Freitag, 20. März 2020

Sonia – die fokussierte Mentorin



Kurz vor unserem Termin informiert mich Sonia, dass sie wegen eines Unfalls krankgeschrieben sei. Unsere Verabredung will sie auf keinen Fall absagen. «Ich bin froh, wenn ich etwas machen kann.» Und so treffen wir uns am Bahnhof ihres Wohnortes. Sie zu erkennen ist dann auch nicht weiter schwierig. Es ist die, mit der eingegipsten Hand.

Angefangen hat Sonias Weg als Hebamme. Ihr Diplom machte sie 1998. Zuvor war sie nach abgeschlossener KV – Lehre 2 Jahre in der Welt herumgereist. Ihre ersten Berufserfahrungen machte Sonia dann in einem Regionalspital. Es sei eine spezielle Zeit gewesen, meint sie rückblickend. Sie seien eine verschworene Truppe gewesen. Und sie habe vor allem von den älteren Hebammen viel gelernt. Das seien schon ein wenig ihre Heldinnen gewesen. Dieser Respekt und das voneinander lernen hat Sonia in späteren Jahren vermisst. Mit der Umstrukturierung der Ausbildungen wurde Hebamme zum Bachelor – Abschluss.
Für Sonia begann eine ungesunde Konkurrenz. Diese jungen Frauen mit der sogenannt «höheren» Ausbildung liessen sich nur ungern von ihr, der gestandenen Berufsfrau und Praktikerin, etwas sagen. Für Sonia ging immer mehr das verloren, worum es eigentlich geht: Die Menschen.

Als 2016 dann auch noch das Umfeld schwierig wurde und sie sich weder vom Team noch von ihren Vorgesetzten geschätzt oder getragen fühlte, wagte Sonia den Sprung in ein neues Abenteuer. Sie wechselte vom Gebärsaal ins Pflegeheim. Es sei zu Beginn nicht immer einfach gewesen. Langzeitpflege sei eine andere Welt. Einige hätten auch gefragt: «Kannst du das denn überhaupt?» Doch Sonia hat sich durchgebissen. Mit Hilfe der Pflegedienstleitung, die sie von Beginn an unterstützt hat, sowie des Teams, lebte Sonia sich schnell ein. Schon bald kamen ihre Ressourcen zum Tragen. Als Kinästhetik – Peer – Tutorin® fördert sie die Bewohnerinnen und Bewohner in ihrer natürlichen Beweglichkeit. Sonias Augen leuchten, als sie mir von ihren Erfolgen erzählt. Sie nimmt nicht einfach hin, wenn etwas nicht (mehr) geht. Sonia ist überzeugt, dass es sich lohnt, auch ältere Menschen zu fördern, denn Lernen sei ein Leben lang möglich. Auch die 20 Jahre in denen Sonia Hebammen ausbildete, kommen ihr zugute. Gerne nimmt sie Auszubildende oder Frischdiplomierte unter ihre Fittiche und gibt ihr Wissen und ihre Erfahrungen weiter.

Es ist deutlich spürbar: Sonia ist wohl da, wo sie ist. Es ist ihr wichtig, an einem Ort zu arbeiten, wo der ganze Mensch gesehen wird. «Ich möchte nicht einfach nur zur «Hüfte» gehen», erklärt sie mir. Dass sie mit dem hektischen Alltag im Pflegeheim zurechtkommt, hat mit einer speziellen Fähigkeit zu tun. Sonia kann sich fokussieren. «Wenn ich bei einem Bewohner bin, dann blende ich alles aus. Es gibt nur ihn und mich. So können auch nur fünf Minuten sehr wertvoll sein»,

Und was würde aus ihrer Sicht helfen, Pflegende möglichst lange im Beruf zu halten? «Wir müssen als erstes mit dem Konkurrenzdenken aufhören. Jede Ausbildung hat ihren Wert und ihren Platz und jeder kann vom anderen lernen.» Überhaupt müssten wir mehr darauf achten, wie wir uns selbst behandeln und auch behandeln lassen. Als Beispiel nennt sie die Überzeit. Vielerorts muss diese noch extra begründet werden. Für Sonia ein Zeichen des Misstrauens des Kaders, welches grösstenteils ja auch einmal in der Pflege tätig war.
Als Ursache vieler Schwierigkeiten unseres Berufes sieht Sonia dessen Ursprung als Frauenberuf. Dieser Umstand weiche sich nur sehr langsam auf. Ein erster Schritt wäre, wenn zumindest die gesetzlichen Vorgaben überall eingehalten würden. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, jedoch nicht in der Pflege. Ebenfalls müsste sich auch finanziell einiges bewegen. Erfahrungsstufen sowie fachliche Weiterbildungen müssten geachtet und honoriert werden. Auch in den Arbeitszeiten sieht Sonia noch viel Verbesserungspotential. Selten werde da Rücksicht auf Familien genommen. Auch das Pensum sollte reduziert werden. 100% zu arbeiten, erachtet sie als unmöglich. Das gehe zu sehr an die Substanz, da durch die unregelmässige Arbeitszeit sehr lange Arbeitsblöcke mit wenigen freien Tagen resultierten.

