Dienstag, 10. März 2020

Sibylle - ein fürsorgliches Mutterherz


Es fühlt sich ein wenig an, wie ein Blind Date, als ich an diesem Februarnachmittag aus dem Zug steige. Auch Sibylle hat ähnliche Gedanken. Später gesteht sie mir, dass sie kurz bevor wir uns gefunden haben, es durchaus als Option sah, einfach abzuhauen. Doch dann treffen wir aufeinander und es passiert, was fast immer passiert, wenn ich auf Berufskolleginnen treffe: Wir erkennen uns, als vom gleichen Clan. Und so stecken wir schon auf dem Weg ins Café mitten in einem angeregten Austausch über unsere Leben.

Dass Sibylle Pflegefachfrau wurde, war nicht geplant. Sibylle war gerne Schülerin, das Lernen fiel ihr leicht. Mit 16 Jahren machte sie ihr erstes Praktikum in einem Spital. Als sie dann die Kantonsschule besuchte, absolvierte sie während der Schulferien weitere Praktika. Ab da war für Sibylle klar, dass sie in die Pflege wollte. Dass es dann eine Ausbildung zur Krankenschwester KWS (Kinder/Wochenbett/ Säuglinge) wurde, war eher wieder Zufall. Sie machte die Eignungsprüfung für die Schule am Kinderspital. Und entgegen ihrer Erwartungen wurde sie angenommen. Mit einem Schmunzeln erzählt sie mir, sie sei damals gefragt worden, ob sie technisch begabt sei. Diese Frage habe sie verneinen müssen. Heute reiche ihr technisches Geschick jedenfalls, um die Gerätschaften mit denen sie hantieren muss, zu bedienen. Sibylle absolvierte also die dreijährige Ausbildung. Diese sei vielseitig gewesen und sie habe da schon viel erlebt. Danach arbeitete sie auf der Gynäkologie und im Gebärsaal, eigentlich mit der Option, baldmöglichst zu den Kindern wechseln zu dürfen. Als sie immer wieder vertröstet wurde, wechselte Sibylle den Arbeitgeber. Seitdem arbeitet sie in einem Kinderspital. Zuerst auf den Bettenstationen, seit 2000 auf dem Kindernotfall.

Sibylle liebt ihren Beruf, doch auch sie hat ihre Krisen erlebt und ihr Tun hinterfragt. Als sie 2014 spürte, dass sie die Geduld nicht mehr hatte - vor allem die fordernden Eltern setzten ihr zu - bat sie um ein Time out. So machte sie dann drei Monate Bettendisposition und nahm drei Monate unbezahlten Urlaub. In dieser Zeit geschah das, was immer passiert, wenn sie länger von ihrer Arbeit und vor allem vom Bett weg ist. Sie vermisste «es». Sie vermisste das Team, die Patienten und auch die Eltern, die sie nun auch wieder als das sehen konnte, was sie waren: verängstigt, überfordert. Seitdem ist es für Sibylle nie mehr zur Debatte gestanden das «Bett» - oder wie ich sage, die Front - wieder zu verlassen. Dafür hat Sibylle verschiedene Gründe:
Das Team ist für sie zentral. Ein interdisziplinäres Team, dass zusammenhält und sich dann, wenn es wirklich abgeht, gegenseitig unterstützt, ist aus ihrer Sicht auf dem Kindernotfall unabdingbar.

Auch ihr Arbeitgeber trägt viel dazu bei, dass Sibylle gesund bleiben und ihre Arbeit mit vollem Einsatz machen kann. So konnte Sibylle nach ihren Mutterschaftsurlauben immer im tiefen Pensum wieder einsteigen. Auch erlebt sie auf verschiedenen Ebenen grosse Wertschätzung. Für sie sind es die kleinen Dinge, in denen sich diese zeigt. In der Offenheit und Transparenz mit welcher Vorgesetzte kommunizieren, in dem einfachen «Danke» nach der Schicht. Im Nachfragen, wie es ihr denn gehe. Nach belastenden Situationen wird ein Debriefing gemacht und das Care - Team steht jedem zur Verfügung, der Bedarf hat.

Sibylle ist der Überzeugung, dass auch die Persönlichkeitsstruktur wichtig ist, um in diesem so anspruchsvollen Beruf zu bestehen. «Es braucht ein starkes Gegengewicht. Nur für das Spital zu leben ist nicht gesund», sagt sie. Dieses Gegengewicht hat Sibylle. An erster Stelle kommen da ihre Kinder, dicht gefolgt von ihren zwei Pferden. Überhaupt ist Sibylle ein aktiver Mensch, ist gerne draussen in der Natur. Aber auch das Wissen «Ich muss nicht, ich darf» hilft ihr.

Mit diesem starken Gegengewicht konnte Sibylle sich ihre Persönlichkeit bewahren. Sie hat sich ihre Emotionalität nicht nehmen lassen und sieht diese inzwischen auch als Stärke. Es geht nicht spurlos an ihr vorbei, wenn ein Kind im Schockraum stirbt oder ein Kind die Diagnose Krebs erhält. Manchmal weint sie dann auch mit den Eltern, die gerade auf brutale Weise ihr Kind verloren haben oder vor einem langen beschwerlichen Weg stehen. «Zuhause muss ich dann meine beiden Kinder in den Arm nehmen, voller Dankbarkeit, dass sie gesund und munter bei mir sind.» Sibylle will sich nicht einfach mit den Gegebenheiten abfinden. Sie will etwas tun. Als eine Mutter, deren Kind aspirierte fragte, warum man das, was man im Alltag mit Kindern wirklich brauche, nicht im Nothelferkurs lerne, haben sich Sibylle und eine Kollegin gesagt: «Das können wir machen.» Sie gründeten „Erste Hilfe im Kinderzimmer.ch“. Damit traten sie in eine Marktlücke. Inzwischen geben sie viele Kurse in Schulen, Kinderkrippen, Arztpraxen und auch direkt bei Familien zuhause.
In Sibylle erkenne ich ein fürsorgliches Mutterherz, dass nicht nur für ihre Patienten und deren Angehörigen schlägt, sondern auch für ihre Arbeitskolleginnen und Kollegen. Und als ich sie frage, was sie tun würde, um die Verweildauer von Pflegenden am Bett zu erhöhen, muss sie nicht lange nachdenken.

«Das Wichtigste ist ein guter Ausgleich, egal was, Hauptsache etwas, das den Fokus auf etwas anderes lenkt und bei dem aufgetankt werden kann. Um das zu ermöglichen, muss das Arbeitspensum angepasst werden. 100% zu arbeiten verunmöglicht die Selbstpflege, respektive verhindert, ein wirksames Gegengewicht zu pflegen.» Ebenfalls ist es aus ihrer Sicht unabdingbar fürsorglich mit sich selbst umzugehen. Die eigenen Grenzen zu kennen und diese auch zu setzen. Das bedeute, auch mal Nein  zu sagen. Als Teammensch sieht sie auch dort viel Potential. Sie legt viel Wert auf einen Umgang auf Augenhöhe, auf das Arbeiten Hand in Hand und die Anerkennung der verschiedenen Berufsgruppen. «Nur gemeinsam sind wir stark und können die hohen Anforderungen unseres Alltags meistern.»

Danke, liebe Sibylle, dass Du mir Dein fürsorgliches Mutterherz geöffnet hast. 

Madame Malevizia


Samstag, 28. Dezember 2019

Chli Händli häbe




Es brauche keine Ausbildung um einer 90 jährigen das Händchen zu halten. So oder so ähnlich soll es eine Politikerin gesagt haben, als es um die Pflegeinitiative ging.

Dieser Ausspruch hat mich getroffen. Persönlich. Zeigt es doch, wie wenig die Leute da draussen über das, was Pflegende tun, wissen. Wie wenig Empathie sie Pflegenden entgegen bringen. Empathie, von der sie glauben, dass sie Pflegenden angeboren ist. Diese Empathie, das sich in andere Einfühlen können, bedingt jedoch, dass Pflegende zumindest eine Ahnung haben, was beim Gegenüber gerade passiert. Die Not eines von Depressionen betroffenen Menschen kann nur ansatzweise nachvollzogen, wenn Pflegende über das Fachwissen zum Thema Depression verfügen.

Dieses «chli Händli häbe» steht für mich jedoch auch noch für etwas anderes. Nämlich für das, was nicht messbar und somit auch nicht belegbar und nicht bezahlbar ist. Ich halte oder berühre nämlich tatsächlich Hände.

Immer wenn ich an das Bett einer Person trete, deren Bewusstsein langfristig oder auch kurzfristig beeinträchtigt ist, berühre ich als erstes ihre Hand. So trete ich ohne Worte mit ihr in Kontakt. Zeige, ihr, dass ich da bin. Ich kann ihr so auch ankündigen, dass ich gleich etwas an ihr tun werde. Ich mache das nicht instinktiv, sondern weil ich es gelernt habe. Basale Stimulation heisst das Konzept.

Ich halte die Hand eines Menschen bei einer schmerzhaften Intervention. Zum einen, damit er fühlt, dass er da nicht allein hindurch muss, zum anderen, dass er diese drücken kann, wenn der Schmerz zu gross wird. Ich tue das, während ich meiner Kollegin bei der Intervention assistiere. Ich mache es also zusätzlich, während mein Fachwissen gefragt ist, um meine Kollegin zu unterstützen.

Ich halte Hände während einer akuten psychischen Krise. Ich halte die Hand, um Kontakt herzustellen zu einem Menschen in grösster Not. In solchen Momenten kann es durchaus um Leben und Tod gehen. Ich höre zu und stelle gezielte Fragen, um daraus geeignete Interventionen abzuleiten.

Und ich halte imaginäre Hände. Es sind die Hände jener Patientinnen und Patienten, die auf der Intensivstation um ihr Leben kämpfen. Es sind die Hände von Angehörigen, die sich um ihre Liebsten sorgen oder sie verloren haben. Meine Gedanken sind bei ihnen und ich hoffe ihnen so etwas Beistand zu leisten. Das habe ich nicht gelernt, aber meine Berufs- und meine Lebenserfahrung lassen mich das tun.

Für jede Art des Händchen – Haltens werde ich nicht bezahlt, jedenfalls nicht materiell. Doch jede dieser Arten macht aus mir eine Pflegefachfrau. Und genau deshalb lasse ich es mir nicht nehmen, das «Händli häbe». 


Eure Madame Malevizia

Freitag, 11. Oktober 2019

Die Dinge beim Namen nennen




Meine Lieben,


Ich bin über eine Diskussion gestolpert. Sie wird gerade im Heft «Krankenpflege» geführt. Es geht dabei um die Schattenseiten der Pflege und darum ob «jammern» hilfreich ist.
Zuerst muss ich sagen, dass ich mit dem Wort «jammern» so meine liebe Mühe habe. In Diskussionen erlebe ich den Vorwurf des Jammerns als Gesprächskiller. Das Gegenüber fühlt sich angegriffen und hat nur noch die Möglichkeit, sich entweder zurück zu ziehen, oder anzugreifen. Bevor ich also selbst Stellung beziehe, möchte ich zuerst die Begrifflichkeiten klären.
Unter Jammern verstehe ich die Haltung: «Alles ist Scheisse, ich bin das Opfer und ich kann nichts daran ändern.» Es ist ein sich hinlegen, alle viere von sich strecken und warten bis man/frau gepampert und einem die Flasche gegeben wird.
Professionell ausgedrückt: Jammern hat für mich viel mit erlernter Hilflosigkeit zu tun. Dieses Verhalten empfinde ich als lähmend und für die Probleme mit denen Pflegende zu kämpfen haben, nicht sinnvoll.

Wo Licht ist, ist auch Schatten. Nur über das Licht unseres Berufes zu sprechen, wäre eine Verzerrung der Realität. Und ebenso ungesund wie das Jammern. Es muss möglich sein, die Dinge beim Namen zu nennen. Und so wie es im Moment ist, läuft im Gesundheitswesen einiges schief. Wir Pflegenden baden da so einiges aus. Darüber müssen wir sprechen. Damit wir gehört werden und auch Teil einer Lösung sein zu können, müssen wir das laut und gezielt tun.
Ich bin also dafür, die Dinge beim Namen zu nennen. Manchmal sorgt dies schon für jene emotionale Entlastung die nötig ist, um weiter machen zu können. Zu merken, dass ich mit meinen Schwierigkeiten nicht alleine bin, kann sehr viel Kraft geben. Es kann innere Zweifel zum Verstummen bringen, zu erfahren, dass man/frau sich nicht einfach «dumm» anstellt, sondern die Probleme auch andere belasten.
Viele der Schwierigkeiten in der Pflege sind durch politische Entscheidungen zu verantworten und auch dort zu lösen. Um die Politik in Bewegung zu bringen braucht es Druck. Und diesen werden wir nur aufbauen können, wenn wir die Schattenseiten unseres Berufes öffentlich machen.
Die Dinge beim Namen zu nennen ist ein Anfang, doch wenn wir das tun, müssen wir weiter gehen. Jeder einzelne von uns, genau da wo wir jetzt gerade stehen. Ein wichtiger Punkt ist dabei, sich jenen Arbeitsbereich und Arbeitgeber zu suchen, dessen Haltung und Umsetzung dieser, die betreffende Pflegende leben kann. Bei einem so trockenen Markt bei den Fachkräften können Pflegende sich das leisten. Und damit geben sie auch ein wichtiges Signal an die Arbeitgeber, da so jene Fachkräfte rekrutieren können, die auch in die Pflegenden investieren.
Auch die Missstände am eigenen Arbeitsbereich anzusprechen und sich für Lösungen einzusetzen, wirkt der Hilflosigkeit entgegen. Das fordert bisweilen auch Kraft und Durchsetzungsvermögen. Es wird jedoch niemals so lähmend sein, wie alles widerspruchslos mit sich geschehen zu lassen.
Sich gewerkschaftlich und/oder politisch engagieren ist ebenfalls eine Möglichkeit die Zukunft der Pflege positiv zu gestalten.
Was auch immer Ihr tut, ich danke Euch schon jetzt dafür, dass Ihr Euch mit mir zusammen, für ein menschliches Gesundheitswesen einsetzt.

Eure Madame Malevizia

Sonntag, 18. August 2019

Die Argumente der Gegner - oder der gesunde Menschenverstand




Meine Lieben,

Mein heutiger Blog richtet sich an die Gegner der Pflegeinitiative und oder den Indirekten Gegenvorschlag, welcher schon bald im Parlament diskutiert werden wird. Ich habe mich mit ihren Argumenten befasst und es ist mir wichtig hier Stellung zu nehmen, damit auch Ihr Euch darüber Gedanken machen und auf diese entsprechend reagieren könnt. Dabei werde ich mich immer wieder auf ein Communiqué der Santésuisse beziehen, welches mich zu diesem Blog veranlasst. 


Der Sonderstatus

Es wird immer wieder geäussert, dass es nicht gehe einer Berufsgruppe, in diesem Fall also den Pflegefachpersonen einen Sonderstatus einzuräumen. Mir ist nicht ersichtlich, welcher Sonderstatus da gemeint ist.

Die gesetzliche Anerkennung der Pflege als eigenständiger Beruf ist kein Sonderstatus, es ist die Anpassung des Gesetzes an die Realität. Sollte dies nicht endlich umgesetzt werden, müsste die Pflege darüber nachdenken, die Realität dem Gesetz anzupassen. Übernehmen dann jene, die jetzt von Sonderstatus sprechen, die Verantwortung für das Leid und die Toten, die das nach sich ziehen würde?


Leugnen des bereits bestehenden Pflegenotstandes

Es ist eine absolute Frechheit den Pflegenotstand in der Schweiz bestreiten zu wollen. Wer das tut, verschliesst seine Augen und Ohren. Wer es öffentlich tut, reisst dafür den Mund umso weiter auf. Ich habe keine Lust mehr über Fakten zu diskutieren und an ihnen herum zu deuteln.


In anderen Ländern ist das Verhältnis Pflegende/ Patienten noch schlechter

Immer wieder werden wir Pflegenden als hysterische Hühner hingestellt, so nach dem Motto, tut doch nicht so, ist doch alles nicht so schlimm, in anderen Ländern sind die Bedingungen noch schlechter. Ich bin ehrlich entsetzt, dass die Satnésuisse sich qualitativ nach unten orientiert. Die Pflege ist der einzige Berufsstand, dem dies zugemutet wird. Einmal mehr wird den Pflegenden suggeriert, «Tut doch nicht so blöd, ist doch alles nicht so schlimm.» Man reiche mir bitte den Brechbeutel. Denn das ist an Zynismus nicht mehr zu überbieten.

In Deutschland sterben mittlerweile Kinder, weil sie keinen Intensivpflegeplatz bekommen. Die Plätze wären physisch da, aber es fehlen die Pflegenden, welche sie betreuen können. Muss es in der Schweiz auch soweit kommen? Bereits jetzt werden in Institutionen Betten (Intensiv- und Bettenstationen) geschlossen, weil die Pflegenden fehlen.

Auch werden da Äpfel mit Birnen verglichen. Da sich die Ausbildungen sowie die Aufgabenbereiche der Pflege in den verschiedenen Ländern deutlich unterscheiden.



Die Akademisierung der Pflege ist Ursache des Fachkräftemangels

In gewissen Kreisen (santésuisse und gewisse Bürgerliche Parteien) hält sich hartnäckig das Gerücht, dass für eine professionelle Pflege der gesunde Menschenverstand ausreicht.

Ich nehme diese Menschen in Zukunft beim Wort. Jeder, der das behauptet, darf mit seinem gesunden Menschenverstand zu mir auf die Nachtwache kommen und meine 12 Patienten übernehmen. Ich bin gespannt, wie er/sie sich innerhalb von 30min einen Überblick verschafft, die Diagnosen der Patienten, sowie deren Operationen nachvollziehen kann und weiss, was über die Nacht bei ihnen zu tun sein wird. Ich werde gerne zusehen, wie er mit seinem gesunden Menschenverstand die Medikamente fachgerecht vorbereitet und verabreicht. Ich werde auch sehr gerne sehen, wie er/sie mit gesundem Menschenverstand die Drainagen der Patienten kontrolliert und deren Sekrete beurteilt. Und am meisten möchte ich miterleben, wie sie den Gesundheitszustand eines Menschen beurteilt, der von jetzt auf gleich hochinstabil ist. Wenn er es dann noch schafft, die notwendigen und lebenswichtigen Massnahmen einzuleiten, ist er Superman oder sie Wonderwoman.

Viele werden jetzt sagen, dass da natürlich nicht die Akutpflege gemeint sei, aber in der Langzeitpflege sei das schon so. Ich bin sicher, meine Kolleginnen und Kollegen werden mit Vergnügen zusehen, wie diese Menschen, bei bewegungsunfähigen Menschen, oder bei einem von Demenz Betroffenen, die Körperpflege durchführen. Gerne würde ich auch wissen, wie sie mit ihrem gesunden Menschenverstand einem Menschen mit Schluckstörungen das Essen eingeben, notabene ohne, dass dieser Mensch hinterher eine Aspirationspneumonie erleidet. Ich bin ehrlich daran interessiert, wie diese Menschen mit ihrem gesunden Menschenverstand es dann auch noch schaffen die Dokumentation so zu führen, dass die Krankenkasse für die erbrachten Leistungen bezahlt.

Es wird immer wieder argumentiert, dass die «Studierten» ja gar nicht mehr bei den Patienten seien. Gerade die Krankenkassen sollten sich da mal an der eigenen Nase nehmen. Sie sind es nämlich, die hochausgebildete Pflegefachpersonen in ihren Controllingabteilungen anstellen. Mit ihren besseren Arbeitsbedingungen werben sie diese den Institutionen ab. Es sind auch die Kassen, die nur bezahlen, was als wirksam erwiesen ist. Und wie soll bewiesen werden, dass diese oder jene Pflegeintervention wirksam ist, wenn die Pflege keine eigenständige Forschung betreiben kann?



Die Pflegeinitiative hilft nur den Pflegefachpersonen

Im Initiativtext geht es tatsächlich nur um die Pflegefachpersonen HF. Ich bin jedoch der Meinung, dass eine Ausreichende Anzahl Pflegefachpersonen in den Institutionen, auch den Fachangestellten Gesundheit sowie den Assistenzpersonen hilft. Sie müssten dann nämlich nicht mehr aus der Not heraus Aufgaben übernehmen, für die sie nicht ausgebildet sind und die viele von ihnen immer wieder überfordern.


Die Mengenausweitung

Dieses Argument habe ich bisher von allen Gegnern gehört/gelesen und ich nehme das echt persönlich!

Eines möchte ich mal wissen: Was haben Pflegende getan, dass es offensichtlich Anlass dazu gibt, anzunehmen, dass wir alle zum einen Betrüger und zum anderen geldgeil sind? Ist dieses Misstrauen einem Berufsstand gegenüber, der über Jahrzehnte dazu beigetragen hat, dieses Gesundheitssystem aufrecht zu erhalten, angebracht? 


Ich bitte Euch meine Lieben, genau diese Fragen zu stellen, wenn Ihr mit diesem Argument der Mengenausweitung konfrontiert werdet. Scheut die Diskussion mit den Gegnern nicht, Ihr habt jedes Recht, sie zu führen. Tut es nicht nur für Euch, sondern auch für jene, die auf uns angewiesen sind. 


Eure Madame Malevizia.

Dienstag, 4. Juni 2019

Die Pflegehexe und der Frauenstreik




Meine Lieben,

Am 14. Juni ist Frauenstreik. Ob frau dran teilnehmen will, möchte ich jeder einzelnen selbst überlassen. Es gib jedoch etwas, das mich in diesem Zusammenhang beschäftigt. Immer wieder wird in den Medien thematisiert, ob und wie die Pflegenden streiken werden. Vereinzelt appellieren die Arbeitgeber an die Vernunft der Pflegenden. Die meisten verlassen sich einfach darauf, dass die Pflegenden nicht in der letzten Konsequenz streiken werden. Und davon dürfen sie auch ausgehen. Weil Pflegende sich vor allem durch eines auszeichnen: Ihr Verantwortungsbewusstsein. Wir alle treten an, um für kranke und verletzte Menschen da zu sein. Das tun wir, mit unserem Wissen, unserem Können und auch mit unserem Herzen. Diese Menschen, die uns so sehr brauchen, lassen wir nicht einfach im Stich. Dies ist wohl der Hauptgrund, weshalb der Frauenstreik die Gesundheitsinsitutionen nicht so stark beeinträchtigen wird, wie er es könnte.

Ich sehe den Streik als allerletztes Mittel, um eine Veränderung herbeizuführen, vielleicht sogar zu erzwingen. Und das ist dann richtig und notwendig, wenn alles anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Und das sind sie aus meiner Sicht noch nicht. Die Pflegeinitiative, welche wichtige Voraussetzungen für die Pflege herbeiführen kann, ist gerade im Parlament. So ganz langsam scheinen die Politikerinnen und Politiker dieses Landes diesbezüglich aufzuwachen. Ich bin sehr dafür, dass wir ihnen (noch einmal) Zeit dazu geben, die Dinge in Ordnung zu bringen, die sie bis jetzt verschlampt haben.

Und doch werde ich am 14. Juni dabei sein. Ich werde mit so vielen anderen Frauen und Pflegenden auf dem Bundesplatz stehen. Ich werde dort stehen, für alle die Mütter, die es manchmal förmlich zerreisst, weil sie die Erwartungen ihrer Arbeitgeber, nämlich 24/7 verfügbar zu sein, einfach nicht erfüllen können. Nicht wenige müssen ihre Stelle schliesslich aufgeben, weil es einfach nicht geht. Ich werde dort stehen, für die jungen Pflegenden, die sich noch immer erklären müssen, dass ihr Beruf nicht nur «chly chrankeschwösterle» ist und nichts aber auch gar nichts mit sexy Hexy sein zu tun hat. Und ich werde dort stehen für alle Männer und Frauen, die diesen Beruf gerne ausüben würden, jedoch mit ihrem Lohn, die Familie nicht finanzieren können. Und noch mehr werde ich dastehen, für diesen wundervollen Beruf, der als «Frauenberuf» gilt und deshalb nicht die finanzielle und gesellschaftliche Anerkennung erhält, die ihm zusteht.

Vor allem aber, werde ich als Mahnung dort stehen. Als Mahnung für die Politikerinnen und Politiker, dass sie sich nicht weiterhin auf der Solidarität und dem Verantwortungsbewusstsein der Pflegenden ausruhen dürfen. Der Glaubenssatz: «Die nehmen alles hin.», wird nicht mehr ewig Gültigkeit haben. Und auch die Gesundheitsinstitutionen tun gut daran, jetzt hinzuschauen und in den «Erfolgsfaktor Mitarbeiterinnen» zu investieren. Eines muss nämlich allen klar sein: Wenn die Pflegenden streiken, ist die absolute Schmerzgrenze erreicht. Dann ist Ende der Fahnenstange. Dann steht nicht nur die Wirtschaft oder das öffentliche Leben still. Dann stehen Herzen still. Sie haben es in der Hand, dass es in der Schweiz niemals soweit kommt.

Eure Madame Malevizia.
Ps. Ich hoffe, am 14. Juni ist schöneres Wetter als auf dem Bild... ;-)

Mittwoch, 15. Mai 2019

Ein Brief von der Pflegehexe


Im April 2019
Werter Herr Cédric Wermuth
In den letzten Wochen haben Sie sich mehrmals zu gesundheitspolitischen Themen geäussert. Ein Umstand, der mich als Pflegehexe sehr freut. Es ist wirklich fatal, dass die Gesundheitspolitik fast ausschliesslich von Vertretern der bürgerlichen Parteien bestimmt wird. Die Folge ist eine Orientierung an den Bedürfnissen der Krankenkassen, welche, wer wollte es ihnen verdenken, vor allem an ihrem eigenen Gewinn interessiert sind. Darunter leiden die Patientinnen und Patienten als erste. Aber noch eine Bevölkerungsgruppe bezahlt den Preis dieser Form von Kapitalismus: Die Pflegenden. Sie sind es, die in den letzten Jahren ausgepresst wurden wie Zitronen. Und auch wenn schon längst kein Saft mehr da ist, es wird weiter gedrückt und gepresst. Bei jeder Sparrunde, egal in welchem Kanton, die Pflege wird weiter gerupft.

Als Pflegehexe habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, der Pflege eine Stimme zu geben. Ich will, dass sich die Politik mit den ethisch- moralischen Fragen auseinandersetzt, die sie bisher mir und meinen Berufskolleginnen und – Kollegen überlassen hat. Die Probleme im Gesundheitswesen gehen alle an! Vor allem die Politikerinnen und Politiker dieses Landes. Ich mache diese für mehrere Probleme im Gesundheitswesen verantwortlich, weil sie geschlafen haben. Anders kann es nicht zustande kommen, dass ein Verrechnungssystem (DRGs) eigeführt werden konnte, von dem man wusste, dass es die Pflege ungenügend abbildet. Und das tut es bis zum heutigen Tag.

Anders kann es nicht passieren, dass die gesetzlichen Grundlagen nicht gegeben sind, dass freiberufliche Pflegende ihre Materialkosten verrechnen können. Sie lesen richtig, Herr Wermuth, anders als jeder Handwerker, besteht die Gefahr, dass Pflegende auf ihren Materialkosten sitzen bleiben.

Vor dem KVG gelten Pflegefachpersonen heute noch als Hilfsberuf. Trotz der ganzen Verantwortung, die sie heute übernehmen, hat es bisher nur ein Politiker (Rudolf Joder) für nötig befunden, dies zu ändern.

Ich finde das traurig und auch etwas beschämend. Und Sie? Sie denken jetzt wahrscheinlich, ich würde mich besser an das Parteipräsidium wenden. Das habe ich bereits. Herrn Levrat habe ich auch gefragt, warum das Gesundheitswesen im Parteiprogramm nicht vorkommt. Das tut es nämlich nicht, ich habe es gelesen. Auch habe ich Herrn Levrat 4 Fragen gestellt, welche für mich und die Pflegenden von Bedeutung sind. Ich warte bis heute auf eine Antwort…

Da mir mein Berufsstand wichtig ist und ich der Überzeugung bin, dass die Pflege und eine ausreichende Gesundheitsversorgung von elementarer Wichtigkeit sind, lasse ich mich nicht einfach mit Schweigen abspeisen und frage deshalb Sie, als Ständeratskanditat:

          Was für eine Pflege wollen Sie für die Schweizer Bevölkerung?

Kommen Sie mir jetzt aber nicht mit Schlagworten wie qualitativ hochstehend und effizient! Damit können die Pflegenden an der Basis nichts anfangen.

          Was tut Ihre Partei und Sie persönlich, damit diese Pflege realisiert werden kann?

          Wo sollen Pflegende rationieren, wenn plötzlich mehrere 100 Stellenprozente fehlen, jedoch keine Betten geschlossen werden können?

Zum Schluss noch eine etwas politischere Frage:

          Für welche Massnahmen macht sich Ihre Partei stark, um dem Fachkräftemangel entgegen zu wirken?

In der Hoffnung, dass Sie sich die Mühe machen werden, meine Fragen zu beantworten, verbleibe ich mit freundlichen Grüssen und wünsche Ihnen Gesundheit, das höchste Gut, das keiner kaufen kann.



Madame Malevizia



Ps. Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass dieser Brief, sowie eine allfällige Antwort auf meinem Blog sowie auf meiner Facebookseite veröffentlicht wird.

Montag, 6. Mai 2019

Dranne bliebe / Schrittmacherin 2/19




Die Mühlen der Politik mahlen langsam. Noch langsamer und sie würden rückwärts gehen. Ein Umstand, der mich regelmässig zur Weissglut treibt. Genauso sehr, wie die Floskeln von Politikerinnen und Politikern, mit welchen sie die Pflegenden noch immer zu beruhigen versuchen. Es sind Sätze wie: «Wir haben das Problem erkannt und werden bald Massnahmen ergreifen.» Ich könnte jedes Mal laut schreien, wenn ich das höre oder lese. Das Problem ist erkannt, dank mehreren Studien, welche den Fachkräftemangel einwandfrei belegen. Niemand kann es sich mehr leisten, dies zu bestreiten. Von Massnahmen sehe ich jedoch nichts. Der DRG bildet die Pflege noch immer nicht adäquat ab, die Miguel – Krise ist nur halbwegs gelöst, die Pflegenden dokumentieren sich einen Wolf, der Pflegenotstand spitzt sich weiter zu und vor dem Gesetz gilt die Pflege weiterhin als Hilfsberuf.

Darum heisst es für uns alle: «dranne bliebe!». Einfach aufgeben ist keine Option. Dafür steht zu viel auf dem Spiel: Ein wundervoller Beruf und vor allem die Menschlichkeit in unserem Gesundheitswesen. Ein Gesundheitswesen ohne Menschlichkeit, ist auch ein Gesundheitswesen ohne Ethik und Moral. Mit der Pflegeinitiative hat der SBK die Politik gezwungen, Farbe zu bekennen und mehr zu liefern, als nur ein paar warme Worte. Was nicht heisst, dass sie es nicht trotzdem noch immer versuchen. Schliesslich haben sich die Pflegenden jahre- wenn nicht jahrzehntelang mit ebendiesen netten Worten und einem Schulterklopfen abspeisen lassen. Darum heisst es für den SBK «dranne bliebe». Im Parlament wird ein Gegenvorschlag zur Pflegeinitiative diskutiert. Diesen gilt es zu prüfen und sollte er nicht das erfüllen, was die Pflegenden brauchen, um ihre Arbeit machen zu können, braucht es den Mut und den langen Atem des SBKs eine Volksabstimmung zu riskieren.

Auch ich will «dranne bliebe», und versuche jenen eine Stimme zu geben, welche die Worte für das, was sie fühlen und erleben nicht finden. Ich bin dankbar, dass so viele Menschen mit dabei helfen, diese Stimme zu verbreiten, Dafür möchte ich hier Danke sagen.

Ich wünsche mir, dass alle Pflegenden «dranne bliebe» und sich weiterhin stark machen für unseren Berufsstand. Dies heisst für mich, dass sie in ihrem Umfeld erzählen, was der Pflegenotstand konkret bedeutet und noch wichtiger: Mit diesem Umfeld über konkrete Lösungen sprechen. Es muss das Ziel sein, dass diese Themen öffentlich diskutiert werden. Je mehr sich die Gesellschaft damit auseinandersetzt, desto mehr Gewicht werden diese Themen auch politisch haben. Und dann kommt sie vielleicht doch noch in Bewegung, die schwerfällige Mühle der Politik.

Eure Madame Malevizia