Montag, 20. April 2020

Nachrichten von der Pflegebasis V - Respekt



Meine Lieben,
ich bin erschüttert, ob der Respektlosigkeit, die auch in diesen Tagen Pflegenden entgegengebracht wird. Schon während für uns geklatscht wurde, brachten es die hiesigen Medien nicht zustande, die Berufsbezeichnungen korrekt zu benutzen. Von Pflegern und Pflegerinnen war da zu lesen. Eine Ausbildung, die es seit 2001 (oder sogar schon vorher) in der Schweiz gar nicht mehr gibt. Es bedarf keiner grossen Recherche, um herauszufinden, dass die richtige Bezeichnung Pflegefachperson oder Fachperson Gesundheit lautet. Vor allem, wenn sich sogar der Berufsverband die Mühe macht, ein Merkblatt dazu zu verschicken. Ich muss also davon ausgehen, dass es als nicht wichtig erachtet wird, ob die Berufsbezeichnung korrekt ist.
Einige Politikerinnen und Politiker haben damit begonnen, Grussworte an Spitäler zu richten. Eine nette Geste? Ich sehe es eher als den Versuch Pflegende mit Streicheleinheiten ruhig zu stellen. Interessanterweise kommen diese Grussworte nämlich von Politikern, die massgeblich dafür mitverantwortlich sind, dass in unserem Gesundheitswesen gespart wurde bis es nicht mehr ging. Somit haben sie einen Anteil am Lockdown, der nötig wurde, weil die Gesundheitsinstitutionen einer Fallzahl von schweren Verläufen wie in unseren Nachbarländern nicht gewachsen gewesen wären. Diese salbungsvollen Worte fühlen sich an wie das Kopftätscheln bei einem Kleinkind. Überflüssig zu sagen, wie respektlos es ist.
Schon vor Covid -19 war es eine beliebte Taktik, vor allem in bürgerlichen Kreisen praktiziert, aufzuzählen wie gut Pflegende ihre Arbeit doch machen würden, und dann im nächsten Atemzug zu erklären, warum die Politik jedoch nichts dazu beitragen könne, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Zusätzlich wurden fröhlich Vergleiche angestellt, wo es denn noch schlimmer sei (z.B. Deutschland). Jetzt ist eindrucksvoll bewiesen worden, was passiert, wenn wir in diesem Stil weiter machen. Ich habe darum keine Lust mehr, darüber zu diskutieren, ob die Massnahmen, wie sie die Pflegeinitiative definiert, nötig sind. Ich will jetzt darüber reden, wie sie umgesetzt werden. Sich darüber auszutauschen und daran zu arbeiten, wäre ein wahres Zeichen von Respekt.
Ach, ich soll doch nicht zu tun, die Welle sei ja gar nicht gekommen? Dieses Argument lese ich in letzter Zeit häufig. Wisst Ihr was? Wir alle hier in der Deutschschweiz sollten (an wen oder was auch immer wir glauben) auf Knien dafür danken, dass wir womöglich verschont bleiben werden. Obwohl sie ausblieb, haben sich alle Pflegenden darauf vorbereitet, sich noch mehr in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen, als sie es sonst schon tun. Es wurden 12 Stundenschichten geleistet, Teams in andere Teams integriert und nicht wenige haben sich über die Massen exponiert. Das geltende Besuchsverbot hat ebenfalls einen beträchtlichen Mehraufwand ausgelöst. In den Spitälern, sowie in den Pflegeheimen. Dies ist und bleibt eine Leistung, diese jetzt kleinreden zu wollen, ist respektlos.
Ach, Covid-19 ist gar nicht so gefährlich, wird jetzt gesagt. Dazu sind unzählige Studien, Diagramme, Statistiken im Umlauf. Sie sind es in so einer grossen Zahl, dass es schlicht nicht mehr möglich ist, diese auf ihre Korrektheit, ihre Auslegung zu prüfen oder auch nur ansatzweise aussagekräftig interpretieren zu können. In meiner Ausbildung habe ich gelernt, dass ich wissen muss: was war die genaue Fragestellung dieser Statistik? Wie wurde gezählt? Was wurde gezählt oder verglichen? Über welchen Zeitraum wurde gezählt oder getestet. Keines dieser Diagramme, oder Kurven, das zur Zeit in den Medien herumgeistert, kann daraufhin geprüft werden, weil genau diese Angaben fehlen. Genauso verhält es sich mit all diesen Zahlen, die da kursieren. Es sind «füdliblutte» Zahlen, keiner weiss woher sie stammen und wie sie zustande gekommen sind. Als ich letztens mit einer Freundin, die als Pflegefachfrau mit FA Intensivpflege arbeitet, darüber sprach, dass die Meinung herrscht, Covid-19 sei nicht gefährlich, meinte sie nur: «Vielleicht sollten sie das unseren Patienten erklären, die jetzt gerade wegen einer Covid-19 Infektion um ihr Leben kämpfen.» Und genau da sind wir wieder beim Punkt.
«Pflegende sind idiotisch», so lautete die Überschrift eines Linkedin Artikels. Obwohl ich eigentlich nichts lese, bei dem ich schon im Titel dermassen betitelt werde, habe ich diesen überflogen. Es ging darum, dass Pflegende sich (zu) wenig für sich einsetzen. Auch das habe ich schon häufig gehört. Wir sollten doch mal so richtig auf den Tisch hauen. Streiken oder so. Wenn wir es nicht täten, müssten wir uns ja nicht wundern, wenn sich nichts ändert. Ich frage mich, was sich diese Leute eigentlich vorstellen. Wie soll denn das ihrer Meinung nach aussehen? So wie in Italien und Kanada, wo Pflegende einfach weggelaufen sind und ihre Patienten dem Schicksal überlassen haben? Wenn wir es wirklich darauf ankommen lassen sollen, wird das Menschenleben kosten. Die Probleme sind auf dem Tisch, teilweise sogar mögliche Lösungen. Zu sagen, wir reagieren erst darauf, wenn die betreffende Berufsgruppe unserer Meinung nach laut genug schreit ist respektlos!
Wisst Ihr, dieses «Pflegende sind Idioten!», hat mich getroffen. Noch mehr erschüttert hat mich, dass niemand auf diese Beleidigung reagiert hat. Und das ist symptomatisch für unseren Berufsstand. Wir lassen es zu. Viele sind auch jetzt wieder frustriert und resigniert. Sagen «Wir haben gewusst, dass sich auch jetzt nichts ändern wird!» Ja, das stimmt. Denn, wenn wir die Veränderung wollen, müssen wir selbst damit anfangen. Dann müssen wir uns selbst so respektvoll behandeln, wie wir es verdient haben. Dann müssen wir unsere Forderungen formulieren und diese nach Aussen tragen. Dabei dürfen wir kraftvoll sein, auch wenn versucht wird, uns mit Statistiken und Zahlen zu verunsichern. Wir müssen und dürfen uns den Diskussionen stellen, und einfordern, was uns zusteht. Wir haben das Wissen, um mitreden zu können, auch und vor allem in der Politik. Unsere Stimmen gehören in ethischen Fragestellungen gehört und ernst genommen. Wenn wir uns selbst Respekt zollen, fluten wir genau jetzt, Social Media mit unseren Forderungen. Und zwar richtig. Heisst, wir formulieren, was wir wollen und nicht das was wir nicht wollen. Respekt vor sich selbst zu haben, heisst, weder Arbeitgeber noch Politikerinnen und Politiker mit ihren Streicheleinheiten davon kommen zu lassen. Es bedeutet, unbequem zu sein, auch mal zu streiten und unbeliebt zu sein. Ich bin absolut überzeugt, nur so werden wir das bekommen, was wir verdient haben: Respekt für unseren Berufsstand.
Und so stelle ich mich erneut hin und sage: I’m proud, to be a nurse.

Eure Madame Malevizia

Mittwoch, 15. April 2020

Nachrichten von der Pflegebasis IV – Meine Heldinnen und Helden



Meine Lieben,
Ein Wort taucht im Zusammenhang mit der Pflege immer wieder auf: Pflegende werden als Heldinnen und Helden gefeiert, oder zumindest betitelt. Ich selbst tue aber nichts anderes als vor Covid -19. «I’m just a nurse», wie S. Gordon sagt und damit bin ich der Unterschied, immer. Ich empfinde deshalb den Titel «Heldin» als zu gross. Gleichzeitig spüre ich aber, wie wichtig es vielen Menschen ist, uns Pflegende so zu sehen. Damit meine ich nicht die Politikerinnen und Politiker, die uns salbungsvolle Grussbotschaften schicken, um von ihrer eigenen Verantwortung abzulenken. Ich meine jene, die dies wirklich ganz tief empfinden und mit diesem Wort ihre Solidarität und ihre Dankbarkeit auszudrücken versuchen.
Wenn ich also diesen Titel einfach mal so hinnehme, ist mir eines besonders wichtig. Neben und hinter mir stehen meine eigenen Heldinnen und Helden und genau sie möchte ich heute beim Namen nennen.

Als erstes ist da mein gesamtes Team. Wenn ihr das lest, wisst ihr, dass ihr gemeint seid. Es ist mir eine Freude und Ehre mit Euch zusammen nicht nur den Betrieb, sondern auch die Pflegequalität aufrecht zu erhalten. Nicht zum ersten Mal tun wir dies unter schwierigen Bedingungen. Ich bin stolz, dass wir auch diesmal unseren Zusammenhalt und unseren Humor nicht verlieren.

Meine Vorgesetzten. Die Stationsleitung und ihre Stellvertreterin, in alledem sind sie mir als Mitarbeiterin fürsorglich verbunden. Ich bin für sie nicht nur Nurse, sondern auch Mensch.

Die Pflegedienstleitung und ihr Team. Ich kann mir wohl nur ansatzweise vorstellen, was es bedeutet eine ganze Klinik für das, was kommen könnte bereit zu machen. Eindrucksvoll haben sie bewiesen, dass sie dessen fähig sind und führen können. Mit viel Engagement und auch ein bisschen Fantasie sorgen sie dafür, dass wir an der Basis über genügend Schutzmaterial verfügen.

Der Berufsverband SBK, der seit Beginn der Krise mit mir Kontakt hält, meine Fragen klärt, sich mit mir austauscht. Es beruhigt mich zu wissen, dass Pflegende nicht allein gelassen werden und sich auf die Berufsverbände verlassen können.

Mein Mann, der für mich Taxi spielt, einkauft und für mich kocht. Sein analytischer, klarer Geist erdet mich.

Meine Familie, die ich schmerzlich vermisse, die mich mit Telefonaten und Nachrichten unterstützt , mich ermutigt und zum Lachen bringt.

Meine Schwester Désirée, die mit ihren Blogs für Leichtigkeit und Denkanstösse sorgt.

Meine Nachbarshexe Edith, die mit mir Freundschaft lebt. Für immer uf di!

Meine Metamorphosis- und Archetypenkurs – Schwestern, die auch jetzt mit mir meine und ihre Ressourcen stärken. Sie zu sehen und zu spüren tut mir unglaublich gut.

Jede/ jeder Einzelne, die mir Nachrichten schickt, sich mit mir austauscht, schöne Bilder auf Facebook und Status hochlädt und mich so zum Staunen bringt.

Conny, die mich auf einer tiefen spirituellen Ebene stärkt.

Der Musiker Dodo, den ich nicht persönlich kenne, der mir aber mit seinem Dodonnerstag einfach pure Freude schenkt.

Meine Tanzlehrerin Danièle, die sich durch die ganze Technik gekämpft hat, u ihre Kurse nun Online anzubieten. Für mich ist es ein so grosses Geschenk, dass ich einmal in er Woche in den Körper kommen, mich spüren kann und meinem Kopf eine Pause gönnen darf.

Meine Coach, Esther, die gerade jetzt um ihr geschäftliches Überleben kämpft und dennoch steht sie mir mit all ihrem Wissen, Können und ihrer Kraft zur Seite.

Es gibt noch so viele Menschen, die neben und hinter mir stehen, die ich hier nicht erwähne, weil der Bericht sonst viel zu lang wird, ich sehe Euch und das was ihr für mich tut, dessen könnt auch ihr sicher sein. 
Sie alle  sind es, die es mir ermöglichen, «just a nurse» und damit der Unterschied zu sein. Deshalb sind sie meine Heldinnen und Helden.

Danke, dass dir da sit. I fröie mi scho, wenn i öich ds nächste Mal cha i d Arme näh.

Eure Madame Malevizia

Donnerstag, 2. April 2020

Nachrichten aus der Pflegebasis III - Fragen, die gestellt werden müssen



Meine Lieben,

Wie geht es Euch? Ich denke oft an Euch und an all das was Ihr gerade leistet. Meine Gedanken sind bei unseren Kolleginnen und Kollegen im Tessin und der Westschweiz, die mitten im Covid -19 Sturm stehen. Noch ist es bei mir relativ ruhig. Doch Covid – 19 schwebt wie ein Damoklesschwert über uns. Die Patienten, die zur Zeit bei uns hospitalisiert sind, sind schwer krank. Eine Covid – 19 Infektion würde für sie lebensgefährlich werden. Für uns Pflegenden bedeutet das, doppelt so aufmerksam sein und das in einer für uns psychisch und physisch  kräftezehrenden Situation.

Letzte Woche habe ich mehrere Zwölfstunden – Schichten gearbeitet. Körperlich bin ich klar an meine Grenzen gekommen. Jetzt erhole ich mich. Wie alle lese und höre ich viel über Covid – 19. Und obwohl ich versuche, das alles möglichst gut zu filtern, macht mich das alles manchmal einfach nur kirre. So wie heute. Unendlich viel prasselt da auf mich ein. Und immer, wenn es mir zu viel wird, schreibe ich meine Gedanken auf. Einige davon möchte ich mit Euch teilen.

Bereits ruft die erste Partei danach, dass die Massnahmen, um Covid 19 einzudämmen, aufgehoben werden sollen. Der wirtschaftliche Schaden sei sonst zu gross. Man kann das durchaus so sehen. Und die Frage, wieviel können wir unseren Unternehmen noch zumuten, muss gestellt werden. Doch gleichzeitig müssen wir uns vor Augen führen, was der Grund für den Lockdown ist. Unser Gesundheitswesen war bereits vor Covid- 19 so am Anschlag, dass sie die zu erwartende Welle von schweren Verläufen dieser Krankheit nicht hätte kompensieren können. Was das bedeutet hätte, sehen wir bei unserem Nachbarn Italien live und in Farbe. Deshalb muss auch die Frage: Wenn wir die Massnahmen aufheben, kann unser Gesundheitswesen einen Anstieg an Fällen nun verkraften? Ich bin mir nicht sicher ob diese Frage überhaupt beantwortet werden kann. Denn sie zieht auch noch weitere Fragen nach sich. Was wenn wir das jetzt zwar glauben, uns aber irren? Was, wenn wir dann wirklich in einen Engpass kommen? Wer entscheidet dann, wer noch behandelt wird und wer nicht? Ich persönlich möchte diese Entscheidung niemandem zumuten müssen. Doch wenn, dann erwarte ich, dass sich die Politik daran beteiligt und die Verantwortung dafür auch übernimmt.
Viele Fragen, ich weiss, doch wir müssen sie uns stellen, denn auch das ist Solidarität. Es kann nicht sein, dass erneut das Gesundheitswesen im Stich gelassen wird, weil die Wirtschaft stärker gewichtet wird. Es muss beides dieselbe Aufmerksamkeit erhalten. Jetzt und auch wenn alles vorbei ist. Und gerade jene Partei, die jetzt nur die Wirtschaft im Blick hat, muss sich die Frage gefallen lassen, ob eine ausreichende Anzahl von Pflegefachpersonen wirklich nur «nice to have» sind. Und wenn sie schon einmal dabei sind, können sie sich auch gleich fragen, ob sich unser Gesundheitswesen qualitativ wirklich an unseren europäischen Nachbarn orientieren soll.

Ich verbleibe mit den besten Wünschen für Euch alle. Häbet Sorg! 

Eure Madame Malevizia

Montag, 23. März 2020

Nachrichten von der Pflegebasis II – Bleib Zuhause und die Sache mit dem Klatschen





Meine Lieben,

Ich schreibe Euch am Abend bevor ich zu meiner ersten 12 Stunden- Schicht gehe. Letzte Woche habe ich alles daran gesetzt mich selbst zu stabilisieren und zu stärken. Heute habe dann auch noch ein Online – Coaching gemacht. Nun fühle ich mich bestmöglich vorbereitet auf das, was kommen wird.
Viele Nachrichten erreichen mich. Einiges ist auf Social Media zu lesen. Auf zwei Dinge möchte ich hier eingehen.

Die Kampagne «Bleib Zuhause.»
 Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen, als der Bundesrat am Freitag keine absolute Ausgangssperre verhängt hat. Auch wenn ich diesen Schritt durchaus hätte nachvollziehen können, bin ich froh, dass der Bundesrat eine andere Massnahme ergriffen hat. Mir machten die psychischen Auswirkungen auf die Menschen ehrlich Sorgen. Es macht sehr viel mit einem Menschen, wenn er nicht mehr raus darf. Dennoch haben viele bis jetzt nicht kapiert, um was es wirklich geht. Covid- 19 ist kein Witz und ganz bestimmt nicht harmlos, für niemanden. Es gilt, die Welle so gut wie möglich abzuflachen, damit unser Gesundheitswesen zumindest die Chance hat, sie zu bewältigen. Besonders berührt, haben mich die vielen Bilder der jetzt gerade arbeitenden Teams, welche die Bevölkerung inständig bitten, Zuhause zu bleiben. Aus meiner Sicht ist es eine Frage des Respekts, sich jetzt an diese Vorgaben zu halten. Und immer wieder habe ich gedacht, dass es jetzt nicht auch noch Aufgabe der Pflegenden und Ärzte sein kann, eine solche Kampagne zu fahren. Es muss jetzt wirklich alles von ihnen ferngehalten werden, das nicht zu ihrem Kerngeschäft gehört. Umso mehr schätze ich die Challenge, die Alain Berset ins Leben gerufen hat. Danke an alle Promis, die uns auf diese Weise unterstützen.

Das Klatschen
Die Romandie klatscht jede Woche für das Gesundheitspersonal. Letzten Freitag hat auch die Deutschschweiz geklatscht. Viele Videos habe ich gesehen und auch geteilt. Es war richtig laut. Die Resonanz auf das Klatschen ist bei uns Pflegenden unterschiedlich. Für die einen ist es eine Geste, die Kraft und Mut gibt, die anderen finden: «Ihr habt bis jetzt nicht auf uns gehört, jetzt braucht ihr auch nicht zu klatschen!» Ich verstehe beide Seiten und habe auch beide in mir. Auch ich möchte manchmal einfach nur brüllen, ob all der Wut und Enttäuschung, dass wir Pflegenden jetzt eine Suppe auslöffeln, die wir uns nicht selbst eingebrockt haben. Und wir alle haben verdammt nochmal das Recht darauf jetzt verletzt zu sein. Im Wissen, dass Wut viel Energie ist, versuche ich jedoch die möglichst gut umzulenken und zu nutzen. Denn Energie und Kraft ist gerade jetzt ein kostbares Gut. Mir selbst habe ich ein Versprechen gegeben:Sobald der Covid -19 Sturm vorbei ist, werde ich alles daran setzen werde, dass wir nicht noch einmal in eine solche Krise hereinrasen Ich hoffe, nein, ich zähle darauf, dass dann alle die Enttäuschten und Verletzten mit mir sein werden.
Dennoch, oder gerade deshalb finde ich jedoch das Klatschen eine wichtige Geste. Eine Geste, die mir zeigt, wir werden (endlich) gesehen und gehört. Zudem glaube ich, dass das Klatschen nicht nur den Empfängern hilft, sondern auch den Sendern. Wie schlimm muss es sein, nichts tun zu können, ausser Zuhause zu bleiben? Viele würden so gerne helfen, doch sie verfügen nicht über die nötige Qualifikation. Einmal in der Woche klatschen zu können, gibt auch diesen Menschen Kraft und Hoffnung. Und darum wünsche ich mir, dass es nicht aufhört, das Klatschen. Sondern noch über den Sturm hinausgeht. Und dann, wenn es darum geht, das Gesundheitswesen zu stärken, müssen dem Klatschen Taten folgen.
Es gibt noch so vieles, über das ich schreiben möchte. Doch für den Moment schliesse ich diesen Bericht.

In Verbundenheit mit Euch allen verbleibe ich mit den besten Wünschen.

Eure Madame Malevizia

Freitag, 20. März 2020

Sonia – die fokussierte Mentorin



Kurz vor unserem Termin informiert mich Sonia, dass sie wegen eines Unfalls krankgeschrieben sei. Unsere Verabredung will sie auf keinen Fall absagen. «Ich bin froh, wenn ich etwas machen kann.» Und so treffen wir uns am Bahnhof ihres Wohnortes. Sie zu erkennen ist dann auch nicht weiter schwierig. Es ist die, mit der eingegipsten Hand.

Angefangen hat Sonias Weg als Hebamme. Ihr Diplom machte sie 1998. Zuvor war sie nach abgeschlossener KV – Lehre 2 Jahre in der Welt herumgereist. Ihre ersten Berufserfahrungen machte Sonia dann in einem Regionalspital. Es sei eine spezielle Zeit gewesen, meint sie rückblickend. Sie seien eine verschworene Truppe gewesen. Und sie habe vor allem von den älteren Hebammen viel gelernt. Das seien schon ein wenig ihre Heldinnen gewesen. Dieser Respekt und das voneinander lernen hat Sonia in späteren Jahren vermisst. Mit der Umstrukturierung der Ausbildungen wurde Hebamme zum Bachelor – Abschluss.
Für Sonia begann eine ungesunde Konkurrenz. Diese jungen Frauen mit der sogenannt «höheren» Ausbildung liessen sich nur ungern von ihr, der gestandenen Berufsfrau und Praktikerin, etwas sagen. Für Sonia ging immer mehr das verloren, worum es eigentlich geht: Die Menschen.

Als 2016 dann auch noch das Umfeld schwierig wurde und sie sich weder vom Team noch von ihren Vorgesetzten geschätzt oder getragen fühlte, wagte Sonia den Sprung in ein neues Abenteuer. Sie wechselte vom Gebärsaal ins Pflegeheim. Es sei zu Beginn nicht immer einfach gewesen. Langzeitpflege sei eine andere Welt. Einige hätten auch gefragt: «Kannst du das denn überhaupt?» Doch Sonia hat sich durchgebissen. Mit Hilfe der Pflegedienstleitung, die sie von Beginn an unterstützt hat, sowie des Teams, lebte Sonia sich schnell ein. Schon bald kamen ihre Ressourcen zum Tragen. Als Kinästhetik – Peer – Tutorin® fördert sie die Bewohnerinnen und Bewohner in ihrer natürlichen Beweglichkeit. Sonias Augen leuchten, als sie mir von ihren Erfolgen erzählt. Sie nimmt nicht einfach hin, wenn etwas nicht (mehr) geht. Sonia ist überzeugt, dass es sich lohnt, auch ältere Menschen zu fördern, denn Lernen sei ein Leben lang möglich. Auch die 20 Jahre in denen Sonia Hebammen ausbildete, kommen ihr zugute. Gerne nimmt sie Auszubildende oder Frischdiplomierte unter ihre Fittiche und gibt ihr Wissen und ihre Erfahrungen weiter.

Es ist deutlich spürbar: Sonia ist wohl da, wo sie ist. Es ist ihr wichtig, an einem Ort zu arbeiten, wo der ganze Mensch gesehen wird. «Ich möchte nicht einfach nur zur «Hüfte» gehen», erklärt sie mir. Dass sie mit dem hektischen Alltag im Pflegeheim zurechtkommt, hat mit einer speziellen Fähigkeit zu tun. Sonia kann sich fokussieren. «Wenn ich bei einem Bewohner bin, dann blende ich alles aus. Es gibt nur ihn und mich. So können auch nur fünf Minuten sehr wertvoll sein»,

Und was würde aus ihrer Sicht helfen, Pflegende möglichst lange im Beruf zu halten? «Wir müssen als erstes mit dem Konkurrenzdenken aufhören. Jede Ausbildung hat ihren Wert und ihren Platz und jeder kann vom anderen lernen.» Überhaupt müssten wir mehr darauf achten, wie wir uns selbst behandeln und auch behandeln lassen. Als Beispiel nennt sie die Überzeit. Vielerorts muss diese noch extra begründet werden. Für Sonia ein Zeichen des Misstrauens des Kaders, welches grösstenteils ja auch einmal in der Pflege tätig war.
Als Ursache vieler Schwierigkeiten unseres Berufes sieht Sonia dessen Ursprung als Frauenberuf. Dieser Umstand weiche sich nur sehr langsam auf. Ein erster Schritt wäre, wenn zumindest die gesetzlichen Vorgaben überall eingehalten würden. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, jedoch nicht in der Pflege. Ebenfalls müsste sich auch finanziell einiges bewegen. Erfahrungsstufen sowie fachliche Weiterbildungen müssten geachtet und honoriert werden. Auch in den Arbeitszeiten sieht Sonia noch viel Verbesserungspotential. Selten werde da Rücksicht auf Familien genommen. Auch das Pensum sollte reduziert werden. 100% zu arbeiten, erachtet sie als unmöglich. Das gehe zu sehr an die Substanz, da durch die unregelmässige Arbeitszeit sehr lange Arbeitsblöcke mit wenigen freien Tagen resultierten.

Eine, fokussierte Mentorin, erkenne ich in Sonia. Sie ist eine Macherin, nutzt den Rahmen, den sie hat, vollständig aus. Sie nimmt jeden mit und ermöglicht ihm zu lernen und zu wachsen, dabei ist es für sie unwichtig, ob dies der Zivi, die Auszubildende oder eine Bewohnerin/ ein Bewohner ist. Jeder der von ihr lernen will, bekommt von ihr Wissen geschenkt.

Danke, liebe Sonia, für den Nachmittag, an dem ich dich kennen lernen durfte.

Madame Malevizia

Mittwoch, 18. März 2020

Nachrichten von der Pflegebasis - Vorbereiten auf den Covid -19 Sturm



Meine Lieben,

Im Moment laufen vor allem Vorbereitungen auf das, was auf uns zukommen könnte. Die Ausgangslage ist folgende: Es werden in der nächsten Zeit viele schwere Verläufe des Covid – 19 Virus erwartet. Schwere Fälle bedeutet, die Lunge dieser Patienten ist dermassen eingeschränkt, dass sie nicht mehr selbständig atmen können, demzufolge intubiert und intensivmedizinisch betreut werden müssen. Da die personelle Situation in den Gesundheitseinrichtungen bereits über das Mass angespannt ist, würde dies zwangsläufig zum Kollaps führen, wenn nicht jetzt bereits gehandelt wird. Lässt man den Betrieb jetzt einfach normal weiterlaufen, werden irgendwann die Kapazitäten nicht mehr reichen, um alle, die eine Intensivbetreuung benötigen, auch so versorgen zu können. Und da diese Menschen, wenn sie dann wieder selbständig atmen auf den Bettenstationen weiter betreut werden müssen, sind nicht nur die Intensivstationen, sondern eben das ganze Spital betroffen. Viele Spitäler haben bereits diese Woche begonnen, alle geplanten Eingriffe abzusagen, so dies nicht lebensgefährliche Konsequenzen haben könnte.
Die Ressource, auf die es jetzt ankommt, sind Pflegende und Ärzte. Auch diese sind nicht gegen Covid – 19 immun und exponieren sich zusätzlich.
Für viele Pflegenden (auch für mich) bedeutet dies, dass ihre Teams gesplittet werden und absolutes (physisches) Kontaktverbot zwischen den aufgeteilten Teams herrscht. Der Zweck: zu verhindern, dass alle Pflegenden gleichzeitig mit Covid – 19 Infektionen ausfallen. Die Versorgung der Patienten wird alternierend über 7 Tage im 2 Schichtbetrieb (1 Schicht 12 Stunden) aufrechterhalten. 
Pflegende sowie Ärzte haben ein Anrecht darauf, ausreichend geschützt zu werden. Desinfektionsmittel und Schutzmasken sind deshalb ebenfalls von zentraler Bedeutung. Händedesinfektionsmittel müssen jedoch vielerorts eingeschlossen werden, da sonst ganze Wochenbestände wie durch Zauberhand verschwinden. 

Nicht alle Betriebe bereiten sich vor. Und nicht alle Menschen halten sich an die Vorgaben des Bundes. Ich habe gehört, dass sich einige offenbar nicht «zuständig» fühlen. Ey Leute, hakt’s oder was? Nur weil ihr keine Covid- 19 Fälle betreuen werdet, oder nicht zur Risikogruppe gehört, oder es Euch egal ist, wenn Ihr krank werdet, heisst das nicht, dass Ihr euch nicht mit den Hygienemassnahmen, die jetzt so immens wichtig sind, beschäftigen sollt. Covid – 19 ist kein Witz und auch wenn viele Infektionen harmlos verlaufen, die schweren Verläufe sind ein echtes Problem. Und je mehr Angesteckte da draussen herum laufen, desto grösser ist die Chance dass eben auch diese Verläufe sprunghaft steigen. Ich möchte nicht, dass unsere Ärztinnen und Ärzte in die Situation kommen, dass sie selektionieren müssen, wer jetzt noch eine Chance auf Überleben bekommt und wer nicht. Also, bewegt Euch, informiert Euch und übernehmt verdammt noch mal Eure Verantwortung!

Auch ich bereite mich vor. Noch weiss ich nicht, was schwieriger wird. Die Woche Zuhause bleiben, oder die 12 Stunden Schichten. Gerade ist Zuhause bleiben angesagt und ich tue alles, um mich psychisch und physisch zu stärken. Ich habe engen Kontakt mit meiner Coach, die im Moment online alles gibt, um mich, um alle da draussen zu unterstützen. Ich halte Kontakt mit meinen Lieben, damit ich das Verbundenheitsgefühl bewahren kann, welches für mich so wichtig ist. Soviel und so lange wie in den letzten Tagen habe ich schon lange nicht mehr telefoniert.

Als Pflegehexe liegen mir alle Pflegenden am Herzen und ich will mein Möglichstes tun, um sie in dieser Krise zu unterstützen. Noch weiss ich nicht, wie ich die 12 Stundenschichten vertragen, und wie viel Erholungszeit ich selbst benötigen werde, doch ich versichere Euch, ich werde auch weiterhin für Euch da sein, mit Euch meine Gedanken teilen und Hoffnung, Zuversicht, Mut, Fürsorge und Solidarität hochhalten.

Tragt Sorge zu Euch und zueinander.

Ich wünsche Euch Gesundheit, das höchste Gut, das sich keiner kaufen kann.

Eure Madame Malevizia

Freitag, 13. März 2020

Eine pflegehexerische Krisenintervention



Meine Lieben,

jetzt wird es echt hart. Wir alle spüren den Druck, welcher die Corona – Infektion auslöst. Die ohnehin schon prekäre Personalsituation wird dadurch nahezu katastrophal. Wir müssen jetzt mit dem was wir haben da durch. Etwas anderes gibt es nicht. Jede Einzelne und jeder Einzelne von uns hat einmal Ja gesagt zu diesem Beruf. Wir haben zwar keinen hypokratischen Eid geleistet und doch haben auch wir versprochen, dass wir uns um die Menschen, die uns brauchen kümmern werden. Und jetzt brauchen uns die Menschen wirklich. Nicht nur die Infizierten, die wenn sie hospitalisiert sind ums Überleben kämpfen, auch alle anderen brauchen uns. Und sie brauchen uns gesund.

Und darum rufe ich Euch nochmals auf: Tragt Sorge zu Euch und zueinander. Jetzt ist Krisenintervention angesagt. Die Situation ist verschissen, es gibt keinen anderen Weg als den, da durch zu gehen, auch diese Infektion wird vorbei gehen, ein Impfstoff und eine Behandlung wird gefunden. Bis dahin, müssen wir alles für uns und füreinander tun, damit wir so heil wie möglich durch diese Zeit kommen.

Was ich damit meine? Jetzt ist das Hard- Core- Express – Selbstpflegeprogramm angesagt. Wie das aussieht, muss jeder von uns selbst wissen, doch hier ein paar Anregungen dazu:


-        Nimm Dir jede Minute Selbstpflege – Zeit, die Du kriegen kannst. Seien es fünf Minuten auf dem Balkon durchatmen, 1 Minute Katzenvideo schauen, oder das berühmte abendliche Schaumbad. Egal, gib Dir, was Du dir geben kannst.



-        Gönnte Dir «Corona -freie Zeit. Einfach mal eine gewisse Zeit nicht damit beschäftigen. Sei es mit Lesen, Musik hören oder basteln. Einfach noch ein gutes Gegengewicht pflegen.





-        Gib Deinem Körper alles, was ihm (aus Deiner Sicht) gut tut. Seien es Tees, Vitamine  eine Extraportion Schlaf oder frische Luft.



Ihr habt sicher noch viele andere Ideen. Ich weiss, jede Situation ist anders. Und gerade für die Eltern unter uns, wird es noch schwieriger sein, zu sich zu schauen. Und da sind wir beim zweiten Thema. Denn jetzt müssen wir zusammenhalten. Kinder müssen betreut werden, die können nicht einfach in die Gefriertruhe gesteckt werden. Also zeigen wir was Pflege ist, nämlich Solidarität, ganz viel Flexibilität und Kreativität. Nutzen wir diese für die Eltern unter uns.

Es gehört ebenfalls zur Solidarität, dass Zuhause bleibt, wer sich krank fühlt. Es ist der beste Weg, um die Kolleginnen und Kollegen vor Ansteckung zu schützen und so den Betrieb weiter aufrecht erhalten zu können. Alles andere wäre von Euch und auch von den Betrieben fahrlässig.  

Das alles ist viel verlangt, ich weiss. Und ich glaube an uns alle, dass wir alles aus uns herausholen, um diese Situation zu meistern. Wir werden nicht die beste Pflege aller Zeiten bieten können. Das Motto muss sein: «Es ist gut, wenn am Schluss, alles noch atmet.» Ich weiss, unsere Ansprüche an uns sind normalerweise höher. Bedenkt jedoch, wir sind in einer Ausnahmesituation. Macht es Euch nicht noch schwerer, indem ihr Euch einen Perfektionismus auferlegt, den Ihr absolut nicht erfüllen könnt.

Wie ich schon mehrmals betont habe, wie jede Krise, wird auch diese vorbei gehen. Und dann werden wir:


1.     FEIERN! Und zwar so was von! Wir werden feiern, was wir geleistet haben, das Leben und wir werden es verdammt noch mal verdient haben!



2.     Nach der Krise folgt die Analyse. Und die Corona – Krise bedarf einer genauen Analyse auf Gesundheitspolitischer Ebene. Ich bin dafür, dass wir uns dann mit unseren Berufsverbänden (SBK/VPOD/UNIA) austauschen und dann unsere Forderungen stellen. Denn noch einmal kann es sich die Schweiz nicht leisten in eine solche Krise zu geraten.






Zum Schluss wünsche ich Euch allen Gesundheit, sie ist (gerade jetzt) das höchste Gut, dass sich keiner kaufen kann.



Eure Madame Malevizia