Donnerstag, 2. September 2021

Wenn nicht jetzt, wann dann?


 

Meine Lieben,

Ich weiss noch, wie mein Weg als Pflegehexe begonnen hat. Es war fast zeitgleich mit der Lancierung der Pflegeinitiative. Damals am SBK – Kongress in Davos habe ich mir selbst gesagt: «Ich will etwas tun!» Aus diesem «etwas» wurde die Pflegehexe, mein Blog und das Ziel: «Ich will, dass der Fachkräftemangel zum Thema wird.»

Und jetzt wird es wirklich ernst. Am 28. November stimmt die Schweiz über die Pflegeinitiative ab. Bis dahin haben wir Zeit, die Stimmberechtigten von einem JA zu überzeugen. Das wird nicht leicht. Denn viele wissen nicht, worum es überhaupt geht. Viele können sich nicht vorstellen, was ein Fachkräftemangel in der Pflege bedeutet. Was er weiterhin bedeuten wird, auch wenn diese verfluchte Pandemie dann irgendwann vorbei ist. Ihnen muss deutlich gemacht werden, dass die Pflegeinitiative den gesetzlichen Rahmen bietet, den es braucht, um dieses Problem zu lösen.

Nun sind wir alle gefragt uns für dieses Ja stark zu machen. Ich rufe darum Euch alle auf. Engagiert Euch! Macht mit in den Regionalkomitees (auch ich bin stolzes Mitglied eines solchen). Informiert auf den Social – Media Kanälen über die Initiative. Und vor allem diskutiert mit, überall da wo es um die Pflege geht. Jetzt ist der Moment, in dem wir alle unsere Stimme erheben müssen. Jetzt ist der Moment, in dem wir allen zeigen können, was wird sind: Begabte, starke, kompetente Menschen, die für das was sie tun brennen.

Die nächste Covid – Welle rollt gerade über uns hinweg, wir sind gebeutelt von den letzten 1,5 Jahren. Viele von uns sind mehrfach belastet mit Familie, Job, und was es sonst noch alles gibt. Und jetzt sollen wir noch mehr Effort leisten? Aber wenn nicht jetzt, wann dann? Stand heute (2.9.21) sind es noch 88 Tage bis zum 28. November. Nehmen wir uns für 88Tage die Zeit, die Energie und den Mut uns für den schönsten Beruf der Welt einzusetzen. Für uns! Und für die nächste Generation.

Eine liebe Freundin hat letztens zu mir gesagt: 

«Ich will mir niemals vorwerfen müssen, nicht alles versucht zur haben.»

Ich schliesse mich ihrem Votum an. Ich weiss, dass Pflegende sehr kreative Menschen sind, und darum bin ich mir sicher, dass wir viele Aktionen, kleine und grössere auf die Beine stellen können. Ich selbst werde das tun, was ich am besten kann: schreiben. Erzählen, was mich bewegt, weitergeben was ich weiss. Und argumentieren, so oft und so weit wie ich kann.  

Machen wir diese 88 Tage zu den magischsten, verrücktesten, wunderbarsten, kämpferischsten, verbindendsten, wundervollsten Tagen, die wir je erlebt haben. Oder kurz gesagt: Einfach zu einer geilen Zeit.

Ganz unter dem Motto:

Wenn nicht jetzt, wann dann!

 

Eure Madame Malevizia


Montag, 28. Juni 2021

Zeigen wir uns! Oder warum die Pflegeinitiative zur Abstimmung kommen muss


 

Meine Lieben,

Die Pflegeinitiative kommt vors Volk. Das Initiativkomitee hat beschlossen, die Initiative nicht zugunsten des indirekten Gegenvorschlags zurück zu ziehen. Für mich ist dieser Entscheid der Richtige.

Ich weiss, einige finden, die Initiative gehe zu weit. Und überhaupt werde nun einfach alles verzögert, dabei sei es doch so wichtig, dass jetzt etwas getan werde. Zu diesen zwei Argumenten möchte ich heute Stellung beziehen.

 

Geht die Initiative zu weit?

Man könne doch nicht die Arbeitsbedingungen eines Berufsstandes in die Verfassung schreiben, höre ich von verschiedenen Kreise. Also ehrlich gesagt, steht in unserer Verfassung so einiges, das aus meiner Sicht nicht unbedingt da hineingehört. Ausserdem geht es hier nicht um irgendeinen Berufsstand. Ohne eine professionelle Pflege ist ein funktionierendes Gesundheitswesen nicht denkbar. Ohne Pflege ist ein würdiges Leben und Sterben nicht erreichbar. Ich bin darum durchaus der Meinung, dass die Landesregierung einen Teil der Verantwortung dafür trägt, dass ausreichend Pflegende vorhanden sind. Was passiert, wenn dies nicht der Fall ist, haben wir in den letzten Monaten alle live und in Farbe miterleben dürfen. Und das ist eigentlich nur die Spitze des Eisberges. Denn schon vor der Covid – Krise, war es kaum mehr möglich, die Arbeit als Pflegefachperson so zu machen, wie wir es gelernt haben. Durch die Covid Krise wurde das zum ersten Mal richtig wahrgenommen, weil dieser Umstand da das Leben vieler bedrohte.

Lieber der Spatz in der Hand…

Durch das Weiterziehen der Pflegeinitiative seien Massnahmen zur Verbesserung der Situation verzögert worden. Es sei doch wichtig, JETZT etwas zu tun. Grundsätzlich, hätte schon vor JAHRZEHNTEN etwas getan werde müssen. Da hat aber niemand auch nur Ansatzweise etwas davon hören wollen. Vor allem politisch wurde gepennt. Die Massnahmen des indirekten Gegenvorschlags sind zwar ein Schritt in die richtige Richtung, reichen aber nicht aus. Bezeichnend ist, dass sich das Parlament erst zu einem halbwegs brauchbaren Gegenvorschlag durchringen konnte, als sie realisierte, dass die Pflegeinitiative im Volk durchaus Chancen hat. Dennoch reicht der Gegenvorschlag einfach hinten und vorne nicht. Was nützt eine Investition in die Ausbildung, wenn zum einen nicht ausreichend Fachpersonen vorhanden sind, welche in der Lage sind die Lernenden sinnvoll zu betreuen und sich zum anderen nichts an der extrem geringen Berufsverweildauer ändert? Und gerade diese Berufsverweildauer ist es, die dringend verbessert werden muss. Pflege ist eine Profession, die vor allem Erfahrung bedarf. Bricht diese weg, sinkt die Qualität. Um diese Berufsverweildauer ins Positive zu verändern, muss sich an den Arbeitsbedingungen etwas ändern. Und hier muss der Gesetzgeber Stellung beziehen.

Eine Chance

Für mich gibt es jedoch einen weiteren Grund, weshalb ich froh bin, dass die Pflegeinitiative zu Abstimmung kommt. Jede Stimmbürgerin und jeder Stimmbürger kann sein Statement dazu abgeben, was für eine Pflegequalität er oder sie für sich und sein Land haben möchte. Es ist ihre Möglichkeit zu sagen, wie sie im Alter, in Krankheit und Verletztheit behandelt werden möchte. Auch ein Nein, könnte uns Pflegenden dahingehend helfen, dass wir nicht mehr das Gefühl haben müssen, Unmögliches weiterhin möglich zu machen. Es geht um die Frage: Was für einen Wert hat die Pflege für die Bevölkerung? Wollen wir in diesen Berufsstand investieren?

Für uns Pflegende ist diese Abstimmung auch eine Chance, Raum einzunehmen. Im Abstimmungskampf können wir zeigen, was wir wissen, was wir tun und worauf es in unserem Beruf ankommt. Wir können zeigen, dass wir bereit sind, den gesetzlichen Rahmen, der uns gegeben werden soll, auch für das Wohle aller zu nutzen.

In diesem Sinne, meine Lieben, zeigen wir uns, mit allem was wir sind und was wir haben, für eine starke Pflege!

 

Eure Madame Malevizia

Montag, 26. April 2021

Florence und ich


 

Meine Lieben,

Es ist still geworden auf diesem Blog. Dies hat vor allem einen Grund: Der Tod meiner Mutter hat bei mir eine noch nie dagewesene Lebenskrise ausgelöst. Eine Freundin hat es treffend formuliert: Die Nabelschnur wurde vollständig durchtrennt. Mir wird erst jetzt bewusst, wie oft ich meine Mutter noch um Rat gefragt habe, wie viel ich mich mit ihr abgestimmt habe. Und jetzt stehe ich da und alles was ist und war, ist in Frage gestellt.

Wie es für mich als Pflegehexe weiter geht, kann ich nicht sagen. Dazu ist noch zu viel in mir selbst im Umbruch. Ich kann nur sagen, es wird weitergehen. Mit der Pflegehexe 2.0 sozusagen. Wie das aussehen soll, weiss ich im Moment selbst nicht so genau, aber das muss ich auch nicht. Ich vertraue mir, ich vertraue dem Leben und lasse wachsen, was wachsen will.  

Es entspricht meiner Natur, dass ich mich in solchen Momenten zurückziehe, viel lese und meine Gedanken aufschreibe. Einige dieser Gedanken möchte ich mit euch teilen, so könnt ihr die Entwicklung von der Pflegehexe auch etwas miterleben.

Gerade habe ich die Biografie zu Florence Nightingale von Nicolette Bohn gelesen. In ihrer Lebensgeschichte habe ich mich teilweise in ihr wiedererkannt. Nicht in der Ikone, der «Lady with the Lamp», sondern im Menschen Florence Nightingale. Der Frau aus gehobenem Haus, die vom Gedanken beseelt war, etwas in dieser Welt zu bewirken.

Seit ihrem 17. Lebensjahr fühlte Florence sich von Gott gerufen. Sie hatte jedoch keine Ahnung, zu was Gott sie berufen hatte. Es folgten Jahre der Suche, des eigenen inneren Ringens. Und als die dann ihre Lebensaufgabe erkannt hatte, war ihre Familie alles andere als begeistert. Krankenpflege war zu jener Zeit kein Beruf für ehrbare Damen. Florence gab nicht auf, sie verfolgte ihr Ziel und konnte schliesslich auch ihre «Ausbildung» in Pflege machen.

Auch für mich ist Pflege eine Berufung. Ich war in der zweiten Klasse (also 8 oder 9 Jahre alt), als ich mit absoluter Sicherheit wusste: «Ich werde Krankenschwester!» (Damals hiess es noch so) Gerade jetzt in dieser für mich so schwierigen Zeit ist es die Pflege, die mich ruhig werden lässt, der Ort, an dem ich mich gut fühle. Trotzdem ringe ich mit mir. Bin ich am richtigen Ort? Müsste ich nicht doch eher in der Politik oder im Berufsverband für eine Verbesserung der Rahmenbedingungen sorgen? Doch jedes Mal, wenn ich wieder meinen Dienst antrete, weiss ich: Nein, ich bin hier richtig. Ich bin da, um den engen Rahen, den wir Pflegenden zurzeit haben, ganz auszunutzen. Ich bin überzeugt, da geht noch mehr. Und dann, wenn wir diesen Rahmen ausgefüllt haben, können wir anfangen ihn zu weiten, so wie auch Florence es gemacht hat.

Für Florence kamen die Jahre des Krimkrieges. Es ist jene Zeit, die sie unfreiwillig zur Heldin machte. Die Ärzte in den Lazaretten hatten nicht auf Florence und ihre Pflegerinnen gewartet. Im Gegenteil, es stank ihnen gewaltig, dass da ein Frauenzimmer, noch dazu eine Zivilistin kam, um ihre Lazarette umzustrukturieren. Und obwohl sie völlig überfordert mit der Situation waren, versuchten sie Florence kalt zu stellen. Florence liess sich nicht auf einen Machtkampf mit den Herren ein. Sie blieb geduldig, aber nicht untätig. Sie begann da, wo sie gelassen wurde: Bei der Verpflegung der Verletzten und Kranken. Langsam, aber stetig, konnte sie ihren Tätigkeitsbereich ausdehnen und bekam dann auch Gehör bei den Ärzten. Nach und nach übernahm sie die Leitung der Lazarette.

Ganz ehrlich, ich fühlte mich Florence nirgends so nah, wie in dieser Zeit. Natürlich meine Voraussetzungen sind ganz anders. Ich kämpfe nicht mit dem Schmutz und den unhygienischen Zuständen wie Florence. Doch zwei Phänomene gab es schon damals: Eine äusserst schwerfällige Organisation und die Missgunst aus den eigenen Reihen. Die Organisation bei Florence war als erstes das Militär und in zweiter Linie die Politik. Kommt Euch das auch so bekannt vor? Florence konnte tadellos nachweisen, warum sie was brauchte. Doch zuerst war niemand zuständig und wenn jemand zuständig war, gab es 1000 Gründe, warum ihre Anträge doch nicht erfüllt werden konnten.

In England war Florence mittlerweile eine Berühmtheit. Nicht allen gefiel das. Und so wurden auch allerhand Gerüchte über sie gestreut.

Beides kenne ich zu genüge. Wie oft habe ich schon das politische «Ja, aber» gehört. Es ist manchmal echt zum Verzweifeln. Florence hat trotzdem weiter gemacht. Weiter gearbeitet, weiter Statistik geführt und weiter erklärt. Sie ist einfach da gewesen. Auch ich habe immer wieder miterlebt, wie wir Pflegenden uns gegenseitig das Leben schwer machen. Wie wir übereinander lästern, übereinander schimpfen uns gegenseitig unter Druck setzen. Florence haben solche Dinge bestimmt getroffen. Vor allem zu einer Zeit in welcher der Ruf noch eine hohe Bedeutung hatte. Es hat sie jedoch niemals davon abgehalten, die Dinge auf ihre Weise zu tun.

Nach dem Krimkrieg erhielt Florence die Mittel, um eine Krankenpflegeschule zu errichten. Auch wurde sie nun auch von der Politik um Rat gefragt.

Unsere Ausbildung hat in den letzten 200 Jahren grosse Fortschritte gemacht. Pflege wurde, nicht zuletzt dank Florence’s Bemühungen zur Profession. Manchmal denke ich: «Ja, da ist alles palletti.» Doch, ist es das? Denn während wir sehr viel Wissen über Gesundheit und Krankheit, in physischer und psychischer Hinsicht erlangen, bleibt eines fast vollständig auf der Strecke: Die Persönlichkeitsentwicklung. Ich weiss, dass Florence, auch darauf Wert gelegt hat. In den so wichtigen Jahren der Akademisierung ist das irgendwie verloren gegangen. Aus meiner Sicht, ist aber genau dies nötig, dass die Pflege ihre Eigenständigkeit erlangen kann. Diese Eigenständigkeit muss aus uns Pflegenden selbst erwachsen, nur so wird sie in der Praxis auch gelebt werden.

Der grösste Verdienst von Florence ist, dass sie Pflege zu einem ehrbaren Beruf gemacht hat. Sie hat es geschafft, die Pflege aus der schmuddeligen Ecke herauszuholen. Niemand kann sich heute mehr vorstellen, dass Pflegende in England jemals als «leichte Mädchen» und trunksüchtige galten. Florence hat mit ihrer Haltung, ihrer Organisation dazu beigetragen, dass Pflege werden konnte, was es wirklich ist: Eine Kunst.

Heute kämpft die Pflege mit den Stereotypen der «sexy Schwester», was ja nicht so weit vom Image des «leichten Mädchens» abweicht, und der barmherzigen Schwester, der die Pflege im Blut ist und die keine Ausbildung braucht. Beides hält sich hartnäckig. Letzteres ist vor allem in politischen Diskussionen anzutreffen. Ersteres in der Gesellschaft. Beides ist falsch. Beides ärgert mich zutiefst. Und beidem möchte ich auch künftig entgegentreten. In Erinnerung an Florence, deren bekanntestes Zitat ist: «Dies ist keine Freizeitbeschäftigung. Krankenpflege ist eine Kunst, und wenn sie zu einer Kunst gemacht werden soll, bedarf sie exklusiver Hingabe und genauso harter Vorbereitung wie die Arbeit jedes Malers oder Bildhauerst. Denn was ist der Umgang mit lebloser Leinwand oder kaltem Marmor im Vergleich zum Umgang mit dem lebendigen Leib, dem tempel des Geistes Gottes?»

Als Teil dieses Berufsstandes, will ich stolz sein auf das, was wir leisten und Florence’s Botschaft in die Welt hinaus tragen.

Am 12. Mai, feiern wir zu Ehren von Florence Nightingale den Internationalen Tag der Pflege. Ich werde an diesem Tag mein Glas heben, auf Florence, die mich gerade in den letzten Tagen so vieles lehrte.

 

Eure Madame Malevizia


Donnerstag, 25. März 2021

Gedanken zu #No Liestal

 


Heute sind wir aufgefordert Farbe zu bekennen. Mit dem #No Liestal geht es nicht etwa darum diese Stadt, die sehr schön sein soll, schlecht zu machen. Mit diesem Hashtag geht es darum, zu sagen, dass wir diese Anti- Corona- Massnahmen – Demos blöd finden. Es geht darum, zu sagen, wir ziehen die Massnahmen jetzt weiter durch, weil sich das Virus nicht einfach verpisst, nur weil wir von dem Scheiss die Nase voll haben. Auch ich wollte zuerst einfach nur ein Bild und den entsprechenden Hashtag posten. Doch da ist ein innerer Widerstand. Macht es Sinn, sich jetzt einfach auf eine Seite zu stellen und eine Front zu bilden? Und die Gegenseite virtuell anzubrüllen? Diese Demos, die gerade immer wieder laufen sind mir selbst ebenfalls zuwider. Auch und vor allem weil sämtliche vernünftigen Vorsichtsmassnahmen ausser Acht gelassen werden. Ich will auch mit niemandem darüber diskutieren, ob es Covid 19 gibt. Als Pflegende habe ich live und in Farbe miterlebt, was Covid- 19 anrichtet. In den Spitälern und in den Langzeiteinrichtungen. Irgendwo zu lesen oder zu hören, dass es das nicht gibt, alles erfunden, alles nur Panikmache und die Intensivstationen seien gar nicht überfüllt (gewesen), ist für mich jedes Mal wie ein Schlag ins Gesicht. Zu solchen Argumenten sage ich: #No Liestal.

Dennoch habe ich den Eindruck, dass wir alle, dringend einen Schritt zurück machen sollten. Unseren Horizont erweitern und uns für andere Lösungen als für die Dauerschleife von Schliessungen und Öffnungen zu öffnen. Ich möchte anfangen zu diskutieren, was können wir sonst noch tun? Was ist das eigentliche Problem? Wie können wir das sinnvoll lösen?  Dazu müssen wir uns aber zuerst auf eine gemeinsame Basis stellen. Ich möchte einen Austausch mit Menschen, die folgendes anerkennen:

Covid – 19 ist real. Es gibt symptomlose (die eben auch ansteckend sind), leichte, mittlere und schwere bis lebensbedrohliche Verläufe. Die schweren bis lebensbedrohlichen Verläufe sind es, die bereits zweimal dafür sorgten, dass unser Gesundheitswesen an den Anschlag kam. Wir sind kurz vor dem Kollaps gestanden.

Covid – 19 ist über die sogenannte Tröpfchenübertragung ansteckend. Es gilt also persönlich entsprechende Massnahmen zu ergreifen, die das Ansteckungsrisiko so gering wie möglich halten.

Einzig in Hygienemassnahmen zu investieren wird nicht ausreichen. Denn so fahren wir unsere Wirtschaft, sowie das Gesundheitswesen tatsächlich an die Wand. Es braucht mehr. Es braucht ein Umdenken und eine Antwort auf die Frage: Wie können wir unsere Gesellschaft und damit auch unser Gesundheitswesen so gestalten, dass wir tatsächlich auch mit diesem Virus leben können? Dazu müssen wir miteinander reden, einander zuhören und Lösungen finden. Eine Demo, bei der die einen, die anderen niederschreien, die einzig Angst und Hass schürt, ist da ganz bestimmt nicht der richtige Weg. Wenn man sich schon «Querdenker» nennt, sollte man dies auch wirklich tun.

Und darum sage auch ich heute #No Liestal.

 

Eure Madame Malevizia


Mittwoch, 30. Dezember 2020

Die Würde des Menschen als Priorität


 

Meine Lieben,

Eindrücklich und schmerzvoll erleben Pflegende gerade, wie Politikerinnen und Politiker auf kantonaler und Bundesebene versagen. Es gibt kein anderes Wort mehr dafür. Während es immer noch darum geht ob Skigebiete geöffnet oder geschlossen werden sollen, müssen sich Pflegende die Frage stellen: Was, wenn ich plötzlich alleine auf der Station stehe, weil alle anderen krank sind? Führungspersonen fragen sich, was mache ich, wenn ich keine einsatzfähigen Mitarbeiter mehr habe und alle anderen Möglichkeiten auch ausgeschöpft sind? Weder die Kantone noch der Bund scheinen darauf eine Antwort zu haben.

Diese Szenarien sind realistisch. Denn die Ressourcen sind tatsächlich so gering. Und bevor jetzt jemand kommt mit, «dann muss man halt…», soll jetzt bitte einfach kurz inne halten, die Augen schliessen und sich vorstellen, was wäre wenn… Diese Gefühle die jetzt aufkommen einfach mal 5 Sekunden fühlen und dann weiter lesen. Ist Ihnen dies nicht möglich, bitte ich Sie, diesen Text nicht weiter zu lesen, es ist Zeitverschwendung.

Ich bin nicht verantwortlich für diese Situation und es liegt nicht in meiner Macht, diese zu verändern. Und so setze ich nun Prioritäten, wie es eine solche Krisensituation auch verlangt. Meine oberste Maxime ist:

Ein würdiges Leben und Sterben ermöglichen.

1.     Für mich selbst

2.     Für meine Berufskolleginnen und – Kollegen

3.     Für die Menschen, die meine Pflege benötigen

Und zwar genau in dieser Reihenfolge. Denn wenn ich und meine Kolleginnen und Kollegen jetzt nicht alles tun um stark und gesund unseren Dienst tun zu können, wird es zappenduster. Doch gehen wir diese Punkte doch mal der Reihe nach durch. Im Wissen, dass dies meine Strategien und meine Haltung ist. Auch in der Hoffnung, Inspiration für andere sein zu können.

 

Für mich selbst

Ich bin mir selbst unendlich dankbar, dass ich in den letzten Jahren so viel in meine Persönlichkeitsentwicklung investiert habe. Ich weiss, was mir gut tut und jetzt wende ich es konsequent an.

An Freien Tagen/ vor dem Dienst

Alles was mich physisch und psychisch nährt, hat jetzt Vorrang. Ich sammle bewusst kleine «Kraftmomente». Gerade während ich schreibe, verströmt feine Räucherung ihren Duft. Eine Kerze brennt.

Einmal täglich nehme ich mir 30min. Zeit, um zu lesen, es hilf mir wunderbar, mir eine gedankliche Pause zu verschaffen.

Ich übe mich in Achtsamkeit und im Moment sein. Mit Vorliebe während meiner Gesichtspflege. Es hilf, mich selbst zu spüren und zu wissen, wie es mir geht.

Ich sorge dafür, dass ich die Möglichkeit zur emotionalen Entlastung habe. Entweder im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, im Kontakt zu meiner Coach oder im aufschreiben meiner Gedanken.

Während dem Dienst

Es gibt gewisse Bonbons, die ich mitnehme, die mir helfen, mich wieder zu spüren, wenn ich zu sehr ins rotieren komme.

Auch da halte ich den Fokus möglichst auf dem, was ich gerade tue.

Ich atme immer wieder bewusst ein und aus, lächle halte kurz inne und mit einem «Let’s go» geht es weiter im Text.

 

Nach dem Dienst

In Gedanken schliesse ich ganz bewusst die Türen der Patientenzimmer.

Auf dem Nachhauseweg höre ich meist eine geführte Meditation (ich benutze ÖV), die mir hilft abzuschliessen.

Zuhause schreibe ich noch kurz auf, was hängen geblieben ist.

Ich gönne mir was feines. Etwas Schokolade zum Beispiel oder auch mal ein gutes Glas Wein.

 

Dies sind meine persönlichen Prioritäten. Haushalt, Wäsche und was es sonst noch so gibt, was «frau» sollte, ist auf das absolute Minimum, sprich auf die Erfüllung meiner Grundbedürfnisse reduziert.

Für meine Berufskolleginnen und Kollegen

Pflegende kennen das Leid. Wir alle haben es schon gesehen und ausgehalten. Darum gibt es eine Verbindung zwischen uns. Egal, ob wir uns kennen oder nicht. Klingt vielleicht etwas übersinnlich. Doch ich bin Pflegehexe, ich darf das. Ich spüre diese Verbindung und nähre sie bewusst mit positiver Energie. Pflegende jetzt zu stärken, hat deshalb für mich ebenfalls Priorität.

Darum gibt es seit Beginn der 2. Welle das Mutkraftlicht auf meiner Facebook – Seite. Immer morgens poste ich ein Bild, ein Lied einen Gedanken, der Mut, Kraft und Licht geben soll. Aktuell bin ich bei Mutkraftlicht Nr. 66. Ich werde bis 100 machen und dann etwas neues, dass Pflegende unterstützt beginnen.

Ich bin auch da, um emotionale Entlastung zu ermöglichen. Zum einen in der Gruppe «Lagerfeuer für die Pflege Schweiz», zum anderen aber auch in meinem Umfeld. Ich höre zu, tausche aus, halte mit aus.

Ebenfalls ist meine bloggerische Tätigkeit für meine Kolleginnen und Kollegen. Ich versuche, für sie Stimme zu sein in der Öffentlichkeit. Ich bin überzeugt, nur wenn der öffentliche Druck gross genug ist, wird sich kurz – sowie langfristig etwas an unserer Situation ändern. Diese zu verändern, liegt nicht in meiner Macht, aber ich kann weiterhin sagen, was ich erlebe und fühle. Und ich lasse mir auch von keinem dem Mund verbieten!

 

Die Menschen, die meine Pflege benötigen

Sie kommen keineswegs unter fernerliefen. Denn Priorität 1 und 2 sind die Bedingung, dass ich Priorität 3 gewährleisten kann.

Es geht jetzt darum diesen Menschen ein würdiges Leben und Sterben zu ermöglichen. Das ist die Maxime, daran orientiere ich mich. Alles, was nicht in diese Maxime gehört, ist zur Zeit einfach nicht wichtig.

Und genau das kommuniziere ich, den Betroffenen selbst, ihren Angehörigen, den intersdisziplinären Diensten.

 

Zum Schluss möchte ich an alle Menschen appellieren. Egal wo Ihr gerade stehen. Bitte, setzt jetzt für Euch Eure Prioritäten und lebt sie. Vielleicht mögt Ihr diese auch nach Aussen kommunizieren und andere mit Euren Ideen inspirieren. So kann jeder von uns diese Krise zur Chance werden lassen.

In Verbundenheit

 

Madame Malevizia

Dienstag, 8. Dezember 2020

Werte Damen und Herren Bundesräte - Werte Damen und Herren Ständeräte - Werte Damen und Herren Nationalräte


 

Ich schreibe Ihnen, weil ich der Meinung bin, dass dies als Bürgerin und Pflegefachfrau dieses Landes meine Pflicht ist. Es ist meine Pflicht, Ihnen mitzuteilen, dass etwas in unserem Land gerade schiefläuft und Sie dafür verantwortlich sind.

Während Sie sich in Schutzmassnahmen versteigen, die längst nicht mehr nachvollziehbar sind (aktuell sind wir bei: „Bleiben Sie zuhause“ und „wir öffnen die Skigebiete“) verschliessen Sie aktiv die Augen vor dem eigentlichen Problem: Unser Gesundheitswesen fliegt uns immer mehr um die Ohren. Denn genau das tut es und es lässt sich auch nicht mehr wegdiskutieren. Dass positiv getestete Pflegende weiterarbeiten (müssen) und so die ohnehin schon vulnerablen Personen gefährdet werden, ist ein eindrücklicher Beweis des schon vor der Pandemie bestehenden Fachkräftemangels. Ich habe darum auch absolut kein Verständnis mehr für jene unter Ihnen, die jetzt noch die Stirn (ich könnte auch sagen, die Frechheit) haben, in eine Kamera hineinzusprechen und zu erklären: «Die Pflegenden sollen mal nicht so tun, die haben ja einen sicheren Job und genügend Lohn». Darum geht es jetzt gerade nicht. Es geht darum, dass der Personalmangel so gross ist, dass wir die uns anvertrauten Personen nicht mehr ausreichend versorgen können. Damit meine ich nicht, dass sie zu spät ihrem bestellten Tee bekommen. Damit meine ich, dass ich und meine Kolleginnen nicht mehr für physische und psychische Unversehrtheit garantieren können. Um es ganz deutlich zu machen: Während sie sich auf der Nebenbühne austoben, sterben auf der Hauptbühne Menschen. Dem hilflos zusehen zu müssen, tut weh und ist mehr als das, was wir alle in unserer Ausbildung gelernt und von uns erwartet werden kann. Der eine oder die andere von Ihnen wird jetzt wieder mit dem Argument kommen, dass es dieser oder jener Branche doch auch schlecht geht. Ja, das ist so. Das spricht Sie jedoch nicht von Ihrer Verantwortung gegenüber den Menschen, die auf unser Gesundheitswesen angewiesen oder in diesem tätig sind, frei.

Immer mehr meiner Kolleginnen und Kollegen äussern sich in der Öffentlichkeit und machen deutlich, in welcher Notlage sich unser Berufsstand befindet. Und anstatt, ihnen zuzuhören, tun Mitglieder Ihrer Räte sie als «Jammeris» ab oder machen sie lächerlich. Ich frage Sie, ist das einer Regierung unseres Landes würdig? Ist das alles, was Sie können?  

Ich persönlich trete täglich an, um für die Menschen da zu sein. Und genau das ist auch meine Motivation diesen Brief zu schreiben. Ich bin sicher, auch Sie treten täglich für etwas an und ich kann mir nicht vorstellen, dass dieses etwas «möglichst wieder gewählt zu werden und mich darum ja nicht exponieren» heisst. Ich rufe Sie deshalb auf, endlich mutig «grosse» Entscheidungen zu treffen, zum Wohle unseres Landes.

Im Gesundheitswesen sind das:

1.     Eine grossangelegte Hilfsaktion mit Armee und Zivilschutz, um diese Krise zu überstehen. Dabei ist es zentral, dass alle Betriebe, die Bedarf haben, diesen auch erhalten. Um das herauszufinden, muss mit den Leuten der Basis gesprochen werden. Nämlich mit den Stationsleitungen oder zumindest den Pflegedienstleitungen. Mit ihnen kann dann auch festgestellt werden, wo und wie diese Hilfe geleistet wird. Die zentrale Frage muss sein, wie können wir die Fachkräfte entlasten, dass sie ihren Dienst tun können?. Das könnte auch die Kinderbetreuung von Fachkräften beinhalten, oder die Beschaffung von Nahrung für jene.

 

2.     Eine langfristige Strategie, um ausreichend Fachkräfte auszubilden und im Beruf zu halten. Mit der Pflegeinitiative liegen dazu griffige Massnahmen bereits auf Ihrem Tisch.

Was das kostet? Einiges an Geld ja, aber deutlich weniger Menschenleben und Existenzen, als Ihr momentanes Vorgehen. Das ich beim besten Willen nicht Strategie nennen kann.

Hiermit habe ich Ihnen nun mitgeteilt, wozu ich mich verpflichtet fühle. Was Sie damit machen, ist nun in Ihrer Verantwortung. Ich möchte aber noch einmal ganz deutlich sagen: Unser Gesundheitswesen ist kurz vor dem Zusammenbruch. Ich lehne ab sofort jegliche Verantwortung für diesen Umstand ab.

Ich bitte Sie, keine Zeit mit Antworten im Sinne von «wir schauen ja schon, ist alles nicht so schlimm» oder ähnlich zu verschwenden. Nutzen sie diese Zeit, um Ihren Job zu tun. Ich werde ganz bestimmt merken, wenn Sie dies endlich tun. Für Verständnisfragen stehe ich selbstverständlich gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüssen

 

Madame Malevizia.

Samstag, 31. Oktober 2020

Es geht um Ethik und Moral

 


Der nachfolgende Text ist 3 Jahre alt. Eigentlich wollte ich ihn für heute mit der aktuellen Situation, sprich Covid 19 ergänzen. Doch ich lasse es. So wie er ist, bleibt er nach wie vor gültig. Mit diesen Dilemmas sind Pflegende tagtäglich konfrontiert. Geändert hat sich in den letzten Jahren kaum etwas. Und da wundern sich die Menschen dieses Landes, dass wir Pflegenden sagen, «Wir können bald nicht mehr?»

Ich bin nicht mehr bereit, diese Dilemmas alleine zu tragen. Dies geht alle an! Also setzt Euch damit auseinander.

Ich stütze mich bei diesem Beitrag auf die ethischen Prinzipien: Autonomie, Gutes tun, nicht schaden wollen, Gerechtigkeit. Als Denkanstoss nutze ich die Broschüre „Ethik und Pflegepraxis“ des SBK 2013.

Ich beginne mit der Autonomie. Ein Wort, welches mir immer wieder begegnet. Mir scheint, die Autonomie ist in der Schweiz ein wichtiges zentrales Gut. Schauen wir uns nur die Diskussion über die Billateralen Verträge oder den EU – Beitritt an. Fremde Richter? Kommt nicht in Frage! Ebenfalls in das Prinzip der Autonomie gehört die offenbar riesige Angst vor Abhängigkeit. Immer wieder höre und lese ich Statements wie: „Wenn ich mal nicht mehr selbst kann, mache ich Schluss.“ Gerade dies zeigt eines deutlich: Die Autonomie von Kranken ist in Gefahr. Sie ist in Gefahr, weil der Personalmangel dafür sorgt, dass es nicht der körperlich stark eingeschränkte Mensch ist, der bestimmt, wann er aufsteht, sondern der Zeitplan der Pflegenden. Es ist dem Personalmangel zu verdanken, dass Essen einfach eingegeben wird, weil es schneller geht, als den Betroffenen zu führen und ihn so zumindest das Tempo bestimmen zu lassen. Solche Förderungen sind jedoch schlicht unmöglich, weil sonst der/die Letzte erst um 14.00 Uhr sein/ihr Mittagessen bekommen würde. Es braucht Zeit, Angehörigen zu erklären, dass die Autonomie eines hochdementen Menschen bedeuten kann, ihn selbst herum gehen zu lassen, auch wenn man dadurch Stürze in Kauf nimmt. Zeit, die häufig nicht da ist, weil solche Gespräche nicht abgerechnet werden können. Das Selbe gilt für Beratungen, die meist spontan entstehen, wenn es um den Umgang mit bestimmten Krankheitssymptomen geht. Einfach die Reservemedikation verabreichen, geht schneller. Der Betroffene bleibt jedoch hilflos, kann seine Genesung nicht selbst beeinflussen.

Es braucht Zeit, gebrechliche alte Menschen nachts auf die Toilette zu begleiten, der Topf geht viel schneller. Und gerade in der Nacht, in der Pflegende oft alleine sind, zählt jede Minute. Autonomie wird als so wichtig betrachtet, kann jedoch nicht gemessen und auch nicht bezahlt werden, und deshalb kommt sie in den strategischen Überlegungen von Politik und Wirtschaft nicht vor.

Gutes tun, ist jenes Prinzip, welches so deutlich zeigt, weshalb jedes noch so ausgeklügelte Computersystem, jeder noch so menschlich aussehende Roboter niemals Pflegende ersetzen kann. Leider ist es auch das Prinzip, welches nicht in Zahlen ausgedrückt werden kann. Somit ist es unbezahlbar. Gutes tun ist dann gefragt, wenn Menschen eine lebensbedrohliche Diagnose erhalten. Es sind jene Minuten, die sich Pflegende nehmen, um eine Hand zu halten. Es ist die Anteilnahme gegenüber Angehörigen, für die gerade in diesem Moment die Welt stehen geblieben ist, weil ein ihnen lieber Mensch verstorben ist. Gutes tun, ist das, was nicht gelernt werden kann und ein Teil dessen, was wir Berufung nennen.

Wenn Pflegende sich nicht mehr die Zeit nehmen können, um einen Patienten zum Essen zu motivieren, ist Gutes tun, weit weg. Es ist in Gefahr, wenn Pflegende nicht mehr die Kraft haben, sich für einen schmerzgeplagten Patienten einzusetzen, damit dieser eine angemessene Analgesie erhält.

 

So banal das Prinzip nicht schaden wollen daher kommt, so vielschichtig und gefährdet ist es. Es ist gefährdet, wenn Pflegende keine Chance mehr haben, Patientenrufe innert nützlicher Frist zu beantworten. Ein Ruf, heisst immer, jemand braucht etwas, etwas, das für sein Wohlbefinden wichtig ist. Manchmal ist sogar Leib und Leben davon abhängig, dass jetzt dieser Ruf beantwortet wird. Dem Ruf ist jedoch nicht anzusehen, wo welche Not herrscht.

Das Beispiel des Patienten in seinen Exkrementen, habe ich schon häufig benutzt. Dabei geht es nicht ausschliesslich um das Prinzip nicht schaden wollen, aber es ist bei diesem Beispiel von zentraler Bedeutung. Wie erniedrigend und würdelos es für einen Menschen sein muss, in seinen eigenen Körperflüssigkeiten zu liegen, brauche ich nicht zu erklären. Auch das richtet Schaden an. Ein weiterer Aspekt ist aber auch die Haut, die durch diese Körperflüssigkeiten aufgeweicht und beschädigt wird. Nicht schaden wollen heisst, demente Menschen nicht mit körperlicher Gewalt zur Körperpflege zu zwingen, sondern den richtigen Moment abzuwarten, oder sogar zu schaffen. Dies gelingt jedoch nur, wenn zeitliche und personelle Ressourcen vorhanden sind.

 

Gerechtigkeit. Wenn ich dieses Wort lese, kommt mir unweigerlich die französische Revolution in den Sinn. Aber darum geht es hier ja nicht. Obwohl, eine Revolution für die Gerechtigkeit, wäre im Gesundheitswesen durchaus angebracht.

Ich frage mich nämlich schon, wo diese Gerechtigkeit ist. Wo ist sie, wenn Einrichtungen um Geld zu sparen, Schutzhandschuhe und Inkontinenzeinlagen rationieren? Solche Zustände gibt es, in Deutschland sind sie öffentlich gemacht worden, aber ich bin überzeugt, dass es solche Dinge auch in der Schweiz gibt. Ich vermisse die Gerechtigkeit, wenn die Versicherung bestimmt, wer in einem Einzel – oder Mehrbettzimmer liegt und nicht der Gesundheitszustand. Ich weiss, wieviel Überzeugungsarbeit Bettendisponenten leisten müssen, wenn ein Patient aufgrund seines Zustandes in ein Einzelzimmer verlegt werden muss.

Ich vermisse die Gerechtigkeit, wenn Pflegende ihre wertvolle Zeit mit immer mehr administrativen Aufgaben verbringen müssen. Da gibt es teilweise echt absurdes zu sehen. Der Umstand, dass Pflegende in vielen Institutionen von anderen Disziplinen Aufgaben zugeschustert bekommen, ist nicht gerecht. Diese Aufgaben reichen von Frühstücksgeschirr abwaschen bis Abfallsäcke leeren. Frei nach dem Motto: Könnte die Pflege nicht noch…Dafür bekommen Pflegende nichts zurück, kein Geld, keine Zeit. Wo ist da die Gerechtigkeit?

 

Dies sind nur ein paar Gedanken einer Pflegehexe und nur ein Bruchteil dessen, was an ethischen und moralischen Konflikten auf dem Rücken der Pflegenden ausgetragen wird. Jede Sparrunde der Kantone und des Bundes hat dieses Problem noch verschärft und nun stehen wir kurz vor der ethisch moralischen Katastrophe. Von den Politikern verlange ich, dass sie sich dem stellen, sie haben diesen Beruf gewählt, sie müssen die Verantwortung übernehmen. Auch die Pflegenden haben diesen Beruf (für mich gibt es noch immer keinen schöneren) gewählt, es ist jetzt an ihnen, sich für die Wahrung der ethischen Prinzipien einzusetzen. Sei dies im Kleinen an ihrem Arbeitsplatz (alles muss nicht hingenommen werden), in Diskussionen im Familien – oder Freundeskreis oder im Grossen, durch zeitliches Engagement in Berufsverbänden, Parteien oder Gewerkschaften.

Aber auch alle Bürgerinnen und Bürger dieses Landes sind gefragt, wenn es darum geht, ob und wie die ethischen Prinzipien im Gesundheitswesen ihren Platz haben. Sie sind es nämlich, die wählen und abstimmen. Sie sind es, die bestimmen, wer bei den nächsten Sparrunden entscheidet, wo Geld eingespart wird.

In diesem Sinne wünsche ich unseren Politikern den Mut, sich diesen schwierigen und ebenso wichtigen Themen zu stellen, den Pflegenden die Kraft, weiterhin alles in ihrer Macht stehende zu tun, dass die ethischen Prinzipien in ihren Arbeitsbereichen gelebt werden können und den Bürgerinnen und Bürgern, die Weitsicht, Volksvertreter zu wählen, die bereit sind die Ethik über den Profit zu stellen.

 

Madame Malevizia