Eine, fokussierte Mentorin, erkenne ich in Sonia. Sie ist eine Macherin, nutzt den Rahmen, den sie hat, vollständig aus. Sie nimmt jeden mit und ermöglicht ihm zu lernen und zu wachsen, dabei ist es für sie unwichtig, ob dies der Zivi, die Auszubildende oder eine Bewohnerin/ ein Bewohner ist. Jeder der von ihr lernen will, bekommt von ihr Wissen geschenkt.

Danke, liebe Sonia, für den Nachmittag, an dem ich dich kennen lernen durfte.

Madame Malevizia

Mittwoch, 18. März 2020

Nachrichten von der Pflegebasis - Vorbereiten auf den Covid -19 Sturm



Meine Lieben,

Im Moment laufen vor allem Vorbereitungen auf das, was auf uns zukommen könnte. Die Ausgangslage ist folgende: Es werden in der nächsten Zeit viele schwere Verläufe des Covid – 19 Virus erwartet. Schwere Fälle bedeutet, die Lunge dieser Patienten ist dermassen eingeschränkt, dass sie nicht mehr selbständig atmen können, demzufolge intubiert und intensivmedizinisch betreut werden müssen. Da die personelle Situation in den Gesundheitseinrichtungen bereits über das Mass angespannt ist, würde dies zwangsläufig zum Kollaps führen, wenn nicht jetzt bereits gehandelt wird. Lässt man den Betrieb jetzt einfach normal weiterlaufen, werden irgendwann die Kapazitäten nicht mehr reichen, um alle, die eine Intensivbetreuung benötigen, auch so versorgen zu können. Und da diese Menschen, wenn sie dann wieder selbständig atmen auf den Bettenstationen weiter betreut werden müssen, sind nicht nur die Intensivstationen, sondern eben das ganze Spital betroffen. Viele Spitäler haben bereits diese Woche begonnen, alle geplanten Eingriffe abzusagen, so dies nicht lebensgefährliche Konsequenzen haben könnte.
Die Ressource, auf die es jetzt ankommt, sind Pflegende und Ärzte. Auch diese sind nicht gegen Covid – 19 immun und exponieren sich zusätzlich.
Für viele Pflegenden (auch für mich) bedeutet dies, dass ihre Teams gesplittet werden und absolutes (physisches) Kontaktverbot zwischen den aufgeteilten Teams herrscht. Der Zweck: zu verhindern, dass alle Pflegenden gleichzeitig mit Covid – 19 Infektionen ausfallen. Die Versorgung der Patienten wird alternierend über 7 Tage im 2 Schichtbetrieb (1 Schicht 12 Stunden) aufrechterhalten. 
Pflegende sowie Ärzte haben ein Anrecht darauf, ausreichend geschützt zu werden. Desinfektionsmittel und Schutzmasken sind deshalb ebenfalls von zentraler Bedeutung. Händedesinfektionsmittel müssen jedoch vielerorts eingeschlossen werden, da sonst ganze Wochenbestände wie durch Zauberhand verschwinden. 

Nicht alle Betriebe bereiten sich vor. Und nicht alle Menschen halten sich an die Vorgaben des Bundes. Ich habe gehört, dass sich einige offenbar nicht «zuständig» fühlen. Ey Leute, hakt’s oder was? Nur weil ihr keine Covid- 19 Fälle betreuen werdet, oder nicht zur Risikogruppe gehört, oder es Euch egal ist, wenn Ihr krank werdet, heisst das nicht, dass Ihr euch nicht mit den Hygienemassnahmen, die jetzt so immens wichtig sind, beschäftigen sollt. Covid – 19 ist kein Witz und auch wenn viele Infektionen harmlos verlaufen, die schweren Verläufe sind ein echtes Problem. Und je mehr Angesteckte da draussen herum laufen, desto grösser ist die Chance dass eben auch diese Verläufe sprunghaft steigen. Ich möchte nicht, dass unsere Ärztinnen und Ärzte in die Situation kommen, dass sie selektionieren müssen, wer jetzt noch eine Chance auf Überleben bekommt und wer nicht. Also, bewegt Euch, informiert Euch und übernehmt verdammt noch mal Eure Verantwortung!

Auch ich bereite mich vor. Noch weiss ich nicht, was schwieriger wird. Die Woche Zuhause bleiben, oder die 12 Stunden Schichten. Gerade ist Zuhause bleiben angesagt und ich tue alles, um mich psychisch und physisch zu stärken. Ich habe engen Kontakt mit meiner Coach, die im Moment online alles gibt, um mich, um alle da draussen zu unterstützen. Ich halte Kontakt mit meinen Lieben, damit ich das Verbundenheitsgefühl bewahren kann, welches für mich so wichtig ist. Soviel und so lange wie in den letzten Tagen habe ich schon lange nicht mehr telefoniert.

Als Pflegehexe liegen mir alle Pflegenden am Herzen und ich will mein Möglichstes tun, um sie in dieser Krise zu unterstützen. Noch weiss ich nicht, wie ich die 12 Stundenschichten vertragen, und wie viel Erholungszeit ich selbst benötigen werde, doch ich versichere Euch, ich werde auch weiterhin für Euch da sein, mit Euch meine Gedanken teilen und Hoffnung, Zuversicht, Mut, Fürsorge und Solidarität hochhalten.

Tragt Sorge zu Euch und zueinander.

Ich wünsche Euch Gesundheit, das höchste Gut, das sich keiner kaufen kann.

Eure Madame Malevizia

Freitag, 13. März 2020

Eine pflegehexerische Krisenintervention



Meine Lieben,

jetzt wird es echt hart. Wir alle spüren den Druck, welcher die Corona – Infektion auslöst. Die ohnehin schon prekäre Personalsituation wird dadurch nahezu katastrophal. Wir müssen jetzt mit dem was wir haben da durch. Etwas anderes gibt es nicht. Jede Einzelne und jeder Einzelne von uns hat einmal Ja gesagt zu diesem Beruf. Wir haben zwar keinen hypokratischen Eid geleistet und doch haben auch wir versprochen, dass wir uns um die Menschen, die uns brauchen kümmern werden. Und jetzt brauchen uns die Menschen wirklich. Nicht nur die Infizierten, die wenn sie hospitalisiert sind ums Überleben kämpfen, auch alle anderen brauchen uns. Und sie brauchen uns gesund.

Und darum rufe ich Euch nochmals auf: Tragt Sorge zu Euch und zueinander. Jetzt ist Krisenintervention angesagt. Die Situation ist verschissen, es gibt keinen anderen Weg als den, da durch zu gehen, auch diese Infektion wird vorbei gehen, ein Impfstoff und eine Behandlung wird gefunden. Bis dahin, müssen wir alles für uns und füreinander tun, damit wir so heil wie möglich durch diese Zeit kommen.

Was ich damit meine? Jetzt ist das Hard- Core- Express – Selbstpflegeprogramm angesagt. Wie das aussieht, muss jeder von uns selbst wissen, doch hier ein paar Anregungen dazu:


-        Nimm Dir jede Minute Selbstpflege – Zeit, die Du kriegen kannst. Seien es fünf Minuten auf dem Balkon durchatmen, 1 Minute Katzenvideo schauen, oder das berühmte abendliche Schaumbad. Egal, gib Dir, was Du dir geben kannst.



-        Gönnte Dir «Corona -freie Zeit. Einfach mal eine gewisse Zeit nicht damit beschäftigen. Sei es mit Lesen, Musik hören oder basteln. Einfach noch ein gutes Gegengewicht pflegen.





-        Gib Deinem Körper alles, was ihm (aus Deiner Sicht) gut tut. Seien es Tees, Vitamine  eine Extraportion Schlaf oder frische Luft.



Ihr habt sicher noch viele andere Ideen. Ich weiss, jede Situation ist anders. Und gerade für die Eltern unter uns, wird es noch schwieriger sein, zu sich zu schauen. Und da sind wir beim zweiten Thema. Denn jetzt müssen wir zusammenhalten. Kinder müssen betreut werden, die können nicht einfach in die Gefriertruhe gesteckt werden. Also zeigen wir was Pflege ist, nämlich Solidarität, ganz viel Flexibilität und Kreativität. Nutzen wir diese für die Eltern unter uns.

Es gehört ebenfalls zur Solidarität, dass Zuhause bleibt, wer sich krank fühlt. Es ist der beste Weg, um die Kolleginnen und Kollegen vor Ansteckung zu schützen und so den Betrieb weiter aufrecht erhalten zu können. Alles andere wäre von Euch und auch von den Betrieben fahrlässig.  

Das alles ist viel verlangt, ich weiss. Und ich glaube an uns alle, dass wir alles aus uns herausholen, um diese Situation zu meistern. Wir werden nicht die beste Pflege aller Zeiten bieten können. Das Motto muss sein: «Es ist gut, wenn am Schluss, alles noch atmet.» Ich weiss, unsere Ansprüche an uns sind normalerweise höher. Bedenkt jedoch, wir sind in einer Ausnahmesituation. Macht es Euch nicht noch schwerer, indem ihr Euch einen Perfektionismus auferlegt, den Ihr absolut nicht erfüllen könnt.

Wie ich schon mehrmals betont habe, wie jede Krise, wird auch diese vorbei gehen. Und dann werden wir:


1.     FEIERN! Und zwar so was von! Wir werden feiern, was wir geleistet haben, das Leben und wir werden es verdammt noch mal verdient haben!



2.     Nach der Krise folgt die Analyse. Und die Corona – Krise bedarf einer genauen Analyse auf Gesundheitspolitischer Ebene. Ich bin dafür, dass wir uns dann mit unseren Berufsverbänden (SBK/VPOD/UNIA) austauschen und dann unsere Forderungen stellen. Denn noch einmal kann es sich die Schweiz nicht leisten in eine solche Krise zu geraten.






Zum Schluss wünsche ich Euch allen Gesundheit, sie ist (gerade jetzt) das höchste Gut, dass sich keiner kaufen kann.



Eure Madame Malevizia

Dienstag, 10. März 2020

Sibylle - ein fürsorgliches Mutterherz


Es fühlt sich ein wenig an, wie ein Blind Date, als ich an diesem Februarnachmittag aus dem Zug steige. Auch Sibylle hat ähnliche Gedanken. Später gesteht sie mir, dass sie kurz bevor wir uns gefunden haben, es durchaus als Option sah, einfach abzuhauen. Doch dann treffen wir aufeinander und es passiert, was fast immer passiert, wenn ich auf Berufskolleginnen treffe: Wir erkennen uns, als vom gleichen Clan. Und so stecken wir schon auf dem Weg ins Café mitten in einem angeregten Austausch über unsere Leben.

Dass Sibylle Pflegefachfrau wurde, war nicht geplant. Sibylle war gerne Schülerin, das Lernen fiel ihr leicht. Mit 16 Jahren machte sie ihr erstes Praktikum in einem Spital. Als sie dann die Kantonsschule besuchte, absolvierte sie während der Schulferien weitere Praktika. Ab da war für Sibylle klar, dass sie in die Pflege wollte. Dass es dann eine Ausbildung zur Krankenschwester KWS (Kinder/Wochenbett/ Säuglinge) wurde, war eher wieder Zufall. Sie machte die Eignungsprüfung für die Schule am Kinderspital. Und entgegen ihrer Erwartungen wurde sie angenommen. Mit einem Schmunzeln erzählt sie mir, sie sei damals gefragt worden, ob sie technisch begabt sei. Diese Frage habe sie verneinen müssen. Heute reiche ihr technisches Geschick jedenfalls, um die Gerätschaften mit denen sie hantieren muss, zu bedienen. Sibylle absolvierte also die dreijährige Ausbildung. Diese sei vielseitig gewesen und sie habe da schon viel erlebt. Danach arbeitete sie auf der Gynäkologie und im Gebärsaal, eigentlich mit der Option, baldmöglichst zu den Kindern wechseln zu dürfen. Als sie immer wieder vertröstet wurde, wechselte Sibylle den Arbeitgeber. Seitdem arbeitet sie in einem Kinderspital. Zuerst auf den Bettenstationen, seit 2000 auf dem Kindernotfall.

Sibylle liebt ihren Beruf, doch auch sie hat ihre Krisen erlebt und ihr Tun hinterfragt. Als sie 2014 spürte, dass sie die Geduld nicht mehr hatte - vor allem die fordernden Eltern setzten ihr zu - bat sie um ein Time out. So machte sie dann drei Monate Bettendisposition und nahm drei Monate unbezahlten Urlaub. In dieser Zeit geschah das, was immer passiert, wenn sie länger von ihrer Arbeit und vor allem vom Bett weg ist. Sie vermisste «es». Sie vermisste das Team, die Patienten und auch die Eltern, die sie nun auch wieder als das sehen konnte, was sie waren: verängstigt, überfordert. Seitdem ist es für Sibylle nie mehr zur Debatte gestanden das «Bett» - oder wie ich sage, die Front - wieder zu verlassen. Dafür hat Sibylle verschiedene Gründe:
Das Team ist für sie zentral. Ein interdisziplinäres Team, dass zusammenhält und sich dann, wenn es wirklich abgeht, gegenseitig unterstützt, ist aus ihrer Sicht auf dem Kindernotfall unabdingbar.

Auch ihr Arbeitgeber trägt viel dazu bei, dass Sibylle gesund bleiben und ihre Arbeit mit vollem Einsatz machen kann. So konnte Sibylle nach ihren Mutterschaftsurlauben immer im tiefen Pensum wieder einsteigen. Auch erlebt sie auf verschiedenen Ebenen grosse Wertschätzung. Für sie sind es die kleinen Dinge, in denen sich diese zeigt. In der Offenheit und Transparenz mit welcher Vorgesetzte kommunizieren, in dem einfachen «Danke» nach der Schicht. Im Nachfragen, wie es ihr denn gehe. Nach belastenden Situationen wird ein Debriefing gemacht und das Care - Team steht jedem zur Verfügung, der Bedarf hat.

Sibylle ist der Überzeugung, dass auch die Persönlichkeitsstruktur wichtig ist, um in diesem so anspruchsvollen Beruf zu bestehen. «Es braucht ein starkes Gegengewicht. Nur für das Spital zu leben ist nicht gesund», sagt sie. Dieses Gegengewicht hat Sibylle. An erster Stelle kommen da ihre Kinder, dicht gefolgt von ihren zwei Pferden. Überhaupt ist Sibylle ein aktiver Mensch, ist gerne draussen in der Natur. Aber auch das Wissen «Ich muss nicht, ich darf» hilft ihr.

Mit diesem starken Gegengewicht konnte Sibylle sich ihre Persönlichkeit bewahren. Sie hat sich ihre Emotionalität nicht nehmen lassen und sieht diese inzwischen auch als Stärke. Es geht nicht spurlos an ihr vorbei, wenn ein Kind im Schockraum stirbt oder ein Kind die Diagnose Krebs erhält. Manchmal weint sie dann auch mit den Eltern, die gerade auf brutale Weise ihr Kind verloren haben oder vor einem langen beschwerlichen Weg stehen. «Zuhause muss ich dann meine beiden Kinder in den Arm nehmen, voller Dankbarkeit, dass sie gesund und munter bei mir sind.» Sibylle will sich nicht einfach mit den Gegebenheiten abfinden. Sie will etwas tun. Als eine Mutter, deren Kind aspirierte fragte, warum man das, was man im Alltag mit Kindern wirklich brauche, nicht im Nothelferkurs lerne, haben sich Sibylle und eine Kollegin gesagt: «Das können wir machen.» Sie gründeten „Erste Hilfe im Kinderzimmer.ch“. Damit traten sie in eine Marktlücke. Inzwischen geben sie viele Kurse in Schulen, Kinderkrippen, Arztpraxen und auch direkt bei Familien zuhause.
In Sibylle erkenne ich ein fürsorgliches Mutterherz, dass nicht nur für ihre Patienten und deren Angehörigen schlägt, sondern auch für ihre Arbeitskolleginnen und Kollegen. Und als ich sie frage, was sie tun würde, um die Verweildauer von Pflegenden am Bett zu erhöhen, muss sie nicht lange nachdenken.

«Das Wichtigste ist ein guter Ausgleich, egal was, Hauptsache etwas, das den Fokus auf etwas anderes lenkt und bei dem aufgetankt werden kann. Um das zu ermöglichen, muss das Arbeitspensum angepasst werden. 100% zu arbeiten verunmöglicht die Selbstpflege, respektive verhindert, ein wirksames Gegengewicht zu pflegen.» Ebenfalls ist es aus ihrer Sicht unabdingbar fürsorglich mit sich selbst umzugehen. Die eigenen Grenzen zu kennen und diese auch zu setzen. Das bedeute, auch mal Nein  zu sagen. Als Teammensch sieht sie auch dort viel Potential. Sie legt viel Wert auf einen Umgang auf Augenhöhe, auf das Arbeiten Hand in Hand und die Anerkennung der verschiedenen Berufsgruppen. «Nur gemeinsam sind wir stark und können die hohen Anforderungen unseres Alltags meistern.»

Danke, liebe Sibylle, dass Du mir Dein fürsorgliches Mutterherz geöffnet hast. 

Madame Malevizia


Samstag, 28. Dezember 2019

Chli Händli häbe




Es brauche keine Ausbildung um einer 90 jährigen das Händchen zu halten. So oder so ähnlich soll es eine Politikerin gesagt haben, als es um die Pflegeinitiative ging.

Dieser Ausspruch hat mich getroffen. Persönlich. Zeigt es doch, wie wenig die Leute da draussen über das, was Pflegende tun, wissen. Wie wenig Empathie sie Pflegenden entgegen bringen. Empathie, von der sie glauben, dass sie Pflegenden angeboren ist. Diese Empathie, das sich in andere Einfühlen können, bedingt jedoch, dass Pflegende zumindest eine Ahnung haben, was beim Gegenüber gerade passiert. Die Not eines von Depressionen betroffenen Menschen kann nur ansatzweise nachvollzogen, wenn Pflegende über das Fachwissen zum Thema Depression verfügen.

Dieses «chli Händli häbe» steht für mich jedoch auch noch für etwas anderes. Nämlich für das, was nicht messbar und somit auch nicht belegbar und nicht bezahlbar ist. Ich halte oder berühre nämlich tatsächlich Hände.

Immer wenn ich an das Bett einer Person trete, deren Bewusstsein langfristig oder auch kurzfristig beeinträchtigt ist, berühre ich als erstes ihre Hand. So trete ich ohne Worte mit ihr in Kontakt. Zeige, ihr, dass ich da bin. Ich kann ihr so auch ankündigen, dass ich gleich etwas an ihr tun werde. Ich mache das nicht instinktiv, sondern weil ich es gelernt habe. Basale Stimulation heisst das Konzept.

Ich halte die Hand eines Menschen bei einer schmerzhaften Intervention. Zum einen, damit er fühlt, dass er da nicht allein hindurch muss, zum anderen, dass er diese drücken kann, wenn der Schmerz zu gross wird. Ich tue das, während ich meiner Kollegin bei der Intervention assistiere. Ich mache es also zusätzlich, während mein Fachwissen gefragt ist, um meine Kollegin zu unterstützen.

Ich halte Hände während einer akuten psychischen Krise. Ich halte die Hand, um Kontakt herzustellen zu einem Menschen in grösster Not. In solchen Momenten kann es durchaus um Leben und Tod gehen. Ich höre zu und stelle gezielte Fragen, um daraus geeignete Interventionen abzuleiten.

Und ich halte imaginäre Hände. Es sind die Hände jener Patientinnen und Patienten, die auf der Intensivstation um ihr Leben kämpfen. Es sind die Hände von Angehörigen, die sich um ihre Liebsten sorgen oder sie verloren haben. Meine Gedanken sind bei ihnen und ich hoffe ihnen so etwas Beistand zu leisten. Das habe ich nicht gelernt, aber meine Berufs- und meine Lebenserfahrung lassen mich das tun.

Für jede Art des Händchen – Haltens werde ich nicht bezahlt, jedenfalls nicht materiell. Doch jede dieser Arten macht aus mir eine Pflegefachfrau. Und genau deshalb lasse ich es mir nicht nehmen, das «Händli häbe». 


Eure Madame Malevizia

Freitag, 11. Oktober 2019

Die Dinge beim Namen nennen




Meine Lieben,


Ich bin über eine Diskussion gestolpert. Sie wird gerade im Heft «Krankenpflege» geführt. Es geht dabei um die Schattenseiten der Pflege und darum ob «jammern» hilfreich ist.
Zuerst muss ich sagen, dass ich mit dem Wort «jammern» so meine liebe Mühe habe. In Diskussionen erlebe ich den Vorwurf des Jammerns als Gesprächskiller. Das Gegenüber fühlt sich angegriffen und hat nur noch die Möglichkeit, sich entweder zurück zu ziehen, oder anzugreifen. Bevor ich also selbst Stellung beziehe, möchte ich zuerst die Begrifflichkeiten klären.
Unter Jammern verstehe ich die Haltung: «Alles ist Scheisse, ich bin das Opfer und ich kann nichts daran ändern.» Es ist ein sich hinlegen, alle viere von sich strecken und warten bis man/frau gepampert und einem die Flasche gegeben wird.
Professionell ausgedrückt: Jammern hat für mich viel mit erlernter Hilflosigkeit zu tun. Dieses Verhalten empfinde ich als lähmend und für die Probleme mit denen Pflegende zu kämpfen haben, nicht sinnvoll.

Wo Licht ist, ist auch Schatten. Nur über das Licht unseres Berufes zu sprechen, wäre eine Verzerrung der Realität. Und ebenso ungesund wie das Jammern. Es muss möglich sein, die Dinge beim Namen zu nennen. Und so wie es im Moment ist, läuft im Gesundheitswesen einiges schief. Wir Pflegenden baden da so einiges aus. Darüber müssen wir sprechen. Damit wir gehört werden und auch Teil einer Lösung sein zu können, müssen wir das laut und gezielt tun.
Ich bin also dafür, die Dinge beim Namen zu nennen. Manchmal sorgt dies schon für jene emotionale Entlastung die nötig ist, um weiter machen zu können. Zu merken, dass ich mit meinen Schwierigkeiten nicht alleine bin, kann sehr viel Kraft geben. Es kann innere Zweifel zum Verstummen bringen, zu erfahren, dass man/frau sich nicht einfach «dumm» anstellt, sondern die Probleme auch andere belasten.
Viele der Schwierigkeiten in der Pflege sind durch politische Entscheidungen zu verantworten und auch dort zu lösen. Um die Politik in Bewegung zu bringen braucht es Druck. Und diesen werden wir nur aufbauen können, wenn wir die Schattenseiten unseres Berufes öffentlich machen.
Die Dinge beim Namen zu nennen ist ein Anfang, doch wenn wir das tun, müssen wir weiter gehen. Jeder einzelne von uns, genau da wo wir jetzt gerade stehen. Ein wichtiger Punkt ist dabei, sich jenen Arbeitsbereich und Arbeitgeber zu suchen, dessen Haltung und Umsetzung dieser, die betreffende Pflegende leben kann. Bei einem so trockenen Markt bei den Fachkräften können Pflegende sich das leisten. Und damit geben sie auch ein wichtiges Signal an die Arbeitgeber, da so jene Fachkräfte rekrutieren können, die auch in die Pflegenden investieren.
Auch die Missstände am eigenen Arbeitsbereich anzusprechen und sich für Lösungen einzusetzen, wirkt der Hilflosigkeit entgegen. Das fordert bisweilen auch Kraft und Durchsetzungsvermögen. Es wird jedoch niemals so lähmend sein, wie alles widerspruchslos mit sich geschehen zu lassen.
Sich gewerkschaftlich und/oder politisch engagieren ist ebenfalls eine Möglichkeit die Zukunft der Pflege positiv zu gestalten.
Was auch immer Ihr tut, ich danke Euch schon jetzt dafür, dass Ihr Euch mit mir zusammen, für ein menschliches Gesundheitswesen einsetzt.

Eure Madame Malevizia

Sonntag, 18. August 2019

Die Argumente der Gegner - oder der gesunde Menschenverstand




Meine Lieben,

Mein heutiger Blog richtet sich an die Gegner der Pflegeinitiative und oder den Indirekten Gegenvorschlag, welcher schon bald im Parlament diskutiert werden wird. Ich habe mich mit ihren Argumenten befasst und es ist mir wichtig hier Stellung zu nehmen, damit auch Ihr Euch darüber Gedanken machen und auf diese entsprechend reagieren könnt. Dabei werde ich mich immer wieder auf ein Communiqué der Santésuisse beziehen, welches mich zu diesem Blog veranlasst. 


Der Sonderstatus

Es wird immer wieder geäussert, dass es nicht gehe einer Berufsgruppe, in diesem Fall also den Pflegefachpersonen einen Sonderstatus einzuräumen. Mir ist nicht ersichtlich, welcher Sonderstatus da gemeint ist.

Die gesetzliche Anerkennung der Pflege als eigenständiger Beruf ist kein Sonderstatus, es ist die Anpassung des Gesetzes an die Realität. Sollte dies nicht endlich umgesetzt werden, müsste die Pflege darüber nachdenken, die Realität dem Gesetz anzupassen. Übernehmen dann jene, die jetzt von Sonderstatus sprechen, die Verantwortung für das Leid und die Toten, die das nach sich ziehen würde?


Leugnen des bereits bestehenden Pflegenotstandes

Es ist eine absolute Frechheit den Pflegenotstand in der Schweiz bestreiten zu wollen. Wer das tut, verschliesst seine Augen und Ohren. Wer es öffentlich tut, reisst dafür den Mund umso weiter auf. Ich habe keine Lust mehr über Fakten zu diskutieren und an ihnen herum zu deuteln.


In anderen Ländern ist das Verhältnis Pflegende/ Patienten noch schlechter

Immer wieder werden wir Pflegenden als hysterische Hühner hingestellt, so nach dem Motto, tut doch nicht so, ist doch alles nicht so schlimm, in anderen Ländern sind die Bedingungen noch schlechter. Ich bin ehrlich entsetzt, dass die Satnésuisse sich qualitativ nach unten orientiert. Die Pflege ist der einzige Berufsstand, dem dies zugemutet wird. Einmal mehr wird den Pflegenden suggeriert, «Tut doch nicht so blöd, ist doch alles nicht so schlimm.» Man reiche mir bitte den Brechbeutel. Denn das ist an Zynismus nicht mehr zu überbieten.

In Deutschland sterben mittlerweile Kinder, weil sie keinen Intensivpflegeplatz bekommen. Die Plätze wären physisch da, aber es fehlen die Pflegenden, welche sie betreuen können. Muss es in der Schweiz auch soweit kommen? Bereits jetzt werden in Institutionen Betten (Intensiv- und Bettenstationen) geschlossen, weil die Pflegenden fehlen.

Auch werden da Äpfel mit Birnen verglichen. Da sich die Ausbildungen sowie die Aufgabenbereiche der Pflege in den verschiedenen Ländern deutlich unterscheiden.



Die Akademisierung der Pflege ist Ursache des Fachkräftemangels

In gewissen Kreisen (santésuisse und gewisse Bürgerliche Parteien) hält sich hartnäckig das Gerücht, dass für eine professionelle Pflege der gesunde Menschenverstand ausreicht.

Ich nehme diese Menschen in Zukunft beim Wort. Jeder, der das behauptet, darf mit seinem gesunden Menschenverstand zu mir auf die Nachtwache kommen und meine 12 Patienten übernehmen. Ich bin gespannt, wie er/sie sich innerhalb von 30min einen Überblick verschafft, die Diagnosen der Patienten, sowie deren Operationen nachvollziehen kann und weiss, was über die Nacht bei ihnen zu tun sein wird. Ich werde gerne zusehen, wie er mit seinem gesunden Menschenverstand die Medikamente fachgerecht vorbereitet und verabreicht. Ich werde auch sehr gerne sehen, wie er/sie mit gesundem Menschenverstand die Drainagen der Patienten kontrolliert und deren Sekrete beurteilt. Und am meisten möchte ich miterleben, wie sie den Gesundheitszustand eines Menschen beurteilt, der von jetzt auf gleich hochinstabil ist. Wenn er es dann noch schafft, die notwendigen und lebenswichtigen Massnahmen einzuleiten, ist er Superman oder sie Wonderwoman.

Viele werden jetzt sagen, dass da natürlich nicht die Akutpflege gemeint sei, aber in der Langzeitpflege sei das schon so. Ich bin sicher, meine Kolleginnen und Kollegen werden mit Vergnügen zusehen, wie diese Menschen, bei bewegungsunfähigen Menschen, oder bei einem von Demenz Betroffenen, die Körperpflege durchführen. Gerne würde ich auch wissen, wie sie mit ihrem gesunden Menschenverstand einem Menschen mit Schluckstörungen das Essen eingeben, notabene ohne, dass dieser Mensch hinterher eine Aspirationspneumonie erleidet. Ich bin ehrlich daran interessiert, wie diese Menschen mit ihrem gesunden Menschenverstand es dann auch noch schaffen die Dokumentation so zu führen, dass die Krankenkasse für die erbrachten Leistungen bezahlt.

Es wird immer wieder argumentiert, dass die «Studierten» ja gar nicht mehr bei den Patienten seien. Gerade die Krankenkassen sollten sich da mal an der eigenen Nase nehmen. Sie sind es nämlich, die hochausgebildete Pflegefachpersonen in ihren Controllingabteilungen anstellen. Mit ihren besseren Arbeitsbedingungen werben sie diese den Institutionen ab. Es sind auch die Kassen, die nur bezahlen, was als wirksam erwiesen ist. Und wie soll bewiesen werden, dass diese oder jene Pflegeintervention wirksam ist, wenn die Pflege keine eigenständige Forschung betreiben kann?



Die Pflegeinitiative hilft nur den Pflegefachpersonen

Im Initiativtext geht es tatsächlich nur um die Pflegefachpersonen HF. Ich bin jedoch der Meinung, dass eine Ausreichende Anzahl Pflegefachpersonen in den Institutionen, auch den Fachangestellten Gesundheit sowie den Assistenzpersonen hilft. Sie müssten dann nämlich nicht mehr aus der Not heraus Aufgaben übernehmen, für die sie nicht ausgebildet sind und die viele von ihnen immer wieder überfordern.


Die Mengenausweitung

Dieses Argument habe ich bisher von allen Gegnern gehört/gelesen und ich nehme das echt persönlich!

Eines möchte ich mal wissen: Was haben Pflegende getan, dass es offensichtlich Anlass dazu gibt, anzunehmen, dass wir alle zum einen Betrüger und zum anderen geldgeil sind? Ist dieses Misstrauen einem Berufsstand gegenüber, der über Jahrzehnte dazu beigetragen hat, dieses Gesundheitssystem aufrecht zu erhalten, angebracht? 


Ich bitte Euch meine Lieben, genau diese Fragen zu stellen, wenn Ihr mit diesem Argument der Mengenausweitung konfrontiert werdet. Scheut die Diskussion mit den Gegnern nicht, Ihr habt jedes Recht, sie zu führen. Tut es nicht nur für Euch, sondern auch für jene, die auf uns angewiesen sind. 


Eure Madame Malevizia.