2017

Freie Meinungsäusserung zur Pflegeinitiative, pflegehexerischer Kommentar Teil I




Eine Unterstellung
Es ist einer jener Kommentare, bei denen mir die Luft wegbleibt. Meine Hexenseele kann ihn nicht einfach so stehen lassen.

 „ja klar sie wollen für 60% arbeiten 100% Lohn. Überhaupt haben die keine Ahnung vom arbeiten. Büro sitzen das ist angesagt.“
Ursula Jauch

Es gibt genau zwei Gründe, warum ich während meiner Arbeit sitze. Der eine Grund ist, wenn ich die von mir geleistete Pflege, meine Beobachtungen zu bestimmten Symptomen meiner Patienten, sowie die verabreichten Medikamente dokumentiere. Dies tue ich, damit bei Schichtwechsel meine Kolleginnen bestmöglich informiert sind, damit es den behandelnden Ärzten möglich ist, Diagnosen stellen zu können oder gegebenenfalls die Therapie anzupassen. Ich tue es jedoch auch, damit mein Arbeitgeber die erbrachten Leistungen abrechnen kann und somit sein Geld bekommt.
Der zweite Grund, weshalb ich sitze, sind meine 30min. Pause, die mir gesetzlich zusteht.
Ansonsten bin ich auf den Beinen. Nehme Rücksprache mit Ärzten, Physiotherapeuten, Ernährungsberatungen, überwache Frischoperierte, richte Medikamente, verabreiche Medikamente, verbinde Wunden, setze oder entferne Infusionskanülen, nehme Blutproben ab, bereite Menschen auf ihre Operation vor, beantworte Fragen von besorgten oder aufgebrachten Angehörigen, delegiere Aufgaben an FAGes oder Pflegeassistenten, leite Laborwerte an den Arzt weiter, beurteile den Allgemeinzustand der mir zugeteilten Patienten, bespreche mit den Patienten die Schwerpunkte ihrer Behandlung, erkläre ihnen die verbreichte Medikation, reagiere bei Verschlechterungen, behandle Symptome wie Schmerzen, Übelkeit, Hautveränderungen, Juckreiz, Angst, plane Austritte, involviere weiterbehandelnde Dienste, koordiniere die Transporte von Patienten in Röntgen, CT, MRI, oder in den OP, bereite Patienten auf diese Transporte vor, wechsle Infusionen und Nährlösungen, begleite Menschen bis zum Tod, nehme Angehörige die gerade dabei sind, ihre Liebsten zu verlieren in den Arm, stehe ihnen bei, leide mit ihnen, weine auch mal mit ihnen, leite Lernende an, bereite Verstorbene auf ihren allerletzten Weg vor, verabschiede Patienten die austreten, besorge Medikamente, die nicht auf der Station gelagert sind, hole Patienten von der Überwachungsstation, überprüfe Drainagenflüssigkeiten, leere Drainagenbehälter, mobilisiere Patienten, lege oder entferne Blasenkatheter, unterstütze Patienten bei der Ausscheidung, lege Magensonden. Dies tue ich, in genau dieser Reihenfolge, in beliebiger Reihenfolge mit beliebigen Wiederholungen. Ich tue es täglich, inklusive Wochenenden, Feiertage, in allen Schichten.
Ich habe überhaupt keine Ahnung vom Arbeiten